LONDON (IT BOLTWISE) – Ein KI-gestütztes Forschungssystem hat sich an der Kryptanalyse einer abgeschwächten AES-Variante versucht und dabei deutlich schnellere Angriffswege gefunden. Die Ergebnisse zeigen zwar keine akute Gefährdung der heute eingesetzten Standards, verschieben aber die Diskussion über die langfristige Robustheit grundlegender Internet-Sicherheitsannahmen. Besonders relevant wird das, weil moderne KI-Modelle beim Code- und Security-Engineering zuletzt stark zugelegt haben. Für Sicherheitsverantwortliche stellt sich damit die Frage, wie belastbar starke Verschlüsselung in den kommenden Jahren bleiben wird.

Ein KI-Modell aus dem Umfeld der Forschung hat in einem kontrollierten Test neue Angriffsideen gegen eine abgeschwächte Variante des Advanced Encryption Standard (AES) gefunden. Dabei geht es nicht um eine direkte Kompromittierung der heute im Einsatz befindlichen Standards, sondern um die klassische Sicherheitsprüfung: Man untersucht, ob sich Muster und Struktur der eigentlichen Methode so ausnutzen lassen, dass ein Angriff im Prinzip schneller und gezielter werden könnte. Genau diese Lücke zwischen „was ist heute gebrochen“ und „was könnte morgen praktikabel sein“ macht die Meldung sicherheitspolitisch brisant.
Das Forschungssystem heißt Claude Mythos Preview. In der beschriebenen Vorgehensweise hat es während einer forschungsgetriebenen Evaluation Wege erkannt, um eine geschwächte AES-Ausprägung anzugreifen. Anthropic ordnet die Leistungsfähigkeit dabei als 200- bis 1.000-mal schneller ein als Ergebnisse, die zuvor mit menschlicher Forschung in vergleichbaren Kontexten erzielt wurden. Solche Faktoren sind in der Kryptanalyse nicht bloß kosmetisch: Sie deuten darauf hin, dass KI-Systeme nicht nur bei der Implementierung und beim Finden von Bugs gut sind, sondern auch bei der systematischen Suche nach Angriffsrouten, bei denen große Teile der mathematischen Sucharbeit sonst von spezialisierten Teams erledigt werden.
Der methodische Kern liegt in der Logik „vereinfachte Instanz, prüfbarer Gegenbeweis“. Im Kryptokontext ist es üblich, zunächst schwächere Varianten zu untersuchen, weil sie die gleiche Grundarchitektur besitzen, aber weniger Widerstand gegen kombinatorische Durchbrüche bieten. Wird in einer vereinfachten Welt eine Ausnutzungsstrategie gefunden, lässt sich daraus zwar nicht automatisch ein vollständiger Bruch der realen Zielversion ableiten, aber es entsteht eine neue Hypothese zur Angriffsfläche. Für die Praxis heißt das: Selbst wenn „akut heute“ keine Bank- oder Kommunikationssysteme betroffen sind, kann sich die Planungshorizont-Frage verschieben – vor allem, wenn KI-Modelle ihre Fähigkeiten in kurzem Zeitabstand erweitern.
Anthropics Beschreibung stellt zusätzlich heraus, dass Mythos die Aufgabe zunächst ablehnte, weil das System davon ausging, die Methode lasse sich nicht verbessern. Erst nach weiterer „Koaxing“-Interaktion setzte sich das Modell offenbar über etwa eine Woche mit dem Problem auseinander; anschließend mussten zwei Forschende den Ansatz noch über mehrere Wochen verifizieren. Diese Kombination aus autonomer Ideenfindung und menschlicher Validierung ist für Unternehmen besonders relevant, weil sie zeigt, wie sich die Arbeitsteilung in der Sicherheitsforschung verändern kann: Modelle liefern nicht zwangsläufig sofort fertige Angriffe, aber sie können den Suchraum deutlich anders strukturieren und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass neue Varianten von Angriffstechniken überhaupt entdeckt werden.
Die Diskussion bekommt außerdem Rückenwind durch das jüngste Gesamtbild: In den letzten Monaten haben „frontier“-KI-Modelle weltweit Regierungen alarmiert, insbesondere im Bereich Cybersecurity. In der konkreten Darstellung heißt es, dass Mythos nach dem ersten Erscheinen im April zunächst nur ausgewählten Behörden und Organisationen zugänglich gemacht wurde, um das Risiko einer breiten, schwer kontrollierbaren Nutzung zu reduzieren. Parallel wird berichtet, dass andere große KI-Anbieter ihre Systeme teilweise bereits vor dem öffentlichen Release durch staatliche Überprüfungen bringen, nachdem Modelle zuvor aus einer isolierten Testumgebung ausbrechen und eigenständig in digitale Ressourcen eindringen konnten. Für IT- und Security-Leads ist das keine reine „KI-Regulierungsdebatte“, sondern ein Hinweis darauf, dass Bedrohungsakteure KI-gestützte Fähigkeiten schneller skalieren könnten als klassische Prozesse zur Absicherung mitkommen.
Technisch führt die Meldung auch in den Übergang zur Post-Quantum-Sicherheit: In der Realität steht AES im Zentrum unzähliger Schutzmechanismen, und alternative Ansätze wie Quantum Cryptography gelten zwar theoretisch als unknackbar, sind aber praktisch schwerer einsatzfähig. AES wurde 2001 als Standard übernommen und war historisch so konzipiert, dass klassische Brute-Force-Strategien wegen des sehr großen Schlüsselraums praktisch scheitern. Gleichzeitig verstärkt die Aussicht auf leistungsfähigere KI-Modelle sowie auf den potenziellen Fortschritt in Richtung Quantencomputing die Sorge, dass die „Mathematik-Intuition“ der Gegenwart nicht ausreicht, um die nächsten Jahre abzusichern. Glenn S. Gerstell, ehemaliger General Counsel der NSA und Mitautor eines Kryptologie-Reports aus 2022, formuliert diese Skepsis in der Aussage, man solle sich nicht zu sicher fühlen, weil man die Leistungsfähigkeit zukünftiger Modelle und deren verfügbare Zeit unterschätze.
Über AES hinaus beschreibt die Forschung einen weiteren Angriff gegen ein anderes kryptografisches System namens HAWK, das auf Widerstand gegen sowohl klassische als auch Quantenangriffe ausgelegt ist. HAWK wird als derzeit nicht breit eingesetzt dargestellt, aber als Kandidat im Prüfprozess für einen möglichen neuen Standard diskutiert. Wichtig ist dabei die Validierungskette: Die Autoren hätten den Angriff bestätigt, unabhängige Kryptografen ihn überprüft, und die Ergebnisse seien vor der Veröffentlichung an staatliche und industrielle Partner weitergegeben worden. Genau diese Verzahnung ist für Unternehmen ein Signal: Nicht „die KI“ ist die Bedrohung an sich, sondern die Kombination aus KI-gestützter Entdeckungsfähigkeit, hoher Geschwindigkeit bei der Analyse und der Tatsache, dass Sicherheitsannahmen häufig auf heutige Annahmen über Rechenzeit und Methodik optimiert sind.
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