ROTTERDAM / LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Schätzungen mit Daten von RIVM, CBS und kommunalen Gesundheitsdiensten zeigen deutliche regionale Unterschiede bei starker Einsamkeit. In Rotterdam fühlen sich stadtweit 1 von 6 Menschen stark einsam, in manchen Stadtteilen sogar 1 von 4. Besonders hoch ist die Betroffenheit bei Sozialleistungsempfängern: 22,5% gelten als stark einsam. Für Quartiere und Beratungsstellen bedeutet das vor allem: Einsamkeit muss in Gesprächsformaten ohne Scham sichtbar werden.

Einsamkeit in den Niederlanden: 22,5% der Sozialleistungsempfänger stark betroffen
Einsamkeit in den Niederlanden: 22,5% der Sozialleistungsempfänger stark betroffen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Zahlen zur Einsamkeit in den Niederlanden wirken wie ein Stresstest für soziale Infrastruktur: Sie zeigen nicht nur ein generelles Problem, sondern auch, wo es besonders stark zuspitzt. Schätzungen, die auf gemeinsame Erhebungen des niederländischen Instituts für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM), des Statistikamts CBS und kommunaler Gesundheitsdienste (GGD) zurückgehen, machen am Beispiel Rotterdam sichtbar, wie stark sich Wahrnehmungen räumlich unterscheiden. Während sich in Teilen der Stadt 1 von 4 Erwachsenen einsam fühlt, liegt der stadtweite Wert bei 1 von 6 Einwohnern mit starker Einsamkeit. Im Stadtteil Carnisse erreicht diese Quote sogar ebenfalls 1 von 4 Bewohnern.

Für die Einordnung ist wichtig, dass es sich nicht um eine einzige Momentaufnahme handelt, sondern um Messungen, die demographische Muster kenntlich machen. Die Erhebungen zeigen in Rotterdam deutliche Unterschiede nach Altersgruppen: Bei Menschen ab 65 Jahren gilt 1 von 7 als stark einsam, in Feijenoord sogar 1 von 5. Umgekehrt trifft starke Einsamkeit auch junge Erwachsene deutlich: Stadtweit sind unter den 16- bis 25-Jährigen 1 von 4 stark einsam. Damit entsteht ein Spannungsfeld, das über klassische Seniorennetzwerke hinausweist – denn junge Betroffene erreichen Angebote, die stark auf Altersgruppen ausgerichtet sind, häufig weniger zuverlässig.

Auch außerhalb Rotterdams bleibt das Bild nicht gleichmäßig. So liegt die Schätzung von RIVM, CBS und GGD in Zoeterwoude bei 1 von 10 Einwohnern mit starker Einsamkeit; im Blankaartpark sind es 1 von 7. Bei den über 65-Jährigen nennt die Auswertung wiederum unterschiedliche lokale Anteile: So sind es in den genannten Beispielen 1 von 12, im De Goede Herder dagegen 1 von 8. Für Hilversum werden für die Gesamtbevölkerung 1 von 7 angegeben; im Van Riebeeckkwartier steigt der Anteil auf 1 von 5. Solche kleinräumigen Unterschiede sind für Kommunen technisch und organisatorisch relevant, weil Ressourcen für Prävention und Beratung dann nicht „gleichmäßig“, sondern gezielt geplant werden müssen – etwa auf Basis von Quartiersdaten und wiederkehrenden Programmen statt einmaligen Kampagnen.

Bundesweit liefert das CBS eine klare Momentaufnahme für 2025: 10% der Personen ab 15 Jahren fühlen sich stark einsam, 30% einigermaßen und 60% nicht. Das Amt verweist dabei auf ein seit 2021 stabiles Niveau; im Vergleich lag der Wert 2019 bei 8,7%. Noch deutlicher wird die soziale Dimension in der Verteilung nach Erwerbs- und Einkommenslagen: 22,5% der Bezieher von Sozialleistungen gelten als stark einsam, während es bei arbeitenden, studierenden oder rentenbeziehenden Personen 9,2% sind. Diese Differenz bleibt laut Auswertung auch nach statistischer Korrektur für Einkommen und Erwerbstätigkeit bestehen. Ergänzend nennt das CBS: In der niedrigsten Einkommensgruppe liegt starke Einsamkeit bei 17%, in der höchsten bei 7%. Bei Armen und Fast-Armen tritt sie mit 18% bis 19% rund doppelt so häufig auf wie bei Nicht-Armen (9%).

Bemerkenswert ist außerdem, wie eng Einsamkeit mit sozialer Einbindung verknüpft ist – und damit auch mit Datenpunkten, die sich in digitalen oder organisatorischen Prozessen abbilden lassen. Laut CBS sind 43% der Menschen ohne regelmäßigen Kontakt zu Nahestehenden stark sozial einsam. Wer sich ausgeschlossen fühlt, liegt bei 33% stark Einsamen, während es bei nicht Ausgeschlossenen nur 6% sind. Ohne Freiwilligenarbeit sind 12% stark einsam. Auch Herkunft spielt in den Daten eine Rolle: Bei Personen mit Geburtsort außerhalb Europas liegt starke Einsamkeit bei 17,5%. Bei in Europa außerhalb der Niederlande Geborenen sind es 26,7% (bzw. 27% in einer weiteren Auswertung, nach 17% im Jahr 2019) und bei außerhalb Europas Geborenen 24,1% (bzw. 24%) gegenüber 13% bei Personen mit niederländischer Herkunft. Solche Zusammenhänge sind keine reine „Soziologie“, sondern praktische Leitplanken: Wenn Kommunen Unterstützungsangebote planen, müssen sie an Knackstellen ansetzen, die in Fragebögen und Programmlogiken wiederkehren.

Für die Umsetzung im Alltag nennt die Quelle zudem eine etablierte Erhebungslogik: Die Daten des CBS basieren auf der SSW-Untersuchung, die seit 2012 jährlich rund 7.500 Personen ab 15 Jahren umfasst und im Zeitraum 2012 bis 2025 fast 100.000 Befragte erreicht hat. Die Einsamkeit wird dabei seit 2019 mit der verkürzten De Jong-Gierveld-Skala anhand von sechs Aussagen erfasst; 2020 fand keine Messung statt. Wer solche Messsysteme in digitale Beratungs- oder Outreach-Prozesse übersetzen will, muss daher besonders sauber mit Kategorien und Zeitbezug arbeiten: „stark“ und „einigermaßen“ sind nicht bloße Begriffe, sondern definierte Ausprägungen innerhalb eines Messinstruments. Ergänzend berichtet die Hilfsorganisation Luisterlijn von rund 330.000 Gesprächen im Vorjahr – ein Hinweis darauf, dass telefon- und gesprächsbasierte Formate weiterhin eine zentrale Rolle spielen, auch wenn nicht jeder Betroffene direkt den Weg in feste Strukturen findet.

Spätestens hier wird der technische Kern für Organisationen sichtbar: Einsamkeit betrifft Menschen, die im System selten als „laut“ erscheinen, aber in Zielgruppen-Logiken häufig untergehen. Für Beratung, Pflege und kommunale Dienste heißt das laut der Quelle: Man braucht Gesprächsformate, die Einsamkeit ansprechen, ohne zu beschämen. Aus Sicht der KI- und Datenkompetenz in Unternehmen lässt sich das als Anforderung an Kommunikation übersetzen, nicht als „Auswertungs-Spiel“: Formate müssen kontextsensibel sein, Risikoindikatoren plausibel bündeln und gleichzeitig die Hürde der Kontaktaufnahme senken. Ein in der Quelle erwähnter kostenloser Praxisleitfaden versucht genau diesen Schritt organisatorisch zu operationalisieren – mit einem 5-Schritte-Plan, um Risikogruppen im Quartier zu erkennen und ins Gespräch zu kommen. Gerade weil junge Erwachsene in manchen Stadtteilen zu einem Viertel stark einsam sind und klassische Senioren-Angebote diese Zielgruppe kaum erreichen, liegt der Hebel in der Gestaltung von Zugängen: niedrigschwellig, wiederholbar und so, dass Betroffene nicht das Gefühl bekommen, ein „Problem“ zu sein, sondern eine menschliche Unterstützung zu erhalten.


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