LONDON (IT BOLTWISE) – Bei einem Angriff auf Coldcard-Kaltwallets wurden innerhalb von 41 Minuten mehr als 1.000 Bitcoin im Wert von rund $70 Millionen aus insgesamt 1.196 Wallets abgezogen. Die Geräte selbst wurden dabei nach Angaben der Auswertung nicht angefasst, weil der Angriff auf eine Firmware-Schwachstelle setzt. Dadurch konnten angeblich „unknackbare“ Seed-Phrasen rechnerisch eingegrenzt und private Schlüssel rekonstruiert werden. Besonders brisant bleibt, dass Wallet-Besitzer nicht zuverlässig prüfen können, ob ihr Seed auf verwundbarem Firmwarestand erzeugt wurde.

Der zentrale Bruch in der üblichen Kaltlager-Logik ist so simpel wie schmerzhaft: In dem am 30. Juli beobachteten Abfluss wurden nicht die Coldcard-Geräte selbst kompromittiert, sondern die Art, wie sie Seeds erzeugen. Der Angriff dauerte laut nachträglicher Rekonstruktion 41 Minuten und führte dazu, dass mehr als 1.000 Bitcoin im Gegenwert von rund $70 Millionen aus 1.196 Coldcard-Wallets abgezogen wurden. Entscheidend ist dabei nicht allein die Größenordnung, sondern die Mechanik. Viele Krypto-Diebstähle folgen dem Muster „Zugang zu etwas verschaffen“ – etwa über kompromittierte Exchanges, manipulierte Verträge oder ausgefilterte Keys. Hier aber blieb die Hardware als Angriffsfläche weitgehend außen vor, weil der Schwachpunkt an der Schlüsselgenerierung ansetzt.
Technisch betrachtet dreht sich der Vorfall um eine Firmware-Lücke, die die Seed-Phrasen nicht mehr zuverlässig als unvorhersehbar behandelt. Nach den verfügbaren Beschreibungen sollten die Geräte beim Wallet-Setup eine Zahl aus einem dedizierten Hardware-Randomness-Generator ziehen, also aus einem Zufallsquellensystem, das für die Seed-Erzeugung gedacht ist. In dem beschriebenen Fall existierte in einem internen Build-Kontext ein Schalter, der diesen Generator übersprang. Der begleitende Test in einer unterstützenden Bibliothek prüfte offenbar nur, ob der Schalter vorhanden ist, nicht aber ob er tatsächlich aktiv war. Das führte dazu, dass die Schlüsselgenerierung auf eine einfache Software-Alternative auswich, die aus festen Chip-Metadaten wie einer Seriennummer und aus Timing-Informationen abgeleitet wurde, die ein Angreifer auf eigenem Gerät eingrenzen oder messen kann.
Damit verschiebt sich das Risiko fundamental: Künstlich wird aus einem Suchraum, der im Modell „unvorstellbar groß“ sein sollte, ein zählbarer Bereich. Bei älteren Coldcard-Modellen wie Mk2 und Mk3 wurde laut Auswertung die generierbare Schlüsselmenge bereits als deutlich eingeschränkt identifiziert; für Mk4, Q und Mk5 wird der verbleibende Bereich auf grob vier Milliarden Möglichkeiten beziffert. Vier Milliarden wirken für Menschen groß, sind für Computer aber nicht mehr „praktisch unknackbar“. Der entscheidende Punkt am Angriff ist daher das Offline-Vorgehen: Der Angreifer kann auf eigener Hardware Kandidaten-Seeds erzeugen, daraus die zugehörigen Adressen ableiten und anschließend mit öffentlichen Blockchains abgleichen. Weil diese Prüf- und Ableitungsschritte vollständig auf der Angreiferseite laufen, wird das Opfergerät in der Angriffskette nicht mehr benötigt – es kann aus Sicht der Angriffslogik sogar ausgeschaltet bleiben.
Wie sich das im On-Chain-Verlauf zeigt, wurde im beschriebenen Fall mit einer detaillierten Timeline plausibilisiert. Laut Mapping eines Blockchain-Daten-Teams wurden bei dem Ereignis 1.082,65 BTC zwischen 01:10 und 01:51 UTC über sechs Blöcke hinweg abgeräumt, wobei drei dazwischenliegende Blöcke leer waren. Dieses Muster deutet darauf hin, dass die Transaktionen gebündelt und dann in kurzer Folge versendet wurden, anstatt kontinuierlich zu laufen. Auch die nachgelieferte Korrektur zur Verlustsumme stützt die These: Frühere Berichte erfassten nur einen Teil der Abflussadressen; inzwischen sitzt die Beute offenbar in vier Zieladressen, die noch keine weiteren Bewegungen zeigen. Zudem wurde festgestellt, dass die meisten betroffenen Wallets auf den modernen nativen Segwit-Adressformaten basierten (1.183 Fälle), während kleinere Anteile ältere Standards nutzten. Genau diese Mehrformat-Abdeckung spricht für systematisches Enumeration-Vorgehen: Der Angreifer wählt Kandidaten so, dass jede mögliche Ableitungsschiene für den Seed durchsucht wird.
Für Wallet-Besitzer ist das vor allem deshalb schwierig, weil sich Exponiertheit nicht zuverlässig selbst testen lässt. Wenn die Seed-Erzeugung auf verwundbarem Firmwarestand erfolgt ist, kann die resultierende Seed-Phrase rechnerisch in einen reproduzierbaren Bereich fallen. Doch es gibt nach der beschriebenen Lage keinen praxisnahen Test, der auf dem eigenen Gerät nachweist, ob der erzeugte Seed in diesem eingeschränkten Raum liegt. Das bedeutet: Wer die Mittel nicht sofort bewegt, läuft nicht nur Gefahr, Opfer eines einmaligen Abgriffs zu werden, sondern auch einer weiteren Angriffswelle. Solche „späteren Sweeps“ wären technisch konsequent, weil der Angreifer den Enumerationsprozess über verschiedene Zeitfenster zurücklaufen lassen könnte, insbesondere wenn er nicht alle Kandidaten identisch sofort verwerten kann oder wenn er Transaktionsplanung über mehrere Rundläufe optimiert.
Ein zusätzlicher Aspekt kommt bei der Spurensuche hinzu: Nach den öffentlich gemachten Aussagen eines beteiligten Investigators soll der Angreifer während der Sweeps einen bezahlten Zugang bei einem bekannten Blockchain-Datenanbieter genutzt haben, um Quelladressen gezielt abzufragen. Gleichzeitig wird berichtet, dass die internen Logs des Providers den vermuteten Workflow mit bemerkenswerter Detailtiefe deckten – unter anderem bis zu Timing, Anzahl und Reihenfolge der Anfragen. Wichtig ist hier die Einordnung: Ein solcher Servicezugriff erklärt nicht die eigentliche technische Ursache des Hacks, aber er liefert Ansatzpunkte für die Ermittlungsarbeit und für die Frage, welche Kombination aus On-Chain-Enumeration und Datenabfragen für Angreifer besonders effizient wird. In der Konsequenz entstehen auch organisatorische Lehren: Nicht nur die Wallet-Firmware ist Angriffsfläche, sondern auch die Werkzeuge, mit denen Angreifer öffentliche Daten in ihren Suchprozess integrieren.
Für die breitere Sicherheitslandschaft unterstreicht der Vorfall eine Entwicklung, die sich in der Kryptotechnik schon länger abzeichnet. Cold Storage wird oft als Versprechen gelesen, dass ein Key „ungefährlich unknackbar“ bleibt – aber zunehmend zeigt sich, dass die harte Seite nicht die spätere Speicherung ist, sondern die Entstehung des Schlüssels. Wenn die Entropiequelle oder die Validierungskette beim Setup schwächelt, wird aus „unreachable“ ein „nur noch rechnerisch teuer“. Das wiederum zwingt Unternehmen und Entwickler dazu, Threat Models nicht nur auf Datenexfiltration und Gerätezugriff auszurichten, sondern auch auf Umgebungsannahmen rund um Randomness, Build-Prozesse und Testabdeckung. In der Praxis heißt das: Firmware-Integrität, saubere Zufallsquellen und belastbare Checks bei Schlüsselmaterialerzeugung müssen als zusammenhängendes System betrachtet werden – nicht als getrennte Komponenten, die „eigentlich funktionieren müssten“.
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