BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zum Jahresende 2026 soll die pauschale Benennungspflicht für Datenschutzbeauftragte nach § 38 BDSG fallen. Gleichzeitig erhöhen EU-Regeln wie AI Act, DORA und NIS2 den Druck auf Unternehmen: Dokumentation, Meldewege und Governance werden strenger. Der zentrale Punkt: Ein Wegfall der DSB-Bestellung entbindet nicht von Datenschutzpflichten, sondern verlagert die Verantwortung in die Prozesse. Für IT-Leitung und Compliance bedeutet das vor allem mehr technisches Nachweisen – und schnellere Entscheidungen bei Datenpannen.

Die Diskussion um den Datenschutz 2026 klingt zunächst wie Entlastung: Die Bundesregierung plant, die pauschale Benennungspflicht für Datenschutzbeauftragte nach § 38 BDSG zum Jahresende 2026 zu streichen. Was dabei gern übersehen wird, ist die Rückfalllogik in der DSGVO. Fällt die nationale Schwelle, bleibt die Pflicht zur Bestellung eines Datenschutzbeauftragten über Artikel 37 DSGVO bestehen – allerdings nur dann, wenn die Kerntätigkeit in umfangreicher Überwachung besteht oder wenn besonders sensible Daten in großem Stil verarbeitet werden. Für viele Organisationen ist das keine echte Freigabe, sondern eine genauere Prüfung und ein sauberes Risikodesign.
Technisch und organisatorisch verschiebt sich damit der Fokus in Richtung DSMS: Ein Datenschutz-Management-System muss nicht nur „Existenznachweise“ liefern, sondern auch die Ableitung begründen, warum ein DSB intern erforderlich ist oder eben nicht. Gerade bei KI-gestützten Workflows wird die Grenzziehung schwierig, weil Überwachung und Datenkategorien häufig dynamisch entstehen. Aus Sicht der IT-Architektur heißt das: Verarbeitungsanlass, Datenflüsse, Rollenmodell und Monitoring müssen nachvollziehbar in einem Governance-Rahmen verankert sein, statt sich auf eine einzelne Bestellung zu stützen.
Hinzu kommt der zweite Druckstrang: Meldefristen laufen parallel und lassen wenig Zeit für juristische Vollständigkeit. Berichten zufolge steht bei DORA die Erstmeldung schwerwiegender Vorfälle binnen vier Stunden an die BaFin an; NIS2 fordert eine Frühwarnung ans BSI innerhalb von 24 Stunden nach Kenntnisnahme; DSGVO-Datenpannen müssen innerhalb von 72 Stunden bei der Aufsichtsbehörde gemeldet werden. Wie Datenschutz- und Compliance-Experten betonen, ist die zentrale Herausforderung häufig nicht das „ob“ der Meldung, sondern die Geschwindigkeit eines internen Entscheidungs- und Eskalationsmechanismus. Branchenkenner raten deshalb zu einem einheitlichen Trigger-Plan und vorbereiteten Meldewegen, damit erste Informationen rechtssicher vorliegen, bevor Details final nachgereicht werden.
Im Markt verschärft sich der Wettbewerb um Umsetzungspartner und Zertifizierungen. Dienstleister wie ConSense oder TTG Daten & Bürosysteme positionieren sich derzeit damit, Unternehmen bei der gesetzeskonformen Ausrichtung von Informationssicherheits-Managementsystemen zu unterstützen. Parallel liefern spezialisierte Forschungseinheiten konkrete Checklisten: Onapsis Research Labs veröffentlichte am 25. Juni 2026 eine neue Sicherheitscheckliste für SAP-Systeme mit Fokus auf kontinuierliches Patch-Management, Identitäts- und Berechtigungsmanagement sowie auf die Ausrichtung an Standards und Compliance-Vorgaben wie ISO 27001, DORA und NIS2. Damit wird klar, warum der DSB im operativen Alltag zunehmend als „Governance-Katalysator“ wirkt: Er muss Risiken nicht nur bewerten, sondern auch in technische Kontrollen übersetzen.
Auch der EU AI Act wirkt wie ein Zeitbeschleuniger für das Management von Risiken. Ab dem 2. August 2026 gelten verschärfte Compliance-Anforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme, inklusive Dokumentations- und Qualitätsnachweisen. Je nach Verstoß sind Bußgelder bis zu 35 Millionen Euro oder sieben Prozent des weltweiten Jahresumsatzes möglich; gleichzeitig zwingt die Umsetzung zur KI-Inventur und zum Aufbau einer spezifischen KI-Governance. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen brauchen Prozesse, die Modellversionen, Trainingsdatenherkunft, Zweckbindung und technische Prüfungen im gleichen Regelwerk abbilden. NIS2 ergänzt das um Management- und Reporting-Pflichten und stellt bei Verstößen zudem eine stärkere persönliche Haftung der Geschäftsführung in den Vordergrund – ein Signal, dass Compliance ohne Management-Commitment nicht haltbar ist.
Für die Zukunft ist entscheidend, wie Unternehmen die „DSB-Frage“ in ihre Gesamtstrategie integrieren. Selbst wenn die pauschale Pflicht nach § 38 BDSG entfällt, bleibt die datenschutzrechtliche Sorgfaltspflicht bestehen – vor allem bei risikoreicher Verarbeitung und bei KI-Vorhaben, die sensible Daten berühren oder Entscheidungen mit erheblicher Wirkung unterstützen. Wer jetzt strukturiert vorgeht, reduziert späteren Haftungsstress: Verarbeitungsverzeichnis und technische Kontrollen müssen konsistent sein, Meldewege müssen trainiert werden und Audits sollten nicht nur Dokumente prüfen, sondern auch Betriebswirklichkeit. Marktbewegungen wie die ISO/IEC 27001:2022-Zertifizierung der BCC Gruppe oder die Migration der verinice-Cloud-Umgebung zu einem Hosting-Partner mit BSI C5-Zertifizierung zeigen außerdem, dass externe Nachweise als Skalierungshebel wichtiger werden. Unterm Strich steigt der Wert moderner Governance-Strukturen – und damit auch die Chance für Teams, Datenschutz als Teil der Sicherheits- und Betriebsstrategie umzusetzen.
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