ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – DocMorris blickt für das laufende Jahr trotz erneut schwacher Kursreaktion optimistischer nach vorn und hebt seine Umsatz- und Ergebnisziele an. Die Aktie drehte am Mittwoch nach frühen Gewinnen zeitweise um 2,96 Prozent auf 9,35 Schweizer Franken ins Minus. Im ersten Halbjahr reduzierte das Unternehmen den bereinigten operativen Verlust deutlich, dennoch belasten Sonderausgaben und der Umbau im Umfeld einer KI-Strategie. Entscheidend für die Kommunikation ist nun, ob die erwarteten Kosteneinsparungen ab der zweiten Jahreshälfte nachhaltig greifen.

Der Kursverlauf passt nicht zur Botschaft: Obwohl DocMorris die Prognose für das laufende Jahr angehoben hat, hat die Aktie am Mittwoch zeitweise deutlich nachgegeben. Nach moderaten Kursgewinnen zum Handelsbeginn drehte der Titel ins Minus und gab zwischenzeitlich um 2,96 Prozent auf 9,35 Schweizer Franken nach. Auf der vorbörslichen Handelsplattform Tradegate waren die Papiere zuvor umgerechnet um zwölf Prozent nach oben geschossen, sodass der Spagat aus Optimismus und fehlender „Gewinnverteidigung“ für die Anleger spürbar bleibt. Die Papiere des Wettbewerbers Redcare Pharmacy zeigten sich derweil weitgehend unverändert.
Operativ liefert DocMorris allerdings einen klaren Hebel: Das Unternehmen beschreibt im ersten Halbjahr einen deutlichen Fortschritt Richtung Profitabilität. Laut dem Bericht von Jefferies konnte der bereinigte operative Verlust von 28,8 auf 10,9 Millionen Franken mehr als halbiert werden. Im zweiten Quartal fiel die Entwicklung dabei besser aus als noch zu Jahresstart, und auch die Profitabilität verbesserte sich durch niedrigere Kundenbindungskosten. Unter dem Strich sank der Fehlbetrag ebenfalls von 61,6 auf 53,1 Millionen Franken, allerdings nicht ohne Gegenwind durch Sonderausgaben in Höhe von rund 7,6 Millionen Franken.
Technisch und strategisch wird der Kontext dieser Sonderkosten konkret: Nach Angaben in der Meldung entstanden die zusätzlichen Ausgaben unter anderem durch die Schließung des Standorts in Ludwigshafen und die Umsetzung der neuen KI-Strategie. Genau hier setzt auch die Bewertung der Analysten an. Martin Comtesse von Jefferies ordnete die Entwicklung in einem wörtlichen Resümee ein und verwies darauf, dass außerordentliche Kosten auf Jahressicht stark gestiegen seien. „Alles in allem ein Schritt in die richtige Richtung, aber das Management muss beweisen, dass all die Umbaumaßnahmen die Kosten nachhaltig senken und die Effizienz erhöhen“, lautet der zitierte Schluss des Experten. Damit verschiebt sich der Fokus vom reinen Umsatzwachstum auf die Frage, wie robust der Kostendegress nach dem Umbau tatsächlich ist.
Die Prognoseanhebung betrifft dabei mehrere Dimensionen. DocMorris will seinen Außenumsatz in Lokalwährungen im laufenden Jahr um 9 bis 13 Prozent gegenüber dem Vorjahr steigern; zuvor peilte das Unternehmen noch ein Plus im mittleren einstelligen Bereich bis hin zu einem niedrigen Zehnprozentwert an. Beim Ergebnis rechnet der Konzern – bereinigt um Sondereffekte – mit einem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen von minus 10 bis minus 17,5 Millionen Schweizer Franken (rund 10,6 bis 18,6 Mio Euro). Im Vergleich zur vorherigen Erwartung ist das eine spürbare Entspannung: Vorher hatte DocMorris bis zu 25 Millionen Verlust befürchtet. Außerdem bleibt das strategische Ziel bestehen, in der zweiten Jahreshälfte operativ die Gewinnschwelle zu erreichen; Jefferies schreibt, DocMorris sei dem Ziel im ersten Halbjahr etwas näher gekommen.
Als Wachstumsmotor nennt das Unternehmen vor allem rezeptpflichtige Medikamente und den Ausbau digitaler Services. Der Außenumsatz stieg um knapp 10 Prozent auf 628 Millionen Franken; besonders dynamisch entwickelte sich der Bereich Digital Services. Dieser umfasst neben dem digitalen Einlösen von E-Rezepten unter anderem die Vermittlung von Online-Arztbesuchen, KI-gestützte Gesundheitsassistenten sowie Online-Beratungen. Der Umsatz in diesem Segment wuchs um gut 71 Prozent. Parallel zog das Geschäft mit verschreibungspflichtigen Medikamenten um 38 Prozent an, wobei das zweite Quartal mit einem Plus von fast 46 Prozent noch stärker ausfiel. DocMorris begründet die kräftige Entwicklung im E-Rezept-Geschäft mit einem erheblichen Zustrom neuer Kunden und steigenden Wiederbestellraten.
Für das Gesamtjahr hebt der Konzern die Erwartung beim E-Rezept-Geschäft erneut an: Beim Wachstum rechnet DocMorris nun mit 40 Prozent bei den verschreibungspflichtigen Medikamenten und damit mit dem doppelten Tempo gegenüber der bisherigen Planung. Der Anteil digitaler Interaktionen bleibt damit nicht nur ein Marketingversprechen, sondern wirkt direkt auf die Kennzahlen, insbesondere über Wiederbestellquoten und die Nutzung der digitalen Abwicklungswege. Zusätzlich bestätigt DocMorris die Mittelfristziele: Der Umsatz soll weiter jährlich um rund 15 Prozent wachsen, und die operative Marge wird mit etwa 8 Prozent in Aussicht gestellt. Unverändert bleibt auch die Prognose für den freien Barmittelfluss, der im Laufe des kommenden Jahres die Nulllinie erreichen soll.
Auch wenn die fundamental bestätigte Richtung positiv klingt, bleibt die Kapitalmarktreaktion ambivalent. Die UBS hat DocMorris am Mittwoch auf „Neutral“ belassen und ein Kursziel von 10,70 Franken genannt. Zur Begründung führt die Bank an, dass der Markt möglicherweise eher gemischt reagiert, weil höhere Ziele und damit Potenzial im Konsens auf Enttäuschung treffen könnten. Außerdem sei der Free Cashflow weiterhin negativ. In der Praxis heißt das: Für die kommenden Quartale wird weniger der Prognose-Text selbst zählen, sondern die zeitliche Abfolge zwischen Kostensenkung aus dem Umbau, KI-gestützter Effizienzsteigerung und dem Aufbau von Cash-Reserven, die das Unternehmen für die nächsten Skalierungsschritte braucht.
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