LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Forschende sehen einen Zusammenhang zwischen einer RNG-Schwäche in COLDCARD-Firmware und einem mutmaßlichen Diebstahl von insgesamt rund 88,6 Millionen US-Dollar in Bitcoin. Über mehrere Transaktionswellen sollen Angreifer Seeds aus betroffenen, offenbar nicht ausreichend zufallsbasierten Generierungen offline rekonstruiert und die passenden privaten Schlüssel ermittelt haben. Galaxy Research ordnet erste Transfers rund 30 Stunden vor der öffentlichen Bekanntgabe durch Coinkite ein. Sicherheitsupdates beheben die Schwachstelle, reparieren aber nach Angaben des Herstellers keinen bereits erzeugten Seed.

Die Ermittlungsarbeit rund um den mutmaßlichen Bitcoin-Diebstahl über tausende COLDCARD-Wallets verdichtet sich auf einen sehr spezifischen Angriffspfad: Eine Schwäche in der Firmware-Implementierung des Zufallszahlengenerators (RNG) soll es Angreifern ermöglicht haben, Seed-Phrasen aus abgegriffenen Determinismus-Quellen abzuleiten. Laut den beschriebenen Analysen liegt der Kernfehler nicht darin, dass die Hardware des Geräts „keinen“ Zufall liefern kann, sondern dass die Firmware bei der RNG-Integration fälschlich auf einen deterministischen Fallback zurückgreift. Dadurch entsteht ein Szenario, in dem Seeds unter bestimmten Firmware-Versionen nicht ausreichend unvorhersagbar sind und sich damit offline rekonstruieren lassen.
Der zeitliche Ablauf passt nach Angaben von Galaxy Research und den weiteren Auswertungen zu einer planvollen Vorbereitungsphase. Galaxy Research identifizierte demnach zunächst eine Transaktionswelle, die vermutlich in direktem Zusammenhang mit der RNG-Problematik stand: Am 30. Juli sollen dabei rund 1.083 BTC, bewertet mit 70,2 Millionen US-Dollar, aus 1.196 Adressen abflossen sein. Auffällig war dabei das Transaktionsmuster: Jede einzelne Sweep-Transaktion nutzte einen identischen hardcodeten Fee-Rate von 30 satoshis pro vB und erzeugte dabei keinen Change-Output. Das spricht in der Auswertung eher für automatisiertes Ausgeben von bereits vorhandenen Schlüsseln als für nutzergetriebene Geldbewegungen mit individuellen Gebühren und typischen Wallet-„Rückgaben“.
In der Folge kamen nach den beschriebenen Beobachtungen weitere Wellen hinzu. Am 1. August erhöhte Galaxy Research die Schätzung auf insgesamt 1.367 BTC, entsprechend etwa 88,6 Millionen US-Dollar, die von 4.585 Adressen gestohlen worden sein sollen. Auch Chainalysis ordnete das Vorgehen als selektiv ein: Der Angreifer habe demnach zunächst besonders hochwertige Ziele priorisiert und innerhalb der ersten zehn Minuten rund 30 Millionen US-Dollar bewegt; zudem wird ein Fall mit 1,8 Millionen US-Dollar für ein einzelnes Opfer genannt. Dass die Angreifer offenbar gezielt Wallets mit hoher Entropiearmut identifizierten, legt nahe, dass die betroffenen Seed-Varianten vor dem ersten Abfluss analysierbar waren und man sie im Voraus in Adressen übersetzen konnte, die später auf der Blockchain „treffen“.
Technisch betrachtet wird die Schwachstelle in der Firmware als Integrationsfehler beschrieben: Die COLDCARD-Firmware soll dazu führen, dass ngu.random statt des STM32-Hardware-RNG auf MicroPythons deterministischen Yasmarang-Fallback zurückgreift. Coinkite umfasst zwar einen separaten Hardware-RNG, doch eine fehlerhafte Prüflogik in der Firmware veranlasst das Gerät offenbar, stattdessen einen softwarebasierten Generator zu verwenden. Dieser Fallback stützt sich auf mikrokontrollerspezifische Identifier und Timing-Werte des Systems. Block beschreibt, dass diese Quellen nicht kryptografisch sichere Zufallsquellen sind und sich potenziell beobachten oder rekonstruieren lassen. Der Angreifer konnte dadurch nach dem beschriebenen Modell die Seed-Phrasen möglichweise offline erzeugen, daraus die zugehörigen Bitcoin-Adressen ableiten und per Adressvergleich verifizieren, ob ein korrekter Seed getroffen wurde. Passt der Seed, können die privaten Schlüssel berechnet und die Gelder anschließend „gesweept“ werden.
Für die Risikoabschätzung ist entscheidend, welche Seed-Generierungsversionen betroffen sind und was ein Firmware-Update tatsächlich leistet. Laut Coinkite-Aussagen betreffen die Einschränkungen insbesondere Seeds, die auf Mk2- und Mk3-Firmware in den Versionen 4.0.1 bis 4.1.9 erzeugt wurden, auf Mk4- und Mk5-Geräten vor Standardversion 5.6.0 bzw. Edge-Version 6.6.0X sowie auf Q-Geräten vor Standardversion 1.5.0Q bzw. Edge-Version 6.6.0QX. Ein Fix-Update ist demnach verfügbar: für Mk2/Mk3 ab Version 4.2.0, für Mk4/Mk5 ab 5.6.0, für Q ab 1.5.0Q und für die entsprechenden Edge-Releases ab 6.6.0X bzw. 6.6.0QX. Gleichzeitig macht der Hersteller klar: Ein Update repariert keinen bereits generierten Seed. Betroffene Nutzer sollen deshalb laut Anleitung ihre bestehende Sicherung prüfen, die korrigierte Firmware einspielen, einen neuen Seed erzeugen und ihn sicher dokumentieren, dann die neue Wallet-Adresse am Gerät verifizieren, einen kleinen Test-Transfer ausführen und erst danach das restliche Guthaben migrieren. Die alte Backup-Datei soll bis zur vollständigen, bestätigten Migration aufbewahrt werden.
Zusätzlich nennt Coinkite Schutzverstärker, die das Ausnutzungsrisiko mindern können, allerdings ohne den grundlegenden Seed-Mangel pauschal „rückgängig“ zu machen. Seeds, die mit mindestens 50 fairen, unabhängigen und privaten Würfen von Würfeln ergänzt wurden, gelten demnach nicht als allein durch diese Schwachstelle gefährdet. Ebenso erschwert eine starke, einzigartige BIP-39-Passphrase die praktische Ausnutzung erheblich. Trotzdem bleibt der Kernauftrag bestehen: Wer in der betroffenen Firmware-Ära Seeds erzeugt hat, muss migrieren, weil die Sicherheitsannahme hinter dem Seed nicht wiederhergestellt wird. Interessant ist zudem die Abgrenzung zu anderen Coinkite-Produkten: Laut Coinkite sind TAPSIGNER, OPENDIME und SATSCARD nicht betroffen, da sie auf unterschiedlichen Codebases basieren. Außerdem wurden demnach alle COLDCARD-Geräte, die zum Zeitpunkt des Vorfalls noch ausgeliefert werden sollten, mit der betroffenen Firmware nicht weiterverwendet und stattdessen zerstört; Geräte, die bereits verschickt waren, erhielten eine E-Mail mit dem Security Advisory und konkreten Migrationsschritten.
Für Unternehmen und Sicherheitsteams ist dieser Fall mehr als ein isolierter Wallet-Fehler. Er zeigt, wie stark sich die Sicherheit eines Kryptosystems an „kleine“ Implementierungsdetails in der RNG-Kette hängt: Eine Determinismus-Quelle in einem Seed-Generator kann aus einer sonst robusten Konstruktion ein reproduzierbares Schlüsselmaterial machen. Gleichzeitig wird deutlich, warum Security-Modelle neben Kryptografie auch Implementierungs- und Integrationslogik mitdenken müssen, etwa bei der Frage, ob Hardware-RNGs wirklich genutzt werden oder ob Fallbackpfade im Fehlerfall ungewollt in die Sicherheitsannahme eingreifen. Genau deshalb lohnt sich für Betreiber von Sicherheitsprozessen auch der Blick auf die eigenen Prüf- und Validierungsschichten: Wenn eine Abweichung in der RNG-Kette erst spät auffällt, bleibt zu wenig Zeit für Prävention. Im Wallet-Kontext heißt das praktisch: Firmware-Updates, Seed-Migration und die saubere Verifikation neuer Adressen sind nicht „Prozessaufwand“, sondern eine direkte Sicherheitsmaßnahme.
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