MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem CoreNet Global EMEA Summit in München rückt Corporate Real Estate Management vom Flächen- und Kostenoptimierer zum strategischen Mitgestalter auf. Lina Scherer betont, dass Immobilienentscheidungen messbar zu Resilienz, Talentgewinnung und Unternehmenskultur beitragen müssen. Im Fokus stehen zudem Szenario-Planung für unsichere Rahmenbedingungen und ein Arbeitsplatzverständnis, das Kollaboration, Identifikation und Performance in den Mittelpunkt stellt. Parallel steigt der Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf Portfolioanalysen und Entscheidungsprozesse.

Corporate Real Estate Management (CREM) wird auf einmal weniger als „Hintergrundfunktion“ verstanden und stärker als strategischer Hebel. Genau diese Verschiebung wurde auf dem CoreNet Global (CNG) EMEA Summit deutlich, der vom 8. bis 10. September erstmals in München stattfand. Unter dem Leitmotiv „Beyond the Horizon: From Complexity to Clarity“ ging es vor allem um eine Leitfrage: Wenn externe Faktoren wie geopolitische Lage, Energieversorgung, Klimaauswirkungen oder demografische Trends die Planbarkeit stören, wie übersetzt man Immobilien dann in Unternehmensvorteile statt nur in Quadratmeter- und Standortlogik? Lina Scherer, Präsidentin des Central Europe Chapter von CNG, machte dabei den Kernanspruch klar, dass Entscheidungen im Corporate Real Estate heute über Flächen, Standorte und Kosten hinausgehen müssen.
Im Zentrum stand Resilienz – und zwar nicht als Schlagwort, sondern als konkrete Anforderung an Portfolios. Wenn Unternehmen auf mehrere, gleichzeitig mögliche Zukunftspfade vorbereitet sein müssen, reicht eine lineare Bedarfsrechnung häufig nicht mehr aus. Scherer verwies darauf, dass Unternehmen ihre Immobilienportfolios proaktiv resilient gestalten sollen, um auf unterschiedliche Entwicklungen reagieren zu können. Praktisch bedeutet das eine verstärkte Anwendung von Szenario-Planung und flexiblen Strategien: potenzielle Veränderungen frühzeitig erkennen, mehrere Szenarien durchspielen und das Portfolio so ausrichten, dass die Handlungsfähigkeit auch dann erhalten bleibt, wenn Annahmen kippen.
Dass viele Organisationen inzwischen mit dauerhafter Unsicherheit rechnen, verschiebt auch die Fähigkeiten, die CRE-Teams künftig benötigen. Scherer sagte sinngemäß, es gebe keine Rückkehr zu langfristig stabilen Rahmenbedingungen; entscheidend sei daher die Kompetenz, auch unter unsicheren Bedingungen belastbare Entscheidungen zu treffen. An dieser Stelle wird Datenarbeit zur Pflichtübung: belastbare Daten bilden die Grundlage, aber sie allein schaffen noch keinen Mehrwert. Erst die Einbettung in relevante Kontexte, die Ableitung konkreter Handlungsoptionen und die Interpretation entlang der Unternehmensziele entscheidet darüber, ob aus Analysen Entscheidungen werden.
Parallel verändert sich das Verständnis vom Arbeitsplatz. In vielen Unternehmen beginnt der Diskurs nicht mehr bei der reinen Flächenbedarfsanalyse, sondern bei der Frage, welchen Beitrag eine Fläche für Produktivität, Kollaboration und Unternehmenskultur leisten soll. Hybride Arbeitsmodelle stellen dabei den Menschen in den Mittelpunkt: persönliche Begegnungen, Zugehörigkeitsgefühl und eine gemeinsame Identität werden zu Nutzungsdimensionen, nicht zu „nice-to-have“-Effekten. Genau daraus ergibt sich eine neue Aufgabe des Corporate Real Estate: Orte zu schaffen, die gegenüber rein digitaler Arbeit erkennbar mehr Wert bieten – etwa durch Interaktionsqualität, die Gestaltung von Begegnungsanlässen oder die Unterstützung von Teamarbeit.
Technologie spielt in diesem Wandel eine wachsende Rolle, aber nicht als Ersatz für Interaktion. Der Summit nahm den steigenden Einfluss von Künstlicher Intelligenz (KI) auf Workplace-Strategien, Portfolioanalysen, Prognosen und Entscheidungsprozesse ausführlich in den Blick. KI wird damit vor allem als Werkzeug für schnellere und präzisere Auswertungen verstanden, während gleichzeitig die Anforderungen an Datenqualität und -interpretation steigen: Daten allein liefern noch keine Handlungsfähigkeit, erst Kontextualisierung und die Ableitung realer Optionen machen den Unterschied. Daraus folgt auch eine Neudefinition von CRE-Kompetenzen: Immobilienwissen bleibt zentral, ergänzt sich aber um technologische Fähigkeiten und ein tiefes Verständnis der Geschäftsmodelle sowie der strategischen Ziele des jeweiligen Unternehmens.
CoreNet Global ordnet diese Entwicklung als Bewegung hin zu engerer Zusammenarbeit über Abteilungsgrenzen hinweg ein. Immobilienentscheidungen berühren heute ebenso Themen wie Personalgewinnung, Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Energieversorgung und Business Continuity – damit werden CRE-Prozesse stärker zum Schnittpunkt unterschiedlicher Unternehmensbereiche. Scherer brachte die Richtung auf den Punkt, indem Corporate Real Estate immer häufiger an strategischen Entscheidungsfragen beteiligt wird. Die Aufgabe: globale Entwicklungen verstehen und daraus präzise Entscheidungen für Standorte, Portfolios und Arbeitswelten ableiten – mit dem Anspruch, Technologie, Daten und menschliche Bedürfnisse so zu verknüpfen, dass Corporate Real Estate zum spürbaren Werttreiber wird.
Dass der nächste EMEA Summit bereits für den 20. bis 22. September 2027 in London angekündigt ist, zeigt zugleich, wie schnell sich der Themenrahmen verschiebt: Weg von der reinen Bewirtschaftungslogik, hin zu einer steuernden Rolle für resilientere Organisationen. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eines: CRE-Strategien sollten ihre Annahmen regelmäßig gegen Szenarien validieren, KI-gestützte Analytik in klare Entscheidungslogiken überführen und den Arbeitsplatz als Bestandteil von Performance und Kultur betrachten. Wer diese Linien konsequent zusammenführt, kann aus Immobilien nicht nur Kostentransparenz, sondern echte strategische Steuerung gewinnen.
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