AUSTIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Cyberkriminelle und mutmaßlich staatlich gelenkte Gruppen haben Anwaltskanzleien stärker ins Visier genommen als noch 2023. Laut dem „Legal Threat Landscape Report 2026“ meldet CrowdStrike für den Rechtssektor fast eine Verdopplung der Angriffe. Besonders lukrativ sind Mandantendaten wie Fusions- und Übernahmepläne, geistiges Eigentum sowie Gerichtsstrategien, weil sie sich für Erpressung und Wirtschaftsspionage eignen. In den USA beobachten Sicherheitsforscher zudem gezielte Vorgehensweisen, bei denen Angreifer offenbar sogar vor Ort Zugriff zu Arbeitsstationen suchen.

Rechtsabteilungen und Anwaltskanzleien wirken in vielen Unternehmen oft wie eine eigene „Insel“: eigene Systeme, vertrauliche Dokumente, strikte Abläufe. Genau diese Abschottung macht sie aus Sicht von Angreifern jedoch zunehmend attraktiv. Laut dem „Legal Threat Landscape Report 2026“ des IT-Sicherheitsunternehmens CrowdStrike ist die Zahl der Angriffe auf Organisationen im Rechtssektor im Vergleich zu 2023 beinahe verdoppelt worden. Als besonders begehrtes Zielprofil beschreiben die Sicherheitsexperten dabei nicht nur klassische „Endpunkt“-Daten, sondern hochsensible Mandatsinhalte, die sich sofort in Verhandlungslage übersetzen lassen.
Technisch und operativ setzen viele Kampagnen auf Datenabfluss mit anschließender Erpressungslogik. In den beobachteten Angriffen suchen die Hacker vor allem nach vertraulichen Mandantendaten wie Fusions- und Übernahmeplänen, Unterlagen zum geistigen Eigentum, Finanzdaten und sogar Gerichtsstrategien. Diese Informationen sind deshalb so wertvoll, weil sie nicht nur drohen, sondern unmittelbar wirtschaftlichen Schaden oder Reputationsrisiken auslösen können. CrowdStrike ordnet zudem große Teile der Aktivität finanziell motivierten Akteuren zu: 82 Prozent der beobachteten Angriffe seien demnach finanziell getrieben.
Für die konkrete Angriffsdynamik nennen die Analysten „Big Game Hunting“. Im Erfassungszeitraum von September 2025 bis August 2026 wurden insgesamt 455 Organisationen aus dem Rechtssektor auf Datenleak-Websites als „lukrative Großziele“ gelistet, was einem Zuwachs von 39 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht. Bemerkenswert ist außerdem, wie stark Erpressergruppen die Verschwiegenheitspflicht als Druckmittel nutzen: Kanzleien stünden laut CrowdStrike unter erheblichem Druck, Lösegelder schnell zu zahlen, um Reputationsschäden sowie regulatorische Konsequenzen zu vermeiden. Als aggressivste Einzelbedrohung identifizieren die Sicherheitsforscher „Chatty Spider“, deren Angriffsaktivitäten binnen Jahresfrist um 129 Prozent gestiegen seien.
„Chatty Spider“ wird dabei als besonders handlungsorientiertes Bedrohungsprofil beschrieben, das fast ausschließlich Kanzleien adressiert. Das Muster: Die Angreifer rufen Anwälte oder Kanzleipersonal an, geben sich als interne IT-Mitarbeiter aus und bringen die Opfer dazu, Fernwartungssoftware freizugeben. Damit verschwimmt die Grenze zwischen „Social Engineering“ und technischem Zugriff, weil die Fernwartung nicht nachträglich „gerätselt“ werden muss, sondern unmittelbar als Zugangspfad dient. In einem dokumentierten Fall versuchten die Hacker bereits vier Minuten nach dem Eindringen, sensible Daten abzuziehen. Für Unternehmen, die solche Prozesse über Telefon und Ticketingsysteme abbilden, ist das ein klares Signal: Sicherheitsprüfung darf nicht am Kommunikationskanal enden.
Neben finanziell motivierten Gruppen ordnet der Bericht auch Angriffe staatlich beeinflussten Akteuren zu. Rund 18 Prozent der registrierten Angriffe werden mutmaßlich von staatlichen Akteuren umgesetzt, wobei Gruppierungen mit Verbindungen zu China den Hauptteil dieser Spionageaktivitäten ausmachen. Ihre Zahl habe sich seit 2023 beinahe verdoppelt. Auffällig ist laut CrowdStrike dabei die zunehmende technische Spezialisierung: So soll die Gruppe „Titan Panda“ erstmals Schwachstellen in einer Software zur Abrechnung von Kanzleistunden („Intapp Time Server“) ausgenutzt haben, um Fernzugriff auf Kanzleisysteme zu erlangen. Andere Akteure wie „Murky Panda“ werden wiederum mit breit angelegten Anmeldeversuchen gegen Microsoft-365-Konten von Kanzleien in Verbindung gebracht; vereinzelt seien zudem Aktivitäten aus Nordkorea registriert worden, die unter anderem auf Dokumente zur Gesetzgebung gegen Geldwäsche abzielen.
Für die Praxis folgt daraus ein klarer Umsetzungsdruck, weil Kanzleien längst nicht mehr nur Endziele seien. CrowdStrike beschreibt ausdrücklich, dass Rechtsorganisationen als Sprungbrett dienen: Angreifer könnten damit in Netzwerke von Großkonzernen, Regierungsorganisationen oder Technologieunternehmen vordringen. Als konkrete Gegenmaßnahmen empfiehlt der Bericht, die Mehrfaktor-Authentifizierung konsequent zu verbessern, Fernwartungsprogramme strenger zu kontrollieren und spezialisierte Branchensoftware zuverlässig abzusichern. Gerade bei Microsoft-365-Umgebungen lohnt sich zudem der Blick auf die gesamte Zugriffskette: Von der Identitätsprüfung über privilegierte Rollen bis hin zu Prozessen, die Fernwartung bei Bedarf freigeben. In einem Umfeld, in dem Angreifer innerhalb weniger Minuten nach erfolgreichem Zugriff Datenabflüsse starten, ist „Zeit bis zur Erkennung“ ein ebenso wichtiger Faktor wie „Zeit bis zur Sperrung“.
Damit verschiebt sich das Sicherheitskonzept im Rechtssektor von reinen Perimeter- und Endpoint-Fragen hin zu einem stärker identitäts- und zugriffsgetriebenen Ansatz. Kanzleien müssen dabei nicht nur technische Härtung betreiben, sondern auch die betrieblichen Abläufe so gestalten, dass Social-Engineering-Szenarien nicht „durch“ Telefonate und Fernwartungsfreigaben hindurchlaufen. Besonders kritisch sind dabei Kommunikationswege, in denen externe oder scheinbar interne IT-Anfragen ohne verlässliche Verifikation in Systeme eingreifen dürfen. Wer diesen Prozess als Sicherheitsrisiko versteht, kann die Angriffstiefe reduzieren – und damit auch das Risiko, dass mandantenrelevante Daten zur Währung für Erpressung oder Spionage werden.
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