IDAHO FALLS / LONDON (IT BOLTWISE) – Drei neue Microreactor-Startups haben den kritischen Zustand „Criticality“ erreicht oder stehen unmittelbar davor, während das US-Energieministerium (DOE) auf eine Deadline zum US-Nationalfeiertag 4. Juli drängt. Aalo Atomics testet seinen Aalo-X-Reaktor bei der Idaho National Laboratory-Anlage und blieb nach eigenen Angaben nur knapp unter dem Zieltermin. Parallel berichten Valar Atomics, Antares Energy und Deployable Energy von bereits erfolgreich erreichten Meilensteinen, unter anderem mit Leistungstests bis 100 kW. Entscheidend wird nun, ob die Designs ohne Bedienereingriff zuverlässig in den Langzeitbetrieb gehen – und ob sich daraus echte Strom- und Rechenzentrums-Kapazitäten ableiten lassen.

Am Idaho National Laboratory verdichtet sich gerade ein Rennen, das technisch wie politisch wirkt: Startups für „Mini-“, „Micro-“ oder „Small Modular Reactors“ versuchen, bis zum 4. Juli einen stabilen Kettenreaktions-Zustand zu erreichen. Laut einem Bericht reisen dafür Beschäftigte von Aalo Atomics aus Austin nach Idaho Falls und sammeln sich auf einem zwei Hektar großen Baustellenareal unmittelbar außerhalb der Bereiche des DOE-Labors. Der Zeitpunkt ist eng, denn eine im Mai 2025 erlassene Anordnung des Präsidenten adressiert das „Reactor Pilot Program“ mit dem Ziel, mindestens drei neue Reaktorentwickler bis zur US-250-Jahres-Frist in Richtung „Criticality“ zu bringen. Die technische Hürde ist dabei keine Marketingfolie, sondern die physikalische Balance aus Neutronenvermehrung und Verlusten im Reaktorkern.
Aalo Atomics testet dort den Aalo-X-Reaktor und koppelt den Versuch offenbar eng an die Kommunikationsstrategie des Unternehmens: Laut Unternehmensangaben wurden Airstream-Anhänger für das Ereignis eingesetzt, bei dem CEO Matt Loszak von „emotionalen Reden“ spricht und ein Live-Video zeigt, wie das Team Uran-Brennelemente in den Kern lädt. Anschließend setzt man auf die Prozedur, bei der Kontrollstäbe entfernt werden, um die Fissionskette in Gang zu bringen und dann zu stabilisieren. Anfang Juli 2 meldete der CTO Yasir Arafat über X, dass Atome bereits „splitten“ und der Kern Neutronen multipliziert, die Anlage aber noch nicht im Zustand sei, in dem die Reaktion selbsttragend bleibt. Die Deadline bleibt damit buchstäblich im Prozess eingebaut: „kritische“ Zustände sind langsam und müssen reproduzierbar erreicht werden.
Technisch ist der Kontext entscheidend, weil das DOE den Startups nicht nur einen Zeitplan liefert, sondern Infrastruktur zur Verfügung stellt. Viele der Mikroreaktor-Tests finden auf dem Gelände statt, wo in den 1960er-Jahren bereits ein Experiment durchgeführt wurde, das als Schutzkuppel für Hochrisikobelange diente. Das reduziert zwar nicht das Sicherheitsregime, aber es senkt die Hürde, überhaupt so nahe an relevante Testszenarien zu kommen. Aalo ist dabei nicht allein: Valar Atomics berichtete von gleich zwei erreichten „Criticality“-Phasen, zunächst mit nur dem Kern in Los Alamos und später mit dem Ward250-Setup im Utah-Testfeld. Antares Energy verweist auf einen früheren Meilenstein am Idaho National Laboratory und auf weitere Tests im NASA-Umfeld, während Deployable Energy seine „Unity Nuclear Battery“ als Container-Design an einem DOE-Programm ausrichtet.
Der Marktteil ist dabei mehr als ein Nebenstrang: Das DOE-Ziel wirkt wie ein Katalysator für Kapitalflüsse und Partnerschaften, weil erfolgreiche Meilensteine Risiken reduzieren. Valar etwa nutzte Unterstützung über die US Air Force, die Ausrüstung per C-17 an eine Testumgebung transportierte; kurz danach soll Valar 450 Millionen US-Dollar bei einer 2-Milliarden-US-Dollar-Bewertung eingesammelt haben. Antares Energy hebt hervor, dass sein Mark-0-Reaktor als nicht „light-water“ basierter Ansatz nach vier Jahrzehnten als privat finanzierter Kandidat bei Idaho National Laboratory „Criticality“ erreichte. Deployable Energy wiederum stellt seine Transportierbarkeit in den Mittelpunkt und demonstriert den Ansatz sinnbildlich, indem der Reaktorkern in Idaho Falls anrollte. Ergänzend zeigt Kairos Power, wie andere Startups den Weg über Pilotanlagen und größere Projekte parallel bestreiten. Der Experte Bob Boston, Leiter des Idaho Operations Office, ordnet das Ganze als intensives Karriere-Highlight ein: Das Testen und Steuern der Reactor-Piloten sei die „bistischste Zeit“ seines nuklearen Berufslebens.
Gleichzeitig ist die Konkurrenzlage heterogen, was sich auch an den Betriebszielen zeigt. Radiant arbeitet ebenfalls bei Idaho, will aber über reine „Zero-Power“-Validierungen hinaus und einen heliumgekühlten Reaktor auf voller Leistung sowie im Langzeitbetrieb testen, inklusive Zielwerten wie 1 MW über 150 Stunden. Deep Fission fokussiert geologische Schutzkonzepte und will den Reaktor in einem tiefen Bohrloch platzieren, getragen vom Druck der Erde als zusätzliche Barriere. Solche Unterschiede sind für Investoren und Unternehmen nicht nur „Technologieästhetik“, sondern beeinflussen Kosten, Genehmigungslogik und Lieferkette. Viele Designs benötigen zudem neuartige TRISO-Brennstoffpellets, die zum Teil noch nicht in den erwarteten Mengen verfügbar sind. Die Nachfrage wächst dennoch: Amazon soll 5 Gigawatt aus dem Portfolio eines anderen Startup-Kandidaten anstreben, und Deep Fission kündigte branchenweit Gespräche über sehr große Kapazitäten an. Das weist darauf hin, dass es weniger um die Frage „ob“, sondern um die Reihenfolge „wann“ und „unter welchen Betriebsbedingungen“ geht.
In der Unternehmensrealität entscheidet nun nicht die erste Kettenreaktion, sondern die Fähigkeit, Last zu tragen und Datenanwendungen dauerhaft mit Energie zu versorgen. Das zeigt sich besonders bei Rechenzentrums-Use-Cases, die in der Branche als „Proof of Need“ gelten: Valar plant etwa ein 30-Megawatt-Nuklear-Datacenter in Utah und knüpft dies zeitlich an einen 100-kW-Leistungstest. Antares wiederum adressiert mit dem Ziel von 100 kW eine mögliche Energiequelle für zukünftige Mondbasen, während militärische Kundenkontexte eine schnellere, weniger abgelegene Bereitstellung bevorzugen. Kairos Power positioniert sich mit Hermes-1 und Hermes-2 ebenfalls im Umfeld von Stromvermarktung und nennt als potenzielle Abnehmer Konstellationen, die auch Rechenzentrumsbedarf abdecken könnten. Entscheidend ist dabei die Sicherheits- und Betriebsintegration: Wie reagieren Systeme auf Lastwechsel, wie stabil bleibt die Leistung, und wie zuverlässig funktioniert die Abschaltung ohne manuelle Eingriffe. Genau hier treffen regulatorische Anforderungen auf Engineering-Feinschliff.
Für die nächsten Monate ist daher die eigentliche Erfolgsmessung klar: Nicht „Criticality“ allein, sondern volle Wärme- und Leistungszyklen, Langzeitstandfestigkeit sowie skalierbare Fertigung. Radiant will den Langzeittest mit definierten Betriebsfenstern führen, Deep Fission plant Fertigungs- und Bohrkonzepte, und Deployable Energy versucht, die Lieferfähigkeit über ein Containerparadigma zu maximieren. Auf der Regulatory- und Datenschutzseite bleibt relevant, dass Reaktorbetrieb, Messdaten und Sicherheitsprotokolle oft in klar getrennten Systemen laufen müssen; dabei entstehen Anforderungen an Zugriffskontrollen, Auditierbarkeit und die Integrität von Telemetrie. Für Unternehmen außerhalb der Nuklearbranche ergibt sich trotzdem ein konkreter Hebel: Wenn sich die Piloten als reproduzierbar erweisen, entstehen neue Partnerschaften für Energie- und Rechenzentrumsversorgung, die nicht ausschließlich von Netzengpässen abhängen. Kurzfristig werden Tech-Teams vor allem Metriken, Schnittstellen und Betriebshistorien vergleichen; mittelfristig könnte daraus ein standardisierter Weg für „KI-Cluster“ entstehen, die Energie als planbare Ressource behandeln.
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