LÜBECK / LONDON (IT BOLTWISE) – Im Streit um ein weitreichendes EU-PFAS-Verbot drängt Drägerwerk-Chef Stefan Dräger auf ein Eingreifen der Bundesregierung. Er will, dass der Vorschlag politisch nachjustiert wird, um den Industriestandort in Deutschland zu retten. Dräger verweist auf die existenzbedrohende Wirkung der diskutierten Regelung und fordert eine differenzierte Betrachtung der PFAS. Er nennt zudem Kontrollen von Produktion, Gebrauch und Entsorgung als Voraussetzung für weitere Anwendungen.

Die Debatte um ein mögliches weitreichendes PFAS-Verbot auf EU-Ebene bekommt eine neue politische Dimension: Stefan Dräger, Chef von Drägerwerk, fordert ein Einschreiten der Bundesregierung. Sein Kernpunkt ist dabei nicht nur das „Ob“ einer Regulierung, sondern das „Wie“ der Umsetzung. Er argumentiert, die Regierung könne den Vorschlag noch beeinflussen, indem sie die politische Bewertung der gesellschaftlichen Auswirkungen nachzieht und Änderungen anstößt. Damit stellt sich das Unternehmen in eine Position, die in solchen Gesetzgebungsprozessen häufig entsteht: Forschung und Risikoabschätzung laufen technisch, aber die wirtschaftlichen Folgen werden politisch verhandelt, und genau diese Lücke will Dräger schließen.
Damit rückt eine Grundsatzfrage in den Fokus: PFAS sind als Stoffgruppe breit gefasst, während die Gefährlichkeit offenbar nicht für alle Varianten identisch ist. PFAS steht für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, also industriell hergestellte Chemikalien, die wegen ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften seit Jahrzehnten in vielen Anwendungen genutzt werden. Bekannt sind mehr als 10.000 verschiedene Verbindungen. Aus Umwelt- und Gesundheitsdebatten ergibt sich zudem der Begriff „Ewigkeitschemikalien“, weil PFAS in der Umwelt und im Körper nicht oder kaum abgebaut werden. Dräger betont jedoch ausdrücklich, dass nicht alle PFAS gleichermaßen gefährlich seien und lehnt den pauschalen Sprachgebrauch ab, der in der Aktivismus-Kommunikation häufig als Mobilisierungssatz dient.
Technisch und regulatorisch ist die Lage deshalb komplexer als ein reines Totalverbot-Szenario. Die EU verhandelt seit 2023 ein weitreichendes Beschränkungsverfahren, das von Behörden aus fünf europäischen Ländern, darunter Deutschland, angestrengt wurde. In der Zwischenzeit werden mehrere Varianten diskutiert, wobei die Option eines Totalverbots nach Angaben aus dem Verfahren voraussichtlich nicht umsetzbar ist. Für Dräger ist entscheidend, dass die Regelung nicht zu einer existenzbedrohenden Wirkung führt, und er verbindet das mit einer konkreten Bedingung: Die Industrie solle besonders nützliche Stoffe weiter verwenden dürfen, sofern sie ungiftig und nicht wasserlöslich sind. Diese Differenzierung zielt darauf, den Nutzen für bestimmte Produktanforderungen zu erhalten, ohne die Umwelt- und Gesundheitsrisiken pauschal zu ignorieren.
In der Argumentationslinie des Unternehmens spielt außerdem die Frage nach politischer Legitimation eine Rolle. Dräger kritisiert, dass der Vorstoß auch aus Deutschland nicht auf einem Beschluss des Bundestags beruhe. Fehlt aus seiner Sicht diese Grundlage, dann fehlt es dem Regelungsprozess an demokratischer Legitimation, um in der Breite in Industrie und Versorgungsketten einzugreifen. Ergänzend nennt er als notwendige Voraussetzung Kontrollen von Produktion, Gebrauch und Entsorgung. Damit verschiebt das Unternehmen die Diskussion von einer rein verbotsorientierten Logik hin zu einem risikobasierten Steuerungsansatz, bei dem Transparenz über Herstellung und Lebenszyklus ebenso wichtig wäre wie die Chemikalieneigenschaften selbst.
Die wirtschaftliche Dimension ist dabei nicht abstrakt. Drägerwerk führt in fester Familienstruktur ein 1889 gegründetes Unternehmen in fünfter Generation; die Stammaktien hält überwiegend die Familie Dräger. Vergangenes Jahr beschäftigte der börsennotierte Konzern mehr als 16.000 Mitarbeitende und erzielte einen Umsatz von annähernd 3,5 Milliarden Euro. In einer solchen Größenordnung wird ein regulatorischer Eingriff über Lieferketten, Rohstoffverfügbarkeit und Produktzulassungen hinweg spürbar. Genau deshalb wirkt die Formulierung „existenzbedrohend“ so stark: Sie bedeutet nicht nur Kostendruck, sondern das Risiko, dass sich technische Spezifikationen und Serienprozesse nicht innerhalb der Übergangszeiten ersetzen lassen. Gleichzeitig zeigt der Hinweis, dass PFAS „sehr beständig“ seien und nicht generell „in die Umwelt gehören“, wie vorsichtig Dräger die Risikofrage rahmt: Das Unternehmen widerspricht nicht dem regulatorischen Anliegen, sondern stellt die pauschale Ausgestaltung in Frage.
Für die Industriebranchen insgesamt wird die weitere Entwicklung vor allem davon abhängen, ob die EU-Bewertung bis Ende des Jahres und die anschließende politische Bewertung bis Ende 2026 zu einer praktikablen Übergangslogik führen. Wenn die Regulatorik zu stark vereinfacht, drohen Ersatzzyklen, die wiederum neue Stoffgruppen in den Fokus bringen könnten. Wenn sie dagegen zu langwierig wird, bleiben Unternehmen in Unsicherheit über Planungssicherheit, Beschaffung und Produktentwicklung. Auf Unternehmensebene heißt das: PFAS-Management wird nicht nur ein Compliance-Thema, sondern ein Engineering- und Supply-Chain-Thema. Dräger bringt dafür eine klare Linie ein – Differenzierung nach Eigenschaften, dazu kontrollierte Lebenszyklusprozesse. Ob sich diese Sicht in Brüssel und in den nationalen Abstimmungen durchsetzt, entscheidet sich jetzt daran, wie Bundesregierung und EU-Instanzen die gesellschaftlichen Effekte politisch bewerten und in konkrete, umsetzbare Regeltexte übersetzen.
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