LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) zeigt, dass Rabatte im Schweizer Arzneimittelmarkt häufig nicht bei den Krankenkassen ankommen. Insgesamt fließen jährlich 743 Mio. CHF an Rabattvolumen durch den Markt, aber lediglich 88 Mio. CHF erreichen die Prämienzahler. Laut EFK zahlen Patientinnen und Patienten dadurch rund 350 Mio. CHF pro Jahr zu viel. Als Ursache nennt die Kontrolle vor allem Aufsichts- und Umsetzungsdefizite beim Bundesamt für Gesundheit.

Die Diskussion um Medikamentenpreise in der Schweiz bekommt durch einen Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) eine harte betriebswirtschaftliche Perspektive: Nicht die Höhe der ausgehandelten Preisnachlässe steht im Zentrum, sondern deren Weg bis zur Entlastung der Versicherten. Im Kern beschreibt die EFK ein Transparenzdefizit bei der Preisgestaltung, das nach den Prüfungsfeststellungen zu Mehrkosten für Beitragszahler führt. Genau an dieser Schnittstelle – zwischen Rabattvereinbarung und tatsächlicher Prämienwirkung – setzt die Kritik an, weil sie am Ende die Frage beantwortet, warum „Rabatt“ im Markt nicht automatisch „Rabatt“ beim Prämienzahler bedeutet.
Die Zahlen, die die EFK in ihrem Bericht zusammenträgt, sind dabei ungewöhnlich konkret. Jährlich werden demnach Rabatte im Gesamtumfang von 743 Mio. CHF ausgehandelt und über Akteure wie Ärztinnen und Ärzte, Spitäler und Apotheken in Umlauf gebracht. Von dieser Summe fließen jedoch lediglich 88 Mio. CHF an die Krankenkassen zurück. Damit, so die Berechnung im Bericht, erreicht nur etwa ein Zwölftel der Rabatte die Beitragszahler; die EFK nennt als Bandbreite ein Gesamtvolumen von rund 750 Mio. CHF und ordnet dem daraus resultierend den Anteil von 12 % zu. Der Mechanismus wirkt dadurch wie ein Leck im System: Geldeswerte Vorteile entstehen zwar, werden aber nicht konsequent in der vorgesehenen Form in die Prämienlogik überführt.
Für die Versicherten übersetzt sich diese Lücke in konkrete Mehrbelastung. Laut EFK zahlen Schweizer Patientinnen und Patienten jährlich rund 350 Mio. CHF zu viel für Medikamente. Noch schärfer wird die Dimension der Unterversorgung, weil die EFK eine rechnerische Obergrenze benennt: Bis zu 360 Mio. CHF hätten demnach zusätzlich an die Krankenkassen weitergeleitet werden müssen, wenn die gesetzlichen Vorgaben zur Weitergabe von Vergünstigungen konsequent umgesetzt worden wären. Diese Größenordnung ist für den politischen Raum relevant, weil sie nicht nur „uneindeutige Prozesse“ beschreibt, sondern ein quantitativ erfassbares Delta zwischen ausgehandelter Entlastung und realer Prämienwirkung.
Als zentrale Ursache verweist die EFK auf Aufsichtsdefizite durch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Besonders deutlich wird das laut Bericht an der Verankerung von Rabattweitergabe-Vereinbarungen: Nur 16 % der Arztpraxen und 24 % der Spitäler seien in entsprechende Vereinbarungen eingebunden, während im Apothekenbereich derzeit keine derartigen Vereinbarungen existierten. Hinzu kommt ein strukturelles Thema, das in regulatorischen Systemen oft unterschätzt wird: Ressourcen. Die EFK nennt, dass das BAG statt der vorgesehenen 11 Planstellen in diesem Bereich lediglich 7,3 Stellen zur Verfügung habe. In der Folge, so die Darstellung im Bericht, startete das BAG in einem Zeitraum von fünf Jahren kein einziges Verfahren wegen Verstößen gegen Rabattbestimmungen – eine Bilanz, die die Wirksamkeit der Aufsicht infrage stellt.
Neben den offenen Rabattflüssen thematisiert die EFK auch Formen verdeckter Vergünstigungen, die nach den Prüfungen den Wettbewerb und die Kostentransparenz beeinträchtigen. Im Bericht wird dazu ein Fall beim Unternehmen Sandoz angeführt: Demnach sollen Zahlungen in Höhe von 67.000 bis 100.000 CHF für die Finanzierung von Bildschirmen und Patientenwerbung eingesetzt worden sein; die EFK bewertet solche Zahlungen als verdeckte Rabatte, weil sie geldwerte Vorteile für Leistungserbringer darstellen, aber nicht zur Senkung der Medikamentenkosten für die Versichertengemeinschaft beitragen. Wichtig ist: Solche Einordnungen sind im Systemkontext vor allem eine Frage der Abgrenzung – welche Leistungen werden als echte Preisreduktion im Sinne der Rabattweitergabe wirksam, und welche bleiben faktisch „Seiteneffekte“ ohne Prämienwirkung?
Die Veröffentlichung der EFK-Ergebnisse hat den Angaben zufolge unmittelbare politische Konsequenzen nach sich gezogen. Gesundheitsministerin Elisabeth Baume-Schneider hat dem Bundesamt für Gesundheit aufgegeben, die im Bericht geforderten Maßnahmen zur Verbesserung der Aufsichtspflicht und zur Erhöhung der Transparenz umzusetzen. Für die Praxis bedeutet das zunächst: mehr Durchgriff bei Vereinbarungen, bessere Nachverfolgbarkeit der Rabattweitergabe und eine Aufsicht, die nicht nur beobachtet, sondern – soweit nötig – Verfahren auslöst. Gleichzeitig rückt damit auch ein grundlegendes Ziel in den Vordergrund: Rabatte sollen künftigerweise messbar dort ankommen, wo sie sich volkswirtschaftlich und versicherungsmathematisch auswirken – bei den Prämienzahlungen.
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