KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der deutsche Einzelhandel verzeichnet 2025 Schäden durch Diebstahl auf einem neuen Höchststand: mehr als 4,3 Milliarden Euro, getragen vor allem von Kundendiebstahl. Besonders problematisch bleibt der Anteil, der organisierten und gewerbsmäßigen Gruppen zugeschrieben wird. Experten sehen darin eine Belastung für Preisstabilität, Personal und Lieferketten. Gleichzeitig fordern Verbände eine konsequentere Strafverfolgung und bessere Ausrüstung für Behörden und Gerichte.

Der deutsche Einzelhandel steht 2025 erneut unter erheblichem Druck: Die Verluste durch Diebstahl erreichen laut einer Studie des EHI einen neuen Rekord. Waren im Wert von mehr als 4,3 Milliarden Euro seien entwendet worden, was gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 3,1 Prozent entspricht. Dass die Schadenssumme bereits das vierte Jahr in Folge steigt, wirkt wie eine schleichende Erosion von Margen und Investitionsbudgets. Für Entscheider ist dabei weniger die Zahl an sich entscheidend, sondern die Dynamik: Zwischen 2020 und 2025 kletterten die Schäden um knapp 29 Prozent, beim Kundendiebstahl sogar um gut 41 Prozent.
Auffällig ist die Verteilung der Verluste, weil sie Aufschluss darüber gibt, wo Prävention ansetzen muss. Den größten Block machen demnach mit rund 3,05 Milliarden Euro Kundendiebstähle aus. Ein Drittel davon wird organisierten Tätergruppen zugeschrieben, was die Sicherheitslage in Richtung strukturierter, arbeitsteiliger Vorgehensweisen verschiebt. Hinzu kommen Schäden durch eigene Beschäftigte in Höhe von 910 Millionen Euro sowie weitere rund 370 Millionen Euro, verursacht durch Personal von Lieferanten und Servicefirmen. Gerade dieser Mix macht deutlich, dass klassische „Tür-und-Tor“-Konzepte nicht ausreichen, wenn der Angriff sowohl zufällig als auch organisiert erfolgt.
Technisch betrachtet wird Diebstahl zunehmend zu einem Problem der Systemarchitektur: Prozesse, Sensorik, Datenflüsse und Verantwortlichkeiten greifen ineinander. In Filialen entstehen Risiken häufig an Schnittstellen zwischen Warentransport, Warenverfügbarkeit und Kassenvorgängen. Wenn ein Drittel des Kundendiebstahls organisierten Gruppen zugeschrieben wird, deutet das darauf hin, dass Täter nicht nur auf Schwachstellen in der physischen Umgebung reagieren, sondern auch auf organisatorische Lücken. Prävention zielt daher auf bessere Detektion, schnellere Bewertung und striktere Reaktion. Moderne Sicherheitskonzepte kombinieren häufig Videoanalyse, elektronische Zugangskontrollen, Inventurmethoden und betriebsnahe Workflows.
Der Hinweis auf Inflation liefert zusätzlich Kontext für die Entwicklung: Ein Teil des Anstiegs dürfte auf die hohe Teuerung zurückzuführen sein. Verglichen mit 2020 stiegen Verbraucherpreise um mehr als 20 Prozent, Lebensmittelpreise um etwa 35 Prozent. Höhere Preise erhöhen den „Reward“ pro Vorfall und verändern die Wirtschaftlichkeit für Tätergruppen, insbesondere wenn wiederkehrende Entwendungsstile genutzt werden. Für Händler bedeutet das: Maßnahmen müssen mit Blick auf die Skalierung von Verlusten bewertet werden. Während Videoüberwachung und Warensicherung punktuell helfen, brauchen Unternehmen ein belastbares Monitoring über Zeit, Filialtypen und Sortimente hinweg, damit sich Investitionen in Sicherheitsmaßnahmen auch wirklich gegen die Verlusttreiber rechnen.
Branchenexperten ordnen den Kampf gegen organisierten und gewerbsmäßigen Diebstahl als zentrale Herausforderung ein. EHI-Experte Frank Horst beschreibt dabei sowohl den „organisierten“ als auch den „normalen“ Kundendiebstahl als besorgniserregend und adressiert damit ein Risiko, das nicht nur auf einzelne Taten begrenzt ist. Parallel verlangt der Handelsverband Deutschland eine konsequentere Verfolgung von Ladendiebstahl sowie eine bessere Ausstattung von Strafverfolgungsbehörden und Gerichten. In der Praxis konkurrieren dabei nicht nur Tätergruppen, sondern auch Anbieter von Sicherheitsdienstleistungen und Technologielösungen: Unternehmen müssen zwischen unterschiedlichen Modellen wählen, etwa zwischen Sicherheitsdienstleistern wie Securitas und integrierten, softwaregetriebenen Sicherheitsplattformen, die Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführen.
Für die Marktkommunikation ist außerdem entscheidend, wie Behörden und Unternehmen Informationen austauschen. Wenn organisierte Tätergruppen einen relevanten Anteil ausmachen, steigt die Bedeutung von strukturierten Fallinformationen, typisierten Tatmustern und nachvollziehbaren Beweisketten. Genau hier unterscheiden sich „Security as a Service“-Ansätze: Manche setzen stärker auf Personal und reaktive Abläufe, andere auf datengetriebene Erkennung und standardisierte Eskalationswege. Experten berichten aus der Branche zudem, dass Gerichtsverfahren häufig durch uneinheitliche Dokumentation oder fehlende Systematik bei der Beweissicherung erschwert werden. Aus Unternehmenssicht wird damit nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Effizienz der Zusammenarbeit zwischen Filiale, Rechtsabteilung und Ermittlungsstellen zum Wettbewerbsfaktor.
Der Blick nach vorn zeigt, dass die nächsten Schritte weniger in einzelnen Werkzeugen liegen werden, sondern in der End-to-End-Resilienz. Händler werden ihre Strategien voraussichtlich stärker an Risikoprofilen ausrichten: Welche Filialen und welche Warengruppen sind überproportional betroffen? Wie schnell lässt sich nach einem Ereignis eine qualifizierte Bewertung durchführen? Und wie wird verhindert, dass Tätergruppen durch „Umgehung“ einzelner Maßnahmen lernen? Für viele Organisationen führt das zu einer Verschiebung hin zu datenbasiertem Sicherheitsmanagement, bei dem Prozess- und Systemkontrollen wie ein Sicherheitsbetrieb („Security Operations“) gedacht werden, nicht als einmalige Technikanschaffung.
Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die Diskussion um Strafe und Prävention stärker mit Investitionen in Compliance- und Sicherheitsprozesse verknüpft wird. Wenn zwischen 2020 und 2025 die Schäden im Kundendiebstahl überproportional steigen, werden Unternehmen den Budgeteinsatz vermutlich noch stärker an messbarem Erfolg koppeln: Rückgang von Verlustquoten, bessere Erfassungsqualität und mehr verwertbare Nachweise. Kurzfristig können bessere Ausstattungen bei Ermittlungs- und Justizbehörden die Durchsetzung erhöhen, mittelfristig wird jedoch die technische und organisatorische „Detektions-zu-Entscheidungs-Kette“ zum entscheidenden Hebel. Die Chancen für Entwickler liegen dabei in integrierter Analyse, die Datenschutz und Rollenmodelle sauber abbildet, damit Sicherheitsdaten rechtssicher und zweckgebunden nutzbar sind.
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