FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Wagniskapitalinvestoren haben in den ersten neun Monaten 9,5 Mrd. Euro in Startups investiert. Das Volumen liegt damit bereits über dem gesamten Vorjahr; Dealroom-Zahlen werden sogar mit 10,8 Mrd. Euro beziffert. Gleichzeitig sank die Zahl der Finanzierungsrunden auf 89 im dritten Quartal (ab 1 Mio. Euro), während drei Viertel des Kapitals in Scaleups flossen. Der Trend wird nun durch das Zinsumfeld und wenige, dafür größere Runden weiter begünstigt.

Der deutsche VC-Markt zeigt in diesem Jahr ein Muster, das viele Investoren seit der letzten Zinserhöhungsphase im Kopf haben: weniger Deals, aber größere Ticketgrößen. Laut einer KfW-Analyse, die sich auf Daten des Anbieters Dealroom stützt, wurden in Deutschland in den ersten neun Monaten 9,5 Mrd. Euro in innovative Jungfirmen gesteckt. In derselben Größenordnung lieferte ein weiterer Datenanbieter sogar 10,8 Mrd. Euro als Summe. Für den Markt ist das mehr als nur eine Schlagzeile: Es verschiebt die Finanzierung weg von breiter Streuung hin zu wenigen Unternehmen, die bereits Wachstum zeigen und sich damit schneller in späteren Phasen finanzieren lassen.
Technisch und organisatorisch lässt sich dieser Wandel vor allem an den Finanzierungsphasen ablesen. Im dritten Quartal kamen gerade einmal 89 Finanzierungsrunden mit einem Volumen von mindestens 1 Mio. Euro zusammen. Die KfW stellt dabei heraus, dass es sich um die niedrigste Zahl in einem dritten Quartal der vergangenen Jahre handelt. Gleichzeitig konzentrierte sich der Mittelzufluss deutlich: Drei Viertel des gesamten Kapitals flossen in sogenannte Scaleups. Diese Unternehmen verfügen typischerweise über ein Geschäftsmodell mit spürbarem Wachstum und befinden sich damit in reiferen Finanzierungsphasen. Startups in der sehr frühen Phase kamen dagegen zusammen auf 5% des Kapitals – ein Signal, dass Risikoaversion nicht verschwunden ist, sondern sich in der Selektion niederschlägt.
Konkrete Großtransaktionen verdeutlichen die Richtung. Den mit Abstand größten Deal hat bislang das Münchner Drohnen-Startup Helsing festgezurrt: Mitte Juli sammelte das 2021 gegründete Unternehmen in einer Series-E-Finanzierungsrunde 1,8 Mrd. Dollar ein und erreichte dabei eine Firmenbewertung von 18 Mrd. Dollar. An der Runde beteiligten sich unter anderem der kanadische Pensionsfonds CCP Investments sowie große US-Banken. Nach der 3 Mrd. Euro schweren Finanzierungsrunde des französischen KI-Startups Mistral war Helsing damit die zweitgrößte VC-Transaktion in Europa in diesem Jahr. Auf europäischer Ebene summierte sich das VC-Volumen nach den genannten Daten auf gut 68 Mrd. Euro, fast auf dem Niveau des Gesamtwerts von 2025 – damit zeigt sich, dass die Ausreißer bei den Ticketgrößen auch das Gesamtergebnis tragen.
Auch in Deutschland tauchen neben Helsing weitere Beispiele für die neue „weniger, größer“-Logik auf. Zu den genannten milliardenschweren Finanzierungen zählen das Drohnen-Startup Quantum Systems aus Gilching und das Robotik-Startup Neura Robotics. Vor wenigen Jahren wären solche Sprünge in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als Ausnahme erschienen; Geschäftsführer Christoph Stresing formuliert es entsprechend: „Dass einzelne Scaleups diesen Sprung jetzt schaffen, unterstreicht eindrucksvoll die Weiterentwicklung des gesamten Ökosystems.“ In Zahlen lässt sich diese Entwicklung ebenfalls erfassen: Die Zahl der hierzulande vertretenen „Einhörner“, also Unternehmen mit Milliardenbewertung, liegt zuletzt bei 43. Anfang 2021 waren es noch zwölf. Das heißt nicht, dass jede Seed- oder Early-Stage-Idee automatisch leichter wird, aber es zeigt, dass sich Kapital und Bewertungskompetenz stärker in der Wachstumsphase bündeln.
Der Grund für die Konzentration dürfte auch in der Makro-Lage liegen. Aus Sicht der KfW dürfte der Trend zu wenigen, größeren Finanzierungsrunden in den kommenden Quartalen nicht abrupt kippen. Die deutsche Wirtschaft befinde sich zwar auf Erholungskurs und werde – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – voraussichtlich um 1,3% wachsen, heißt es; das könne sich positiv auf die Stimmung auswirken. Gleichzeitig verschärft ein anderes Element das Bild: Die Europäische Zentralbank hat im September zum zweiten Mal in diesem Jahr die Zinsen angehoben, und die US-Notenbank Fed folgte kurz darauf mit einer ersten Zinserhöhung seit 2023. Für Investoren werden zinsbringende Anlagen damit im Vergleich zu Wagniskapital attraktiver, was die Hürde für frühe Risikostufen erhöht und Investoren zu „Proof-and-Scale“-Profilen drängt.
Trotz steigender Investments rät Christoph Stresing dennoch zu Aktivismus statt Zufriedenheit. „Im Gegenteil: Wir müssen uns noch stärker anstrengen, damit künftig deutlich mehr Kapital zukunftsorientiert allokiert wird.“ Neben der Unternehmensseite betrifft das auch die Infrastruktur des Kapitals: Wichtig sei, den hiesigen Kapitalmarkt zu stärken, damit die Wertschöpfung der wirtschaftlichen Erfolge solcher Unternehmen langfristig im Land bleibt. Das Problem ist strukturell bekannt: An US-Börsen lassen sich häufig höhere Bewertungen realisieren, weshalb europäische Startups bei einem IPO mitunter eher den Weg in die USA wählen. Im jüngsten Startup-Monitor des Startup-Verbands, basierend auf einer Befragung von 1.800 Teilnehmenden, gaben fast 62% die USA als bevorzugten Standort für eine Notierung an. In diesem Jahr sind etwa der deutsch-finnische Quantencomputer-Bauer IQM, sein französischer Rivale Pasqal, das italienische Nuklear-Startup Newcleo und das schwedische Logistik-Startup Einride via SPAC-Deal an die Nasdaq gegangen.
Für Unternehmen und Fonds bedeutet der VC-Trend damit vor allem eines: Kapitalpläne müssen präziser mit Wachstumsdaten gekoppelt werden. Wenn ein größerer Anteil der Mittel in Scaleups fließt und der Wettbewerb um frühe Runden intensiver wird, steigt der Druck, in der Seed- und Series-A-Phase messbare Fortschritte schneller sichtbar zu machen – etwa über Wachstumsraten, Kundenbindung oder spezifische Produktkennzahlen. Gleichzeitig schafft die größere Bewertungsbasis im späteren Verlauf eine Art „Rückkopplung“: Mehr Einhörner können die Ausstiegs- und Finanzierungslogik verbessern und damit wiederum neue Investitionsentscheidungen erleichtern. Ob sich daraus auch mehr Frühphasen-Finanzierung ableitet, hängt jedoch stark davon ab, wie gut sich der deutsche Kapitalmarkt gegen den Bewertungs- und Liquiditätsvorsprung in den USA positionieren kann und ob Investoren ihre Allokationen über mehrere Zinszyklen hinweg stabilisieren.
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