BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine DAK-Umfrage im Rahmen des „Präventionsradar“ zeigt, dass Einweg-E-Zigaretten bei Jugendlichen in Deutschland derzeit das populärste Nikotinprodukt sind. Rund jede bzw. jeder Fünfte der 15- bis 17-Jährigen gab an, in den vergangenen 30 Tagen mindestens einmal zu einer Einweg-Vape gegriffen zu haben. Gleichzeitig konsumieren viele Jugendliche mehrere Produkte parallel, was das Risiko steigender Nikotinaufnahme erhöht. Mit der jüngsten Tabaksteuer-Erhöhung sollen Vaping-Liquids ab 2027 teurer werden, während der Ruf nach strengeren Regeln für Aromen wächst.

Einweg-E-Zigaretten haben sich bei Jugendlichen in Deutschland als Einstiegsprodukt etabliert: Laut einer Umfrage im Auftrag der DAK-Gesundheit, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt, hat fast jede bzw. jeder Fünfte der 15- bis 17-Jährigen in einem Zeitraum der vergangenen 30 Tage mindestens einmal Einweg-E-Zigaretten geraucht. Diese Zahl steht nicht isoliert da, sondern fügt sich in ein Muster ein, das die Studie besonders deutlich macht: Viele Konsumierende nutzen nicht nur ein Produkt, sondern kombinieren verschiedene Nikotinquellen. Damit steigt nicht nur die Wahrscheinlichkeit für regelmäßigeres Nikotin, sondern auch die Komplexität für Prävention, weil schul- und altersgerechte Ansprache nicht mehr nur auf „das eine“ Produkt zielen kann.
Die Verteilung nach Produktkategorien zeigt, wie stark Einweg-Vapes derzeit dominieren: Rund 19 Prozent der 15- bis 17-Jährigen gaben an, im genannten Zeitraum elektronische Wegwerf-Zigaretten konsumiert zu haben. Bei nachfüllbaren beziehungsweise wiederverwendbaren E-Zigaretten lag der Wert bei rund 16 Prozent; normale Tabakzigaretten kamen auf 17 Prozent. Besonders aufschlussreich ist zudem, wie früh der Griff zu Einweg-Varianten beginnt: Bei den 11- bis 14-Jährigen nennt die Erhebung für den jeweiligen vergangenen Monat 4,9 Prozent Einweg-Variante, während jeweils rund 4 Prozent zu wiederverwendbaren E-Zigaretten oder normalen Zigaretten greifen. Dass die Einweg-Form in mehreren Altersgruppen vor den anderen Nikotinprodukten rangiert, deutet auf einen strukturellen Vorteil hin – etwa in der Handhabung und im „niedrigschwelligen“ Zugang, der bei Wegwerf-Geräten typischerweise besonders schnell funktioniert.
Technisch betrachtet steckt hinter diesen Zahlen ein Konsumverhalten, das sich auch in den Daten zur Parallelität widerspiegelt. Laut der Umfrage konsumiert die Mehrheit der Nutzenden gleichzeitig mehrere Nikotinprodukte. Die Studie nennt dabei konkret: Die meisten Jugendlichen, die Einweg-E-Zigaretten rauchen, konsumieren parallel wiederverwendbare E-Zigarettensysteme oder konventionelle Zigaretten. Institutsleiter Reiner Hanewinkel warnt in diesem Zusammenhang vor einer erhöhten Nikotinaufnahme und einem gesteigerten Abhängigkeitsrisiko. Für Gesundheitssysteme und Präventionsarbeit ist das entscheidend, weil sich Risiken nicht additiv „pro Produkt“ denken lassen: Wenn derselbe Zeitraum mehrere Erregungs- und Nikotinimpulse umfasst, kann das für die Entwicklung der Abhängigkeit relevanter sein als ein isolierter, selten genutzter Konsum.
Der wirtschaftliche und regulatorische Rahmen spielt in der Debatte zusätzlich eine Rolle. Berichten zufolge begrüßte die DAK-Gesundheit die jüngste Tabaksteuererhöhung, die auch Vapes verteuert. Für „Substitute für Tabakwaren“ – also E-Zigaretten-Flüssigkeiten – werden 2027 je Milliliter 0,38 Euro fällig, sechs Cent mehr als bisher. 2028 soll ein Milliliter Vaping-Liquid mit 0,40 Euro besteuert werden, 2029 mit 0,42 und ab 1. Januar 2030 mit 0,44 Euro. In der politischen Vorbereitung war zunächst ein kleinerer Anstieg geplant gewesen; die Werte wurden jedoch im parlamentarischen Verfahren erhöht. Aus Sicht der Steuerlogik zielt der Ansatz auf Preissignale, die insbesondere für preissensible Gruppen wirken sollen – bei Jugendlichen allerdings steht der Effekt häufig erst dann ein, wenn parallele Konsumstrategien (z. B. Wechsel zwischen Produkten) nicht mehr plausibel sind.
Genau an dieser Stelle setzt die zweite politische Debatte an: Aromen. DAK-Chef Andreas Storm bewertet die Erhöhung als wichtigen ersten Schritt für mehr Kinder- und Jugendschutz, kritisiert aber, dass Aromen wie Mango oder Menthol Vapes für Kinder und Jugendliche weiter attraktiv machten. Der Kassenchef fordert deshalb ein Verbot solcher Aromastoffe. In einem Verordnungsentwurf des Agrarministeriums seien laut der Kasse lediglich Höchstmengen vorgesehen; gleichzeitig stellt das Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung die Ableitung dieser Grenzwerte infrage und bezeichnet sie als „rein toxikologisch abgeleitet“. Praktisch heißt das: Selbst wenn toxikologische Grenzwerte streng genug wären, bleibt die entscheidende Frage, ob sensorische Eigenschaften wie „süß“, „fruchtig“ oder „kühlend“ die Einstiegsattraktivität senken. Für die Industrie und den Gesetzgeber ist das ein sensibles Spannungsfeld, weil es nicht nur um die chemische Zusammensetzung geht, sondern auch um das Nutzungsverhalten, das Aromen wahrscheinlicher macht.
Die Studie selbst liefert dafür den nötigen Kontext zur Datengrundlage: An der Befragung nahmen von November 2025 bis Februar dieses Jahres 28.554 Jugendliche aus 1.916 Klassen von 141 Schulen teil. Das Kieler Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung (IFT-Nord) nutzte Online-Fragebögen; im Schnitt waren die Teilnehmenden 13,3 Jahre alt. Die Erhebung ist Teil des seit mehr als zehn Jahren laufenden „Präventionsradar“-Programms. Damit wird sichtbar, dass die Diskussion über Einweg-Vapes nicht als Momentaufnahme verstanden werden sollte, sondern als Entwicklung über Jahre. Wenn die Politik gleichzeitig steuerlich anzieht und die Aromadiskussion weiter verschärft, entscheidet sich am Ende, ob die Kombination aus Preis, Produktzugang und Geschmacksprofil tatsächlich den Einstieg verlangsamt – oder ob Jugendliche auf andere Nikotinformen ausweichen und so die Wirkung abschwächen.
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