BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Heeresinspekteur Christian Freuding will das deutsche Heer mit kostengünstigen Low-Cost-Marschflugkörpern für den Masseneinsatz ausrüsten. Die Bundesregierung will hochwertige Waffensysteme in den USA kaufen, während für die Bundeswehr noch Qualifizierungsschritte laufen. Als Ziel nennt Freuding eine Beschaffung mit einem möglichen ersten Zulauf ab 2027. Für die Produktion plant das US-Unternehmen Covenant den Start der Fertigung seines Systems „Anthem“ für 2027 und steigende Stückzahlen.

Die Entscheidung für „Low Cost Cruise Missiles“ wirkt im Kontext der Bundeswehr wie ein Schwenk von Hochleistungs-Einzellösungen hin zu größerer Skalierung. Der Heeresinspekteur Christian Freuding stellte beim Parlamentarischen Abend des Förderkreises des Heeres in Berlin die Beschaffungsrichtung heraus und verband sie mit einer klaren operativen Idee: Ziel sei es, Wirkungen gegen gegnerische Ziele in größerer Tiefe zu bündeln und dabei insbesondere die gegnerische Flugabwehr zu überfordern. In dem Zusammenhang nannte Freuding eine Einsatzdistanz von etwa 1.500 Kilometern und sprach davon, Flugabwehrsysteme im Masseneinsatz „übersättigen“ zu können. Dass der Fokus dabei nicht nur auf dem einzelnen Flugkörper liegt, sondern auf dem Verbund mit klassischen Marschflugkörpern, deutet auf ein taktisches Gesamtdesign aus Sättigung, Staffelung und Wirkungskombination hin.
Technisch betrachtet adressiert ein Ansatz mit günstigerem Preis vor allem die Frage, wie viele Gefechtsmittel im relevanten Zeitfenster tatsächlich verfügbar gemacht werden können. Wenn Flugabwehrsysteme auf begrenzte Intercept-Kapazitäten ausgelegt sind, verschiebt ein höheres Salvenvolumen die Wahrscheinlichkeitsrechnung: Nicht jeder einzelne Zielkonflikt muss zwingend „perfekt“ entschieden werden, entscheidend ist, dass die Abwehr in Summe nicht alle Bedrohungen gleichzeitig abarbeitet. Freuding ordnete diese Logik explizit als „Masse zur Sättigung“ ein – also als Überforderung der gegnerischen Flugabwehr – und ergänzte sie um den Bedarf an „hochwertigen Wirkmitteln“ für Ziele mit strategischer Bedeutung. Damit bleibt die Rolle klassischer Marschflugkörper weiterhin wichtig: Low-Cost-Varianten sollen offenbar die Abwehrkapazitäten auslasten, während andere Wirkmittel die Lücke im Wirkungskorridor schließen.
Der Markt- und Beschaffungsteil zeigt, dass die Umsetzung nicht bei der reinen Kaufentscheidung endet. Freuding erklärte, dass zwei marktverfügbare Systeme derzeit im Fokus stünden, beide jedoch für die Bundeswehr noch qualifiziert werden müssten. Auch das erste Zeitfenster ist bereits genannt: Ein erster Zulauf ab 2027 sei „grundsätzlich möglich“, und man wolle diesen Weg auch erreichen. Entscheidend für die Einordnung ist dabei, dass Qualifizierung im militärischen Kontext mehr bedeutet als ein Produktdatenblatt abzunicken: Sie umfasst in der Regel technische Passfähigkeit, Integration in bestehende Führungs- und Einsatzketten, Sicherheitstests sowie die Fähigkeit, in den vorgesehenen Betriebsprofilen zuverlässig zu funktionieren. Genau diese Zwischenschritte erklären, warum ein schneller Produktionsstart in den USA nicht automatisch sofort zu Einsatzfähigkeit beim Heer führt.
Als konkreter Produktionsanker dient das US-Unternehmen Covenant, das nach den Angaben aus dem Umfeld der Meldung zu Wochenbeginn in Leipzig eine Produktionsstätte zur Herstellung von Marschflugkörpern eröffnet hat. Die Fertigung des Waffensystems „Anthem“ soll demnach 2027 beginnen. Covenant plant dabei eine schrittweise Hochskalierung: Im ersten Jahr sollen 1.000 Stück entstehen, 2028 bereits 5.000 Exemplare. Das Unternehmen begründet die Wettbewerbsposition mit einer deutlichen Kostenstrategie. Covenant zufolge soll „Anthem“ einen sechsstelligen Betrag kosten, also weniger als eine Million US-Dollar pro Stück, während andere Systeme dieser Art üblicherweise mehrere Millionen US-Dollar pro Exemplar kosten. Für die deutsche Beschaffung ist das nicht nur eine Preisfrage, sondern eine strategische Hebelwirkung: Wenn sich die Stückkosten tatsächlich in dieser Größenordnung bewegen, kann ein größerer Teileinsatzplan finanziell realistischer werden, ohne dass die Gesamtdeckung jedes einzelne Ziel vollständig „teurer“ Wirkmittel benötigt.
Damit rückt auch das industriepolitische und logistische Zusammenspiel in den Blick. Schon die Tatsache, dass Covenant eine Produktionslinie für einen Marschflugkörper in Leipzig aufbaut, spricht dafür, dass die Bundesregierung nicht ausschließlich auf ausländische Lieferketten setzen will, sondern lokale Fertigungs- und Nachschubkomponenten mitdenken dürfte. Gleichzeitig bleibt die zentrale Aussage im Raum, dass die Bundesregierung „hochwertige Waffensysteme“ in den USA kaufen will, während die Qualifizierung für die Bundeswehr noch aussteht. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn ein System marktverfügbar erscheint, ist die nationale Einbindung der entscheidende Engpass – von der Systemintegration bis zur operativen Verifikationskette. Für die Planung des Heeres folgt daraus eine mehrgleisige Logik aus „Zulaufzeitpunkt“ und „Qualifizierungsfortschritt“, die über Erfolg oder Verzögerung im Einsatzrollout entscheidet.
Für Unternehmen und Zulieferer eröffnet das Szenario mehrere Ansatzpunkte, auch wenn es sich zunächst nach einer rein militärischen Beschaffungsentscheidung anhört. Der Bedarf an kostengünstigeren Flugkörpern begünstigt in der Regel Industrien, die Serienfertigung, Qualitätsmanagement und skalierbare Produktionsprozesse beherrschen – also dort, wo Stückkosten systematisch sinken können, ohne dass Zuverlässigkeit leidet. Für die KI-Entwicklung (KI) und datengetriebene Bereiche ergibt sich zudem indirekt Relevanz: Nicht als Ersatz für einen Flugkörper, sondern als Möglichkeit, Testdaten, Fertigungsqualität und Systemperformance effizienter zu verarbeiten. Besonders wichtig wird dabei die Fähigkeit, große Datenmengen aus Qualifizierungs- und Erprobungsphasen konsistent zu bewerten, um schnelle Iterationen zu ermöglichen. Insgesamt deutet die Kombination aus geplanter Stückzahlsteigerung ab 2027 und dem ausdrücklich genannten Sättigungsziel darauf hin, dass das Heer künftig stärker auf skalierbare Wirkprinzipien setzt.
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