LONDON (IT BOLTWISE) – Der DAX bewegt sich wieder Richtung 26.000 Punkte, weil die Berichtssaison solide ausfällt und die Tech-Korrektur bislang kaum durchschlägt. Gleichzeitig rücken die US-Zwischenwahlen und mögliche politische Turbulenzen als Risikofaktor in den Vordergrund. Für die Eurozone werden Inflationsdaten erwartet, die mit 3,8 Prozent deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent liegen dürften. An den Märkten wird deshalb für Dezember mit höheren Leitzinsen gerechnet.

Der DAX startet mit spürbarem Optimismus in den Börsentag, und das hat aktuell weniger mit Euphorie über einzelne Konzerne zu tun als mit der Marktstruktur. Zeitweise über 26.000 Punkte gerückt, wirkt das vorherige Allzeithoch wieder erreichbar. Auffällig ist dabei, wie wenig die Korrektur im Technologiesektor bislang auf den KI-armen Teil des Index durchschlägt. Für viele Anleger ist das ein Signal: Deutsche Blue Chips profitieren gerade von einer relativen Stabilität, die sich im Chart als „perlt“ statt „kippt“ beschreibt.
In den Vordergrund rückt aber auch ein zweiter Treiber, der kurzfristig genauso viel Einfluss auf die Risikobereitschaft hat: die Berichtssaison für das dritte Quartal. Der Verlauf wird als insgesamt gut eingeordnet, und genau das reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt ausgerechnet jetzt in eine breitere Gewinnrezessions-Erzählung rutscht. Technisch betrachtet verschiebt sich dadurch die Aufmerksamkeit weg von Makrodaten hin zu erwarteten Margen, Ausblicken und Cashflows. Gleichzeitig bleibt klar, dass politische Termine die Bewertungslogik jederzeit zurück in Richtung „Risk-off“ drehen können.
Mit den US-Zwischenwahlen in der kommenden Woche rücken daher die geopolitischen und innenpolitischen Risiken erneut stärker in den Fokus. Auf der geldpolitischen Seite gilt als Erwartungsanker, dass sowohl die US-Notenbank als auch die Europäische Zentralbank (EZB) das Leitzinsniveau bestätigt haben. Die Formulierung, es sei „aufgeschoben, nicht aufgehoben“, verweist auf das zentrale Kalkül: Wenn die Inflationsdaten weiter über Zielkorridoren bleiben, wird ein Zinsschritt im Verlauf der nächsten Monate wahrscheinlicher. Für die Eurozone werden die Verbraucherpreise für Oktober mit voraussichtlich 3,8 Prozent genannt, also deutlich über dem EZB-Ziel von 2 Prozent. Märkte preisen deshalb mit hoher Wahrscheinlichkeit ein, dass beide Notenbanken im Dezember ihre Leitzinsen anheben.
Die EZB-Sitzung selbst stand laut der Darstellung weniger für konkrete geldpolitische Details als für einen personellen Wendepunkt. Christine Lagarde soll vorzeitig Platz machen, wobei der Hintergrund mit der Erwartung verknüpft wird, dass ein Nachfolger das Amt noch vor den französischen Präsidentschaftswahlen antreten könnte. In diesem Kontext werden in Umfragen die euro-kritischen Kandidaten Marine Le Pen und Jean-Luc Melenchon vorn gesehen. Für die Märkte ist weniger die Frage entscheidend, ob eine einzelne Persönlichkeit politische Pläne ändert, sondern wie sich daraus die Wahrscheinlichkeit für mehr Friktionen in der Eurozone ableitet: Ein Wahlausgang, der als „Erdbeben“ beschrieben wird, könnte sowohl an den globalen Finanzmärkten als auch in den europäischen Risikoaufschlägen durchschlagen.
Auch jenseits Europas spielt die US-Politik eine operative Rolle für die Börse, weil sie weniger über Zinsmodelle als über das Risiko von Regierungsblockaden wirkt. Als ausgemacht gilt zunächst, dass die Demokraten das Repräsentantenhaus im Kongress gewinnen werden. Der entscheidende Zusatz, der die Risikoprämie verändern kann, ist die Möglichkeit eines Doppelerfolgs, also auch des Gewinns des Senats. Genau hier liegt der Unsicherheitskern: In einem Szenario, in dem die Republikaner den Wahlausgang wegen angeblichen Wahlbetrugs nicht anerkennen könnten, würden sich kurzfristig die Erwartungen an politische Handlungsfähigkeit verschieben. Selbst ohne eine solche Zuspitzung bleibt laut der Darstellung ein weiteres Problemfeld: Berichte über Vorbereitungen auf neue US-israelische Militäreschläge gegen den Iran haben sich zuletzt verdichtet. Für den DAX wären die Marktauswirkungen dabei besonders über den Energiepreis- und Inflationskanal relevant.
Bemerkenswert ist zudem, dass politische Unsicherheiten nicht automatisch zu negativen Börsenphasen führen müssen. Die Commerzbank argumentiert, dass „geteilte Regierungen“ in den vergangenen 50 Jahren eher die Regel als die Ausnahme gewesen seien, wobei der Begriff beschreibt, dass die Partei des Präsidenten im Kongress keine Mehrheit besitzt. Für Kapitalmärkte seien das demnach keine schlechten Zeiten gewesen, weil extremen ideologischen Ansätzen der Boden entzogen werde. Konzeptionell lässt sich das so übersetzen: Bei geteilten Mehrheiten verläuft die Politik oft langsamer, dafür aber berechenbarer. Die genannte historische Statistik untermauert diese Sicht: Der S&P-500 sei seit 1969 im Schnitt bei „Divided Government“ mit 9 Prozent im Jahr stärker gestiegen, während es bei „Unified Government“ nur 5 Prozent gewesen seien. Übertragen auf den DAX heißt das nicht, dass Risiken egal sind, aber dass der Markt nicht zwingend in eine lineare „Politik schlecht gleich Aktie runter“-Logik verfällt.
Daneben zeigt sich ein weiterer, häufig unterschätzter Faktor für die KI-Wirtschaft: Während der KI-Index im engeren Sinne nicht unmittelbar der DAX-Treibstoff ist, wirkt er über Erwartungen an Investitionszyklen und gesellschaftliche Akzeptanz in die Breite. In der Darstellung wird betont, dass Proteste gegen den Bau von KI-Rechenzentren an Dynamik gewinnen könnten, weil der Stromverbrauch und die Umweltproblematik in der Bevölkerung sehr unpopulär seien. Für Anleger mit Blick auf Bewertungen ist das ein doppeltes Signal: Sinkende oder verzögerte KI-Investitionen wären zumindest kurzfristig Gegenwind für Gewinnerwartungen in relevanten Zulieferketten und Technologiesparten. Gleichzeitig bleibt der Sektor laut der Argumentation wirtschaftlich bedeutend für die USA, sodass ein Rückgang nicht „harmlos“ wäre. Für den DAX bedeutet das: Solange die KI-nahe Tech-Korrektur den KI-armen Index nicht mit nach unten zieht, können die Blue Chips sogar relativ profitieren. Klar ist jedoch auch, dass ein Crash im KI-Universum oder ein erneuter Schlagabtausch im Nahen Osten den DAX ebenso nach unten reißen könnte wie eine französische Schuldenkrise. Der Markt setzt deshalb gerade auf das Zusammenspiel aus solider Berichtssaison und noch nicht eskalierenden politischen Ergebnissen – aber die nächsten Termine bestimmen die Richtung kurzfristig mit.
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