FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutschlands DAX-Unternehmen haben im zweiten Quartal insgesamt Rekordgeschäfte erzielt, dabei aber zugleich Tausende Jobs gestrichen. Laut einer EY-Studie stieg der Betriebsgewinn (EBIT) der 40 Indexkonzerne im Vergleich zum Vorjahr um fast 16 Prozent auf 52,6 Milliarden Euro. Der Umsatz erreichte mit rund 463 Milliarden Euro ebenfalls einen Bestwert, gleichzeitig fällt die Autobranche allerdings durch rückläufige Erlöse und deutlich schwächere operative Gewinne auf. Experten rechnen für das laufende Jahr dennoch mit zweistelligem Gewinnwachstum im Leitindex, während der Personalabbau besonders in der Mobilitätsindustrie sichtbar bleibt.

Die Schlagzeilen wirken auf den ersten Blick widersprüchlich: Während Deutschlands DAX-Konzerne im zweiten Quartal so hohe Gewinne wie noch nie in einem zweiten Quartal melden, steigt der Druck auf den Arbeitsmarkt. Die Zahlen, die aus der Analyse der Quartalsberichte und Pressemitteilungen hervorgehen, zeigen vor allem eines: Das Wachstum verteilt sich ungleich über die Branchen. In Summe kletterte der Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern (EBIT) der 40 DAX-Unternehmen im Jahresvergleich um fast 16 Prozent auf 52,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig erreicht auch der Umsatz mit rund 463 Milliarden Euro einen Bestwert und wächst um 4,6 Prozent.
Für die Investorenperspektive ist entscheidend, dass diese Entwicklung nicht nur eine einzelne Erfolgsstory widerspiegelt, sondern ein breit getragenes Ergebnis: Den höchsten operativen Quartalsgewinn meldete die Deutsche Telekom mit 6,9 Milliarden Euro. Danach folgen Allianz (4,9 Milliarden Euro), VW (3,5 Milliarden Euro) und Siemens (3,4 Milliarden Euro). Das Gewinnbild wird dadurch noch deutlicher, dass das stärkste Wachstum bei Bayer sowie beim Immobilienkonzern Vonovia berichtet wird. Interessant ist außerdem, dass das Ergebnis trotz Herausforderungen zustande kam, die in der Studie ausdrücklich genannt werden: Iran-Krieg und Zollstreit mit den USA wirkten offenbar zumindest nicht unmittelbar als Bremsklotz auf die aggregierten Indexwerte.
Technisch und konjunkturell betrachtet ist dabei vor allem die Branchenzusammensetzung der Treiber. EY beschreibt, dass das Wachstum im zweiten Quartal von vergleichsweise wenigen Sektoren getragen wurde, die gerade eine Sonderkonjunktur erleben. Dazu zählen die Rüstungsindustrie, Profiteure des KI-Booms sowie Chemieunternehmen, die im Umfeld des Iran-Kriegs und aufgrund von Lieferengpässen in Asien Preissteigerungen durchsetzen konnten. Daneben stehen Finanzwerte und Versicherungen zuletzt ebenfalls unter positiven Vorzeichen, was die Aggregatdaten zusätzlich stützt. Aus Sicht des Branchenzyklus verschiebt das die Aufmerksamkeit: Wer nur die Rekordsummen betrachtet, könnte glauben, die Krise sei vorbei – EY formuliert dagegen, dass in mehreren klassischen Industriezweigen, vor allem in der Autobranche, keine Trendwende erkennbar ist.
Gerade in der Mobilitätsindustrie wird das Spannungsfeld zwischen Umsatz und Ergebnis sichtbar. Laut Studie verzeichneten die Autokonzerne im zweiten Quartal einen Umsatzrückgang um 1,2 Prozent und einen operativen Gewinneinbruch um 12 Prozent. Das größte Minus beim Betriebsgewinn muss BMW mit minus 39 Prozent verkraften, während VW und Daimler Truck jeweils um 9 Prozent zurückgingen. Diese Konstellation ist für Unternehmen und Zulieferer besonders relevant, weil sie typischerweise auf eine Kombination aus Nachfrageschwäche am Heimatmarkt und gleichzeitig härterer Kostendisziplin hinausläuft. EY verweist dazu auf eine Schwäche der Nachfrage in Deutschland und ordnet ein, dass das Gewinn- und Umsatzwachstum in erster Linie im Ausland stattfindet.
Die Folgen dieser Industriespreizung zeigen sich auch bei den Beschäftigten. Zum 30. Juni beschäftigen die DAX-Konzerne rund 3,49 Millionen Menschen; das sind 1,2 Prozent beziehungsweise 41.000 weniger als ein Jahr zuvor. In der Detailbetrachtung bauen 21 von 37 Unternehmen mit verfügbaren Angaben Jobs auf, 16 reduzieren sie. Besonders stark drückt der Stellenabbau in der Autobranche, während der Rüstungsbereich gegenläufig wirkt: Der Rüstungskonzern Rheinmetall soll spürbar Personal einstellen. EY bringt diese Entwicklung auf den Punkt, indem die Krise der Autobranche nicht als ausgestanden gilt. Jan Brorhilker, Managing Partner bei EY, sieht weiterhin Restrukturierungsbedarf und nennt als Konsequenz einen weiteren Beschäftigungsrückgang.
Für das laufende Jahr ist das Bild damit zweigeteilt: Auf der einen Seite erwartet die Deutsche Bank für den DAX zweistellig steigende Gewinne und damit deutlich mehr als in den vergangenen zwei Jahren. Auf der anderen Seite bleibt die operative Realität in einzelnen Branchen angespannt, und genau dort entstehen die Risiken für Planungssicherheit und Investitionsprogramme. Unternehmen, die heute über Standorte, Qualifizierung und Kapazitätsauslastung entscheiden müssen, stehen damit vor der Frage, wie sich Produktivitätsziele mit der Schrittmacherrolle einzelner Wachstumsmärkte vertragen. KI bleibt in diesem Kontext ein handfester Produktivitäts- und Wachstumsfaktor, aber die Studie macht klar, dass nicht jede Industrie davon profitiert; entsprechend sind auch Arbeitsmarkt- und Standorteffekte differenziert zu erwarten.
Aus Investorensicht legt die Kombination aus Rekordgewinnen und Jobabbau nahe, dass Effizienzmaßnahmen in mehreren Sektoren weiterhin Vorrang haben. Je stärker Ergebnisse aus Preis- und Margentreibern statt aus breitem Nachfrageschub entstehen, desto wahrscheinlicher ist, dass sich Ergebnisoptimierung und Personalpolitik nicht zeitgleich normalisieren. Für Entscheider in Industrie und Dienstleistungen heißt das: Die nächsten Quartale werden weniger als „Makrodaten-Schaufenster“ relevant sein, sondern als Branchenbarometer – dort, wo der Umsatz sinkt, aber Kostenstrukturen nicht schnell genug angepasst werden, wird Restrukturierung zum Ergebnishebel. Umgekehrt kann die KI- und Rüstungsdynamik die Finanzierungsspielräume einzelner Konzerne stützen und Investitionen in Zukunftsfähigkeit ermöglichen, während andere Sektoren mit Verzögerung nachziehen.
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