BERLIN – Vor dem USA-Besuch von Chinas Präsident Xi Jinping fordert die deutsche Wirtschaft, dass die EU in der Handelspolitik deutlich aktiver auftritt. Volker Treier von der DIHK warnt davor, wenn Washington und Peking über Rohstoffe, Handel und Schlüssetechnologien verhandeln, ohne dass Europa mitgestaltet. Entscheidend seien Fortschritte bei Exportkontrollen, weil schon heute Beschränkungen bei kritischen Rohstoffen, Halbleitern und Schlüsseltechnologien Lieferketten belasten. Ohne Entspannung drohe auch Unternehmen in Deutschland spürbar weniger Planungssicherheit.

Der kommende Gipfel zwischen den USA und China ist nicht nur ein diplomatisches Ereignis, sondern ein unmittelbarer Belastungstest für die deutsche Exportwirtschaft. Während Xi Jinping in Washington auf US-Präsident Donald Trump trifft, richtet sich der Blick in Berlin auf einen Punkt, der in solchen Verhandlungsrunden oft zu kurz kommt: die Rolle der Europäischen Union als eigenständiger wirtschaftspolitischer Akteur. Volker Treier, Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), stellt dabei klar, dass die deutsche Wirtschaft die EU nicht als passiven Beobachter sieht, sondern als Partner, der seine Interessen aktiv vertritt.
Treier argumentiert, dass Verhandlungen der beiden Wirtschaftsgiganten über Handel, Rohstoffe und Schlüsseltechnologien nicht am Standort Deutschland vorbeigehen. Die Begründung ist relativ nüchtern: Sowohl die USA als auch China zählen zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Wenn dort Zölle, Handelsregeln oder Technologiezugänge neu austariert werden, verändert sich für Unternehmen in kurzer Zeit der regulatorische Rahmen für Beschaffung, Produktion und Vertrieb. Damit wird aus politischer Rhetorik schnell ein praktisches Thema für Einkaufsabteilungen, Qualitätsmanagement und Supply-Chain-Planung.
Besonders kritisch stuft die DIHK die Frage der Exportkontrollen ein. Laut Treier wären Fortschritte bei den Exportbeschränkungen aus China und den USA ein zentraler Hebel, um die Wirkung auf Unternehmen abzufedern. Der Hintergrund: Schon heute erschweren Beschränkungen bei kritischen Rohstoffen, Halbleitern und Schlüsseltechnologien internationale Geschäfte und damit auch die Stabilität von Lieferketten. Für die Industrie bedeutet das häufig nicht nur kompliziertere Genehmigungsprozesse, sondern auch zusätzliche Sicherheitsbestände, alternative Zulieferer und mehr Aufwand in der Stücklisten- und Bauteilqualifizierung.
In der Debatte um Handelspolitik verschiebt sich zudem der Fokus von einzelnen Produktgruppen hin zu strategischen Abhängigkeiten. Treier hebt hervor, dass die EU nicht allein durch „Hinterherlaufen“ profitieren kann, sondern eigene Gestaltungsspielräume hat. Der Binnenmarkt kann dabei als Fundament wirken, weil er Skaleneffekte und gemeinsame Regeln für Produkte, Dienste und Standards ermöglicht. Gleichzeitig sieht die DIHK in neuen wirtschaftlichen Allianzen in Asien, Lateinamerika und Afrika eine Möglichkeit, strategische Abhängigkeiten zu reduzieren, statt sie bei jeder Verschärfung zwischen den USA und China automatisch zu vergrößern.
Damit berührt die Forderung der DIHK auch einen historischen Spannungsbogen: In den letzten Jahren haben sich Handels- und Technologiepolitik immer stärker überlagert. Exportkontrollen, Investitionsbeschränkungen und Regeln für den Zugang zu bestimmten Technologien werden zunehmend als wirtschaftspolitisches Instrument genutzt, nicht nur als Instrument der Sicherheitsarchitektur. Für Unternehmen entsteht daraus ein wiederkehrendes Muster: Was gestern als planbarer Technologietransfer galt, wird heute abhängig von Klassifizierung, Zweckbindung und Genehmigungsregimen. Genau diese Dynamik macht es für Entscheider schwer, langfristige Investitionen ohne Szenarioplanung zu treffen.
Der Markt reagiert darauf typischerweise mit Komplexitätskosten. Selbst ohne neue Verschärfungen führen unterschiedliche Anforderungen in der Lieferkette zu höheren administrativen Lasten, zusätzlichen Prüfprozessen und einer stärkeren Fragmentierung von Beschaffungsstrategien. Für mittelständische Zulieferer kann das besonders spürbar sein, weil sie weniger Puffer in Personal und Liquidität haben. Auch deshalb ist die politische Dimension so relevant: Je koordinierter Europa agiert, desto eher lassen sich verlässliche Spielregeln schaffen, die Genehmigungen, Zertifizierungen und Produktentwicklungen planbar machen.
Für Unternehmen in Deutschland lautet die praktische Konsequenz daher weniger „abwarten“, sondern die EU-Handelspolitik als Teil der eigenen Risikosteuerung zu betrachten. Wenn Xi und Trump in Washington über Rohstoffe und Schlüsseltechnologien verhandeln, entscheiden sich im Ergebnis auch Fragen darüber, wie restriktiv Exportkontrollen werden und wie schnell neue Ausnahmen oder Übergangsregeln kommen. Gleichzeitig dürfte die Diskussion um wirtschaftliche Allianzen in anderen Regionen anziehen, weil Diversifizierung in der Praxis oft langsamer ist als der politische Zyklus. In diesem Spannungsfeld werden klare europäische Positionen zur außenwirtschaftlichen Absicherung für viele Branchen zum Wettbewerbsvorteil.
Die DIHK setzt damit einen klaren Schwerpunkt: Entspannung zwischen den USA und China würde für Unternehmen im internationalen Geschäft mehr Planungssicherheit bringen. Eine erneute Eskalation, so Treier, würde dagegen die deutsche Wirtschaft hart treffen. Unabhängig vom Gipfelverlauf ist damit eines deutlich: Die EU kann ihre Interessen nur dann wirksam vertreten, wenn sie Handelspolitik nicht als Schicksal betrachtet, sondern als aktives Steuerungsinstrument in der Technologie- und Rohstofflandschaft.
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