MOSKAU / LONDON (IT BOLTWISE) – In Russland nutzen Angehörige KI-generierte Videos, um gefallene Soldaten als Heimkehrer in Szene zu setzen – oft als Instagram- oder TikTok-„Farewell videos“. Der Ansatz soll tröstende Abschiede ermöglichen, löst jedoch bei Ukrainern und vielen Experten scharfe Kritik aus, weil die Darstellung von Krieg und Verlust manipuliert wird. Gleichzeitig bleibt unklar, ob KI-Bilder beim Trauern helfen oder Bindungen an eine Illusion vertiefen. Der Bericht zeigt, wie sich aus simplen Foto-Eingaben kommerzielle „Deadbots“ mit hohen emotionalen und sozialen Risiken entwickeln.

„Deadbots“ in Russland: KI-Deepfakes für Abschiede gefallener Soldaten
„Deadbots“ in Russland: KI-Deepfakes für Abschiede gefallener Soldaten (Foto: IT BOLTWISE)
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In Moskau und anderen Städten Russlands entstehen derzeit neue Formen von KI-gestützter Erinnerungskultur, die für viele Betroffene wie ein letzter, persönlicher Abschied wirken sollen. Seit Mitte 2025 werden auf Plattformen wie Instagram und TikTok kurze, stark inszenierte Clips verbreitet: Ein Uniformträger umarmt scheinbar liebevoll seine Familie, steigt dann in den Himmel auf oder erscheint „aus dem Jenseits“ in einer symbolischen Szene. Die Videos bedienen sich dabei häufig der von staatlichen Stellen bevorzugten Begrifflichkeiten für den Krieg. Gerade weil der Krieg in den Darstellungen oft ausgeblendet bleibt, empfinden viele Zuschauer die Inhalte als moralisch verstörend.

Technisch betrachtet ist das Phänomen weniger „Magie“ als ein wiederholbares Produktionsmuster. In der Regel liefern Nutzer Fotos ihrer Angehörigen, fügen gewünschte Einstellungen oder Posen über Prompts hinzu und erhalten anschließend eine animierte Version der Person – inklusive filmischem Flair, häufig sogar mit zusätzlichen grafischen Motiven wie „Engelsflügeln“ oder idealisierten Himmelswelten. Bei manchen Anbietern werden sogar Begleittexte, etwa Abschiedsbriefe, in das Video integriert. Dass die Qualität variiert, liegt an der Mischung aus Bildsynthese, Pose- und Gesichtsmodellierung sowie der automatischen Konsistenzprüfung: In einzelnen Fällen entstehen deformierte Körper oder unplausible Gesichter, was die Authentizität weiter unter Druck setzt.

Im Marktkontext zeigt sich, wie schnell sich solche Dienste als „Creator-Ökonomie“ etablieren. Laut Berichten verkaufen russische KI-Content-Anbieter militärisch inszenierte Fotos und Videos in einem Preisband, das – je nach Qualität – für eine breitere Nutzergruppe erreichbar wirkt. Gleichzeitig wurde beobachtet, dass internationale Generationswerkzeuge aus Russland teils schwerer zugänglich sind. Dadurch gewinnen lokale oder spezialisierte Schöpfer an Bedeutung, die Tutorials, Beispielclips und Bestellprozesse mitliefern. Das ist vergleichbar mit anderen Content-Industrien: Wer Plattformreichweite und Produktionsworkflow kombiniert, kann aus identitätsnahen Medien schnell wiederkehrende Nachfrage machen – unabhängig davon, ob das Ergebnis ethisch unproblematisch ist.

Besonders heikel ist die Schnittstelle zwischen persönlichem Trauerprozess und politisch aufgeladener Bildpropaganda. Ukrainische Zuschauer reagieren oft mit Empörung, weil die Darstellung gefallener Soldaten als „Helden“ und Beschützer ihre eigene Wahrnehmung des Leids überdeckt. Aus Expertensicht kommen weitere Zweifel hinzu: Katarzyna Nowaczyk-Basińska, Forscherin am Leverhulme Centre for the Future of Intelligence an der University of Cambridge, betont, dass die Herstellung von „Deadbots“ oder Deepfakes verstorbener Menschen extrem komplex sei und sich ethische Bewertungen kaum in einfache Kategorien pressen ließen. Sie verweist darauf, dass der langfristige psychologische und soziale Effekt auf den Trauerprozess bislang unzureichend verstanden ist.

Historisch erinnert das Muster an frühere Versuche, digitale „Jenseits“-Räume zu schaffen – von interaktiven Chat- oder Avatar-Systemen bis hin zu umfangreichen Posthumous-Setups in Museen, Wahlkampagnen oder Gerichtsinszenierungen. Der aktuelle Unterschied liegt in der Bildgüte und der Niedrigschwelligkeit: Wenn ein kurzes Foto genügt, um ein glaubwürdig wirkendes Video zu generieren, sinken technische und organisatorische Hürden drastisch. Der Effekt ist eine Art „kommerzialisierte digitale Nachwelt“, bei der Trauer zum Rohmaterial wird. Für Unternehmen, die KI-Produktpipelines verantworten, entsteht daraus eine neue Art von Risiko: nicht nur Missbrauch, sondern auch die emotionale Ausbeutung von Nutzern, die ohnehin in einer verletzlichen Lebensphase sind.

Auch für die Sicherheit und den Schutz von Identitäten ergeben sich konkrete Probleme. Viele Deepfakes greifen in Biografien ein, die nur indirekt durch Einwilligungen abgesichert sind, und sie können später als Beweis- oder Propagandamaterial dienen. Selbst wenn Betroffene aktiv bestellen, bleiben Fragen offen: Wer kontrolliert die spätere Verbreitung? Welche Daten werden in Trainings- oder Produktionsschritten verarbeitet? Und wie wird verhindert, dass Fotos Verstorbener in weiteren Kontexten wiederverwendet werden? In der Praxis trifft dies auf Datenschutzanforderungen und auf die europäische Debatte um KI-Transparenz zu, etwa im Zuge der strengeren Regularien für Hochrisiko- und manipulative KI-Anwendungen.

Die Reaktionen in der Community zeigen dabei ein Spannungsfeld, das sich nicht allein technologisch lösen lässt. Einige Hinterbliebene berichten, die Videos hätten sie tatsächlich zum Weinen gebracht oder ihnen einen Moment der Nähe vermittelt – auch wenn die Person nur als virtuelle Inszenierung zurückkehrt. Andere widersprechen: Eine Interviewaussage lautet sinngemäß, dass KI-Visualisierungen das Akzeptieren der Realität nicht ersetzen können; es entstehe eher eine Illusion als Hilfe. Wieder andere kaufen zusätzliche KI-Bilder, hängen sie aber im Alltag an – was darauf hindeutet, dass es keine klare Standardwirkung gibt. Entscheidend ist, ob KI im Trauerprozess als Ritual verstanden wird oder als Ersatzhandeln.

Verglichen mit etablierten KI-Ökosystemen, die Foto- und Video-Synthese längst als generische Funktion anbieten, wirken die russischen „Farewell video“-Workflows wie eine Spezialisierung auf Identitätsnähe und emotionalen Kontext. Große Plattformanbieter und Kreativtool-Hersteller verfolgen zwar eigene Regeln gegen Missbrauch, aber die Verlagerung auf lokale Creator und die schnelle Distribution über Social Media erhöhen die Durchsetzungsschwierigkeiten. Hinzu kommt, dass die Inhalte häufig bewusst so gestaltet sind, dass sie als „Erinnerung“ wirken und nicht als Täuschung. Für Security-Teams und Policy-Verantwortliche wird damit die Frage zentral, wie Erkennung und Moderation in Echtzeit funktionieren, wenn die Authentizität nicht mehr nur vom Bild, sondern vom Narrativ abhängt.

Für die Zukunft ist mit drei Entwicklungen zu rechnen. Erstens wird sich die Qualität weiter steigern, etwa durch robustere Gesichts- und Körperkonsistenz, wodurch groteske Artefakte seltener werden. Zweitens dürften spezialisierte Anbieter ihre Workflows professionalisieren – inklusive automatisierter Prompt-Vorlagen, „Bestellstrecken“ und standardisierter Videolänge, damit die Produktion reproduzierbar bleibt. Drittens wächst der Druck auf Regulierung, Moderation und Datenschutz: Organisationen werden nachweisbarere Consent-Mechanismen und transparente Kennzeichnung von synthetischen Inhalten verlangen müssen. Für Entwickler entsteht daraus eine klare Handlungsaufgabe: KI-Entwicklung muss neben Genauigkeit und Skalierung auch Missbrauchsresistenz, Datenminimierung und klare Nutzungsgrenzen einplanen.


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