LONDON (IT BOLTWISE) – Compact Greens hat in „Die Höhle der Löwen“ mit einer modularen Pflanzwand für Kräuter, Salat und sogar Obst überzeugt. Vollautomatische Licht- und Bewässerungssteuerung läuft über eine App, doch beim Deal mit Dagmar Wöhrl kam es nach der Aufzeichnung zu keiner Einigung. Grund waren laut Gründern unterschiedliche strategische Vorstellungen über Produktfokus und Weiterentwicklung. Parallel treiben die jungen Gründer die Serienreife voran und suchen weiter nach Investoren.

Compact Greens ist ein Beispiel dafür, wie schnell eine Technikidee im Fernsehen auf Interesse stößt – und wie viel Umsetzungskraft danach trotzdem nötig bleibt. In der Sendung traten fünf Schüler mit ihrem Produkt an: einer Pflanzwand, die als modulares System gedacht ist und nicht nur Kräuter, sondern auch Salat sowie Obst- und Gemüseschoten aufnehmen kann. Das Konzept adressiert ein konkretes Problem in der Praxis: Stadtwohnungen haben oft zu wenig Fläche für ein klassisches Hochbeet, zugleich wollen viele Menschen saisonunabhängig frische Pflanzen anbauen. Genau hier setzt die „Green Wall“ an, indem sie mehrere Module zu einem erweiterbaren System kombiniert.
Technisch wirkt die Lösung auf den ersten Blick erstaunlich „alltäglich“: Licht und Bewässerung werden über eine App gesteuert. In der Darstellung der Gründer wird die Setzlingsaufnahme bewusst einfach gehalten – die Pflanzen werden in die Module eingesetzt und lassen sich im Online-Shop nachbestellen. Auch die mechanische Montage an der Wand ist Teil des Value-Propositions: Die Konstruktion wird über eine Halterung befestigt, und die Stromversorgung erfolgt über einen Anschluss, der direkt aus der Wand kommt. Frank Thelen hakte genau an dieser Stelle kritisch nach, weil er den Aufbau als zu unpraktisch empfand, während die Gründer entgegneten, es brauche lediglich „eine Steckdose“, und zudem werde sogar ein Verlängerungskabel mitgeliefert.
Der zweite Teil der Diskussion verlief dann weniger über Elektrik und mehr über Wirtschaftlichkeit. Während die Mehrheit der Löwen – besonders das Gründerteam um Max Lauterbach, Jonas Frank und die weiteren Mitgründer – den Pitch als souverän und überzeugend wahrnahm, gab es harte Zahlenfragen. Ein zentraler Punkt war die vergleichsweise niedrige Marge von 20 Prozent. Dagmar Wöhrl kritisierte das offen als „nicht gut“, woraufhin die Gründer erwiderten, die Marge werde sich mit zunehmender Produktion verbessern. Ebenso streitbar war die Bewertung: Für 15 Prozent Anteile forderten sie 180.000 Euro und leiteten daraus einen Unternehmenswert von 1,2 Millionen Euro ab. Für außenstehende Beobachter ist das ohne Umsatz immer heikel, denn die Bewertung basiert hier primär auf Potenzial.
Der Deal schien zunächst trotzdem greifbar. Zwei Löwen machten jeweils die geforderten 180.000 Euro für 15 Prozent – ohne nachzuverhandeln. In der Folge entschieden sich die Gründer für Dagmar Wöhrl. Doch fast ein halbes Jahr später ist daraus nichts geworden: Nach der Aufzeichnung sei zunächst die Due Diligence gestartet worden, bei der sich laut den Gründern „unterschiedliche Vorstellungen“ zur weiteren Entwicklung des Unternehmens herauskristallisiert hätten. Diese Divergenz wird im Kern auf zwei Perspektiven heruntergebrochen: Die Gründer wollen die Green Wall sowohl funktional als auch ästhetisch positionieren und beschreiben das Produkt selbst als „Design-Objekt“. Lauterbach formulierte es im Gespräch mit Janna Ensthaler so, dass die Pflanzwand kein reines Fensterbrett-Setup ersetzen soll, sondern „ein ganzes Hochbeet“. Wöhrl zeigte sich zwar weiterhin an Idee und Produkt interessiert, betonte aber zugleich, dass es bei strategischen Fragen nach dem Austausch unterschiedliche Ansätze gegeben habe.
Für Startups ist genau diese Phase oft der eigentliche Gradmesser: Zwischen einem starken öffentlichen Pitch und einer tatsächlichen Kapitalpartnerschaft liegen Dokumentationspflichten, Roadmap-Abstimmungen und Entscheidungen über Prioritäten. Während die Serienfertigung und die Lieferfähigkeit im Hintergrund weiterlaufen müssen, entscheidet sich in solchen Prozessen, ob Investoren und Gründer dieselbe Vorstellung von Produktentwicklung, Marketing und Skalierung teilen. In der Zwischenzeit haben die Gründer ihre Rolle als Schüler abgelegt: Zwei Wochen nach dem Dreh starteten ihre Abitur-Prüfungen, wie sie berichten, und sie beschäftigen sich nun Vollzeit mit dem Unternehmen. Die Finanzierung erfolgt dabei über Angel-Investoren – nach Darstellung der Gründer vor allem lokale Unternehmer, zusätzlich laufen Gespräche mit weiteren Investoren.
Auch operativ bleibt Compact Greens nicht im Wartemodus. Ein erster Schwung Pflanzwände sei bereits ausgeliefert worden; mit Blick auf den Ausstrahlungszeitpunkt hoffen die Gründer auf eine weitere Bestellwelle. Um die potenziell steigende Nachfrage im Online-Shop abzusichern, wurde sogar ein erster Mitarbeiter für das Web-Development engagiert. Parallel haben die Gründer die Marge weiter verbessert: Jonas Frank nennt aktuell eine Marge im Bereich von 30 bis 25 Prozent. Gleichzeitig bleibt noch Baustellenpotenzial, etwa weil einzelne Teile derzeit (wie beschrieben) mit 3D-Druck gefertigt werden und mittelfristig eine andere Lösung folgen soll. Genau so funktioniert das typische Startup-Tagewerk: ein Schritt nach dem anderen, während die Produktentwicklung parallel zur Investorensuche weiterläuft.
Für die Branche ist das Timing interessant, weil vertikale Anbaukonzepte und automatisierte Gartenlösungen in den letzten Jahren stärker in Richtung „Consumer-Produkt“ rücken – weg von reiner Technikdemonstration, hin zu installierbaren Systemen mit klarer Nutzerführung. Compact Greens versucht dabei, nicht nur Anbau zu ermöglichen, sondern auch die Hürde für die tägliche Nutzung zu senken: App-Steuerung, modulare Erweiterbarkeit und ein Designanspruch, der das Produkt als Möbelstück begreifbar machen soll. Der Deal, der im Fernsehen kurz aufleuchtete, ist zwar geplatzt – doch aus Investorensicht ist das Muster nicht ungewöhnlich. Entscheidend wird jetzt, ob sich die technische Umsetzung, die wirtschaftlichen Annahmen und die Positionierung als „Design-Objekt“ so zusammenbringen lassen, dass die nächste Kapitalrunde nicht nur möglich ist, sondern auch strategisch passt.
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