MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Drei Projekte aus Bayern und Baden-Württemberg sind für den Deutschen Zukunftspreis nominiert. Im Deutschen Museum in München präsentierten die Teams einen reversiblen Brennstoffzellenansatz für Energiespeicherung, photonische Mikrochips für Rechenzentren und ein System gegen Sepsis-bedingtes Multiorganversagen. Der mit 250.000 Euro dotierte Preis wird am 18. November vergeben, die Jury entscheidet dann abschließend. Im Fokus steht damit, wie sich Energie, Daten und Intensivmedizin künftig technisch stärker verknüpfen lassen.

Deutscher Zukunftspreis nominiert Speicher, Chip-Photonik und Sepsis-Therapie
Deutscher Zukunftspreis nominiert Speicher, Chip-Photonik und Sepsis-Therapie (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Deutsche Zukunftspreis nimmt in diesem Jahr gleich drei Technologien ins Visier, die auf den ersten Blick unterschiedlich wirken: ein intelligenter Energiespeicher, ein Fertigungsweg für photonische Mikrochips und eine medizinische Plattform für Intensivpatienten. Präsentiert wurden die Nominierten am Mittwoch im Deutschen Museum in München. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von reinen Labor-Demos hin zu Lösungen, die bereits in Richtung Produkt- und Serienumfeld laufen: Beim Energiespeicher ist die Ausgründung 2022 erfolgt, bei der Sepsis-Therapie verweist das Projektteam auf den Einsatz an zahlreichen Intensivstationen, und beim Chip-Projekt steht die skalierbare Fertigung photonischer Bauteile im Mittelpunkt.

Technisch startet die Energielogik mit einem reversiblen Brennstoffzellenkraftwerk, das genau dort ansetzt, wo Wind- und Photovoltaik im Alltag vor allem eines verursachen: Schwankungen. Wenn Wind- und Solarstrom ein Überangebot liefert, soll das System nicht nur Strom umsetzen, sondern gezielt in einen speicherbaren Energieträger umwandeln. Im beschriebenen Ansatz nutzt es bei Bedarf die Rückrichtung: Es kann aus Biogas, Erdgas oder Wasserstoff Strom erzeugen. Umgekehrt stellt es bei Überschussenergie Wasserstoff oder synthetisches Methan her und adressiert damit ein zentrales Engineering-Problem der Energiewende, nämlich die langfristige Speicherung im vorhandenen Infrastruktur-Ökosystem.

Aus Markt- und Betriebslogik betrachtet ist das besonders relevant, weil die Speicherung in vielen Energiepfaden weniger an der Umwandlung selbst scheitert als an der Frage, wie man sie in bestehende Netze integriert und über längere Zeit stabil abwickelt. Genau diesen Zusammenhang legt das Projekt nahe, indem es das Gasnetz als Speichermedium in den Prozess einbindet. Der Weg dahin führt über die Ausgründung des Herstellers Reverion im Jahr 2022; laut den Angaben des Projektumfelds sind erste Anlagen bereits kommerziell im Einsatz. Für Entscheider in Energieversorgung und Industrie ist das ein Signal, dass „Power-to-X“ in Richtung Betriebssicherheit und Skalierung weitergedacht wird – nicht als Einzelexperiment, sondern als Baustein, der Lastspitzen glätten kann.

In der Medizintechnik setzt die zweite Nominierung an einer Situation an, die in Intensivstationen regelmäßig eskaliert: schwere Sepsis, Vergiftungen oder Folgen nach Operationen. Das Projekt der Münchner Advitos-Gesellschaft zielt auf Multiorganversagen als Folge einer überschießenden, zugleich zerstörerischen Systemreaktion. Statt nur einen Parameter zu behandeln, soll ein System mehrere lebenswichtige Funktionen gleichzeitig unterstützen: Es entfernt wasserlösliche und proteingebundene Giftstoffe aus dem Blut, unterstützt die Elimination von Kohlendioxid und stabilisiert den Säure-Basen-Haushalt. Laut Unternehmen baut der Ansatz auf Arbeiten zurück, die bis in das Jahr 1995 reichen, und er nennt als wissenschaftliche Grundlage Zeiträume aus Forschungen eines Nephrologen, der 2022 verstorben ist.

Für die Bewertung der praktischen Reife sind die genannten Einsatzdaten entscheidend: Laut Team wird die Technologie inzwischen an mehr als 30 Intensivstationen in Deutschland und Österreich eingesetzt, mehr als 11.500 Behandlungen seien bereits erfolgt. Das macht die Therapie im aktuellen Wettbewerb weniger zu einer Vision „für später“, sondern zu einem bereits operationalisierten Verfahren, bei dem weitere Optimierungen eher im Detail liegen dürften – etwa bei Workflows, Patientenauswahl und Prozesssteuerung im Zusammenspiel mit Monitoringsystemen. Interessant ist außerdem die medizinische Einordnung: Multiorganversagen als Folge einer Sepsis steht in Deutschland an dritter Stelle der häufigsten Todesursachen, hinter Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebserkrankungen. Gerade diese Häufigkeit verleiht technischen Innovationen in der Intensivmedizin zusätzlichen Nachdruck, weil Verbesserungen nicht nur technisch, sondern statistisch spürbar wären.

Der dritte Beitrag schlägt eine Brücke zwischen Rechenzentrumsbedarf und KI-Entwicklung: Mit wachsenden Datenmengen steigen auch die Anforderungen an Kommunikationsnetze und Serverarchitekturen. Herkömmliche Datenübertragung über elektrische Signale verursacht bei höheren Datenraten zunehmenden Energieverbrauch, mehr Wärme und potenziell größere Signalverluste. Das Projekt am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) adressiert diesen Engpass über eine Fertigungstechnologie für photonische Mikrochips. Kerngedanke sind hochauflösende 3D-Druckverfahren auf Nanoskala, mit denen Chips und Glasfasern automatisiert über winzige dreidimensionale Lichtleiter verbunden werden. Solche photonischen Wirebonds, als extrem feine mikroskopische „Drähte“, sollen die bislang aufwendige Verbindungstechnik ersetzen und damit erstmals eine Serienfertigung ermöglichen.

Für den Wettbewerb ist dabei weniger die einzelne Verbindungstechnologie entscheidend, sondern der Effekt auf die gesamte Wertschöpfungskette photonischer Systeme: Wenn sich photonische Komponenten wirtschaftlich in größeren Stückzahlen produzieren lassen, sinken typische Skalierungshürden, die in vielen Hochfrequenz- und Optikpfaden bisher stark ins Kosten- und Yield-Management gedrückt haben. Genau darauf zielt die Nominierung ab. Gleichzeitig fällt der Timing-Aspekt auf: Rechenzentren stehen zunehmend unter Druck, nicht nur Rechenleistung bereitzustellen, sondern Energie pro übertragenem Bit sowie Kühlaufwand zu senken. Der Zukunftspreis wird seit 1997 vergeben, der Bundespräsident überreicht ihn am 18. November in Berlin; damit spielt die Auszeichnung auch für die öffentliche Sichtbarkeit neuer Produktions- und Systemansätze eine Rolle.


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