PARIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Europäische Kommission steht kurz vor der Auswahl für die zweite Phase des EATMI-Programms zur Endo-Atmospheric Interceptor Abwehr gegen Hyperschallbedrohungen. Bis Ende des Monats soll entweder HYDEF oder HYDIS als Konsortium für die weitere Entwicklung durchstarten. HYDIS arbeitet dabei am Aquila-Interceptor mit fortgeschrittenerem Design, während HYDEF stärker auf grundlegende Technologien für hochmanövrierbare Abfangjäger setzt. Zielbild ist ein systemfähiger Demonstrator bis 2030 und eine Einsatzfähigkeit um 2035.

Europa steuert in den Hyperschall-Schutzmodus hinein: Zum Monatsende soll die Europäische Kommission bei zwei konkurrierenden Konsortien für die zweite Phase des EATMI-Programms (Endo-Atmospheric Interceptor) eine Entscheidung treffen. Genauer geht es um die Auswahl entweder des Hypersonic Interceptor Defence (HYDEF) oder des Hypersonic Defence Interceptor System (HYDIS) für den weiteren Entwicklungspfad. Damit wird nicht nur ein politisch-technischer Richtungswechsel angestoßen, sondern auch die Frage beantwortet, welches Abfangkonzept in der nächsten Phase schneller in Richtung Systemreife geführt werden kann. Beide Vorhaben bauen auf Bewertungen und Designarbeit aus der ersten EATMI-Phase auf; die Vorgaben müssen bis zum 30. November erfüllen, wobei die Kommission anschließend nur noch einen Anbieter weiterziehen will.
Technisch betrachtet unterscheiden sich die Ansätze spürbar: HYDEF konzentriert sich auf fundamentale Technologien für einen besonders manövrierfähigen Interceptor, also auf Bausteine, die später die hohe Flug- und Zielanpassung ermöglichen sollen. HYDIS verfolgt dagegen ein stärker ausgeprägtes Missile-Design, das im Programmkontext unter dem Namen Aquila geführt wird. Gerade bei Hyperschallzielen wird diese Differenz in der Praxis relevant, weil Abfangsysteme mit sehr schnellen, zusätzlich manövrierenden Zielen umgehen müssen. Die Zielkörper können mindestens mit Mach 5 fliegen und während des Fluges ihre Bahn ändern, wodurch Radar- und Tracking-Prozesse weniger Zeit für Detektion, präzise Nachführung und schließlich die Abfangentscheidung erhalten.
Der Zeitplan legt die technische Messlatte hoch: Die erste Phase von EATMI wurde Ende Oktober abgeschlossen, nachdem die Konzepte beider Konsortien im Sommer vorläufige Requirements Reviews bestanden hatten. Die zweite Phase soll voraussichtlich 2027 starten und dann vor allem zwei Dinge gleichzeitig vorantreiben: Interceptor-Technologien in Richtung Reife bringen und das vorläufige Systemdesign für die vollständige Waffe weiter verfeinern. Als Zielmarke nennt die Kommission einen systemweiten Demonstrator auf Technology Readiness Level 6 bis 2030, gefolgt von einer Entwicklungs- und Industrialisierungsphase. Für die Zeit nach 2035 wird als voraussichtliches In-Service-Datum ein Einsatz rund um diese Größenordnung angestrebt, nachdem der Demonstrator den Weg in Richtung Serien- und Betriebsfähigkeit geöffnet hat.
Mit Blick auf die Konsortialstruktur zeigt sich, wie stark Europa die Entwicklung über mehrere Staaten und Industriepartner verteilt. HYDEF wird von spanischer Seite durch Spanish Missile Systems (SMS) geführt; Diehl Defence übernimmt die Rolle des technischen Koordinators. Beteiligte Regierungen sind laut Programmaufstellung aus Spanien, Deutschland, Polen, Belgien und Norwegen, während Industriepartner aus den jeweiligen Ländern das industrielle Konsortium bilden. Dazu zählen unter anderem Nammo, Navantia und GMV. HYDIS wiederum setzt auf ein Netzwerk aus Frankreich, Italien, den Niederlanden und ebenfalls Deutschland, ergänzt durch ein Team aus MBDA, Saab, Thales und Leonardo sowie die Forschungs- und Entwicklungsstellen TNO (Niederlande) und FOI (Schweden). In den Arbeitsstrukturen werden verschiedene Technologie-Cluster abgedeckt, etwa Onboard-Terminal-Guidance-Sensorik, Lethality, Kommunikation und Datalinks, Propulsion, Aerodynamik und thermischer Bereich, außerdem Navigation, Guidance & Control sowie die Manövrierfähigkeit des Interceptors.
Auf der Branchenbühne in Paris wurden die strategischen Zielrichtungen für HYDIS konkretisiert: Auf der Euronaval Expo bestätigte ein MBDA-Vertreter die zweite Phase werde sich darauf konzentrieren, den Sprung über Technology Readiness Level 3 hinaus zu schaffen und bis zum Ende des Jahrzehnts einen „full system demonstrator“ zu erreichen. Falls HYDIS ausgewählt wird, soll die Aquila-Entwicklung fortgeführt werden; zudem wird die Fähigkeit hervorgehoben, von Oberflächenschiffen aus zu starten, und zwar über das MK41 Vertical Launch System. Weitere Schwerpunktpunkte sind dabei Bezahlbarkeit sowie skalierbare Produktion. Für HYDEF äußerte sich der Kommunikationskanal weniger detailliert zur Planung der zweiten Phase, verwies aber darauf, dass die erste Entwicklungsphase im Zeitplan abgeschlossen und die technische Reife der Subsysteme über die initialen Ziele hinausgegangen sei; die Fortschreibung in EATMI-Phase 2 werde entsprechend als vorbereitet dargestellt.
Auch die Systemarchitektur steht im Wettbewerbskontext: Lionel Mazenq, Vice President für Incubator Programmes bei MBDA, stellte Anforderungen und Nutzenbilder in den Raum. Er verglich das Programm mit dem US-Glide Phase Interceptor (GPI), das auf die Abwehr von Hyperschall-Glide-Fahrzeugen zugeschnitten ist. Für die europäische Lösung behauptet Mazenq, sie werde beide Bedrohungsklassen adressieren, und als Teil eines umfassenderen, integrierten Luft- und Raketenabwehrnetzwerks wirken. MBDA beziffert den potenziellen Beitrag als „regional shield protection“: Über einen Radius von 100 Kilometern mit einem einzigen Launcher. Für den organisatorischen Ausbau nannte Mazenq außerdem ein Bild eines „continental barrier“ gegen Hyperschallbedrohungen, bei dem eine Netzstruktur aus Launchern durch ein gemeinsames Radar koordiniert werden soll. Ergänzend verweist MBDA auf laufende Zusammenarbeit, um über Satellitenkonstellationen aus dem Weltraum zu detektieren und zu verfolgen.
Finanziell und politisch wird der Entscheidungsprozess durch Förderzusagen untermauert. Für die zweite Programmphase hat der European Defence Fund (EDF) laut Angaben eine Förderung von 100 Millionen Euro vorgesehen, mit einem erwarteten Zusatzrahmen aus dem jeweiligen Konsortium. Für HYDIS nennt MBDA Mazenq, dass 11 Nationen aus dem HYDIS 2 DP-Umfeld zusätzlich 133 Millionen Euro einbringen sollen. In der Erweiterungslogik zeigt sich zudem, dass bei einer Auswahl mehr Länder in das Konsortium einsteigen sollen: Bis September hatten 13 weitere Staaten Letters of Intent oder Support gemeldet, darunter unter anderem Belgien, Dänemark, Norwegen, Schweden, Finnland, Estland, Litauen, Polen, Tschechien, die Slowakei, Rumänien und Kroatien. Für Entscheider in Unternehmen und Forschungseinrichtungen bedeutet das: Wer an Sensorik, Leitsystemen, Datalinks oder auch an der späteren Produktions- und Integrationskette beteiligt ist, sollte sich jetzt auf die Folgen der Downselect-Entscheidung einstellen, weil ab 2027 die Arbeiten enger am ausgewählten Gesamtsystem ausgerichtet werden.
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