HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – DESY und ein internationales Team haben erstmals in Echtzeit beobachtet, wie sich bei der Sauerstoffentwicklung auf Platin unter Spannung eine Oxidschicht bildet. Die atomare Aufklärung am Synchrotron PETRA III zeigt, warum Katalysatoren unter hoher Belastung schneller altern – und zugleich, warum ein präziseres Stabilitäts-Design die Lebensdauer deutlich verbessern könnte. Damit rückt eine zentrale Stellschraube der Wasserstoff-Ökonomie in den Fokus: niedrigere Betriebskosten durch länger nutzbare Elektrolyseure. Die Ergebnisse sind in „Nature Communications“ erschienen.

Die Kosten von Wasserstoffanlagen hängen nicht nur an der Energieeinspeisung, sondern ganz wesentlich an der Haltbarkeit ihrer Katalysatoren. Bei Elektrolyseuren und Brennstoffzellen sorgt Platin zwar für die nötige Reaktionsbeschleunigung, doch unter dauerhafter, hoher elektrischer Belastung verliert die aktive Oberfläche mit der Zeit an Leistungsfähigkeit. Wie genau dieser Alterungsprozess auf der atomaren Ebene abläuft, blieb bislang jedoch schwer zugänglich. Genau hier setzt die neue Arbeit unter Leitung von DESY an: Sie liefert ein zeitlich aufgelöstes Bild davon, wie sich an Platin unter realitätsnahen Elektrolysebedingungen eine Oxidschicht aufbaut und die katalytische Balance verschiebt.
Technisch betrachtet geht es um einen „Balanceakt“ zwischen Stabilität und Aktivität. Auf einer Platinoberfläche bildet sich im Betrieb eine dünne Oxidschicht, die einerseits weitere Materialverluste teilweise abpuffern kann, andererseits aber die Stelle blockiert, an der die eigentliche chemische Reaktion abläuft. Die Forschenden haben dafür nicht nur das Ergebnis der Oxidation untersucht, sondern den Entstehungsprozess während der Reaktion verfolgt. Dazu kombinierten sie hochauflösende Röntgenmethoden mit einer grundlegenden elektrochemischen Anordnung, sodass gleichzeitig die atomare Struktur der Oberfläche, die Oxidschichtdicke und ihre chemische Zusammensetzung erfasst werden konnten.
Im Zentrum des Experiments steht der Synchrotronstrahl am PETRA-III-System bei DESY. Mit den dort verfügbaren Strahlungsqualitäten lässt sich die Oberfläche so untersuchen, dass Veränderungen schrittweise sichtbar werden – einschließlich einer spannungsabhängigen Entwicklung der Oxidschicht. Die Messungen deuten darauf hin, dass die Oxidation nicht als „einheitlicher Block“ entsteht, sondern atomlagenweise abläuft. Bei hohen Spannungen bildet sich zudem offenbar eine ungeordnete Platinoxid-Schicht, die in ihrer Struktur vom idealisierten Ausgangszustand abweicht. Diese Detailtiefe ist für die Materialentwicklung entscheidend, weil sie Rückschlüsse auf gezielte Oberflächendesigns ermöglicht.
Für die Industrie ist das Timing besonders relevant: Während auf der einen Seite der Ausbau von Elektrolysekapazitäten beschleunigt wird, bleiben die Betriebskosten durch Degradation ein Engpass. In der Praxis konkurrieren Unternehmen nicht nur über Wirkungsgrade und Energieeffizienz, sondern auch über Standzeiten, Wiederbeschaffungszyklen und Skalierbarkeit von Materiallieferketten. Platin ist dabei einer der Hauptkostentreiber, sodass jede Verzögerung der Alterung unmittelbar in weniger Wartungsaufwand und geringeren Kapitaleinsatz pro Kilogramm produziertem Wasserstoff übersetzt werden kann. Branchennahe Akteure setzen zwar bereits auf neue Legierungen, Beschichtungsstrategien oder reduzierte Platinbeladungen, doch die Ergebnisse dieser Ansätze sind oft schwer zu validieren, solange die zugrunde liegenden Oberflächenmechanismen unklar bleiben.
Auch im Forschungsumfeld ist der Ansatz anschlussfähig an vergleichbare Charakterisierungen mit anderen Synchrotron-Standorten und Instrumenten, etwa am ESRF in Grenoble oder bei MAX IV in Lund. Der Unterschied der aktuellen Arbeit liegt jedoch in der konsistenten Kopplung von „modernster“ Strahlungsmessung mit elektrochemischer Real-Time-Umgebung: Dadurch wird das während der Reaktion entstehende Materialbild nicht nachträglich aus statischen Proben abgeleitet, sondern als fortlaufender Prozess betrachtet. Aus Expertensicht adressiert das genau ein Kernproblem vieler früherer Studien: Laborexperimente können Oberflächenzustände zwar abbilden, aber Degradationspfade bei funktionalen Spannungs- und Elektrolytbedingungen bleiben oft unterbestimmt. Diese Lücke zu schließen, kann auch die Qualität zukünftiger Screening-Experimente erhöhen.
Historisch betrachtet war der Weg zur atomaren Auflösung lang: Zunächst dominierten ex-situ Analysen, bei denen Platinoberflächen nach einer Alterungsphase untersucht wurden. Das lieferte wertvolle Hinweise, erklärte jedoch nicht zuverlässig, welche Zwischenzustände während der Reaktion auftreten. Später ermöglichten fortgeschrittene Elektronen- und Rasterverfahren genauere Strukturmodelle, allerdings meist ohne die vollständige elektrochemische Dynamik. Mit der Verfügbarkeit leistungsfähiger Synchrotronquellen hat sich der Fokus verschoben: Statt nur Zustände zu „fotografieren“, wird versucht, Zustandsübergänge zu verfolgen. Die neue Studie reiht sich damit in die Entwicklung hin zu operando-Experimenten ein, bei denen Material unter Bedingungen untersucht wird, die so nahe wie möglich an der Anwendung liegen.
Regulatorisch und sicherheitstechnisch ist das zwar kein klassisches Compliance-Thema im Sinne persönlicher Daten, aber es gibt praktische Schnittstellen: Wasserstofftechnologien unterliegen in der EU zunehmend strengen Sicherheits- und Nachhaltigkeitsanforderungen, etwa bei der Risikobewertung, beim Betrieb von Anlagen und bei der Lebenszyklusanalyse von Komponenten. Länger nutzbare Katalysatoren können hier indirekt helfen, weil sie Ersatz- und Transportzyklen reduzieren und damit auch die Material- und Entsorgungsbilanz verbessern. Darüber hinaus ist für die Betreiber wichtig, wie Laborbefunde in robuste Betriebsfenster überführt werden: Wenn Oxidationsmuster spannungsabhängig sind, lassen sich potenziell Betriebsstrategien entwickeln, die Degradation minimieren, ohne den Output zu senken.
Für die Zukunft ergibt sich eine klare Entwicklungslinie: Die Forschenden wollen die Befunde auf näher an reale Anwendungen angepasste Katalysatormaterialien übertragen, etwa auf Platin-Nanopartikel, die in vielen Elektrolyse-Konzepten tatsächlich zum Einsatz kommen. Langfristig zielt das auf ressourcenschonendere und damit günstigere Materialien, bei denen die Oxidation entweder in eine gewünschte, weniger blockierende Richtung gelenkt oder durch strukturelles Design besser kontrolliert wird. Für Entwickler bedeutet das: Modelle zur Degradationsvorhersage können präziser werden, weil sie künftig an verifizierte atomare Mechanismen gekoppelt sind. Wenn es gelingt, den beschriebenen Stabilitäts-Aktivitäts-Kompromiss zugunsten der Aktivität zu verschieben, könnten Wasserstofftechnologien wirtschaftlich spürbar profitieren.
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