LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz Krieg, Handelsbelastungen und KI-getriebener Marktvolatilität fließt in diesem Jahr wieder deutlich mehr Kapital in Emerging Markets. Bis Ende Juli gingen laut Institute of International Finance 214,4 Milliarden US-Dollar in Schwellenländeranleihen. Gleichzeitig haben Regierungen und heimische Investoren die Währungs- und Liquiditätsrisiken reduziert. Am stärksten bleibt aber die Sorge, dass El Niño und teure Düngemittel die Inflation erneut anheizen.

Emerging Markets sind aus der Phase „Valley of Tears“ heraus: Wo früher vor allem Dollar-Stärke, Krisenkaskaden und hohe Auslandsabhängigkeit Verkaufswellen auslösten, zeigt sich 2025/26 ein anderes Verhalten. In der aktuellen Entwicklung steht weniger das plötzliche Ende globaler Schocks im Mittelpunkt, sondern die veränderte Mechanik, wie diese Schocks in lokale Märkte durchschlagen. Der Blick richtet sich damit auf zwei Hebel: bessere Widerstandsfähigkeit bei Zins- und Währungsrisiken sowie ein Kapitalmix, der nicht mehr so stark von US-Staatsanleihen und einzelnen ausländischen Käufergruppen abhängt.
Konkreter wird die Lage bei den Strömen in den Anleihenmärkten: Laut den Zahlen des Institute of International Finance flossen aus dem Ausland bis einschließlich Juli 214,4 Milliarden US-Dollar in Emerging-Market-Schuldtitel. Das ist mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, in dem 177,7 Milliarden US-Dollar verzeichnet wurden. Parallel dazu nahm auch das Angebot zu: Schwellenländerstaaten verkauften im Juli rund 19 Milliarden US-Dollar an Anleihen, doppelt so viel wie der durchschnittliche Monatswert der vergangenen Dekade, womit die Emissionen bis dato auf einen Rekord von 187 Milliarden US-Dollar laufen. Besonders bemerkenswert ist, dass diese Dynamik trotz weiterhin hoher Unsicherheit um die künftigen US-Zinsen zustande kommt.
Technisch lässt sich die Beruhigung der Märkte unter anderem über Reserven, institutionelle Politik und den wachsenden Anteil lokaler Käufer erklären. Mehrere Länder haben in den vergangenen Jahren ihre geldpolitische Steuerung gestärkt, unter anderem durch mehr Unabhängigkeit der Notenbanken und den Ausbau von Devisenreserven. In der Folge sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ein externer Impuls wie steigende US-Treasury-Renditen unmittelbar zu starken Währungsanpassungen und Liquiditätsengpässen führt. Genau diesen Unterschied machen auch Marktakteure fest: Die Grundannahme lautet, dass größere lokale Investoren stabilisierend wirken und damit schnelle Verkäufe in illiquiden Marktsegmenten seltener werden.
Das Zusammenspiel von Inflation und Rohstoffkosten bleibt dennoch ein realer Bremsklotz. Durch den Krieg im Nahen Osten sind Energie- und damit auch Fertiliserpreise hochgefahren; über die Wirkungskette auf Lebensmittelpreise kann sich Inflation in vielen Volkswirtschaften weiter ausbreiten. Zusätzlich verschieben El Niño-Effekte das Risiko, dass die Preisentwicklung erneut dynamischer wird als Anleger es in ihren Basisszenarien erwarten. Genau deshalb ist die Einschätzung zur Stabilität nicht „one size fits all“: In der aktuellen Lage werden Währungen und Emittenten nicht blind nach Indizes gewichtet, sondern selektiv betrachtet, weil die Anfälligkeiten für Schuldendienst und reale Renditen je nach Land stark variieren.
Ein weiterer Baustein ist die Finanzierung über heimische Märkte statt über harte Währungen. Gerade größere Volkswirtschaften wie Südafrika oder Brasilien finanzieren sich laut der verwendeten Research-Einordnung überwiegend über inländische Schuldtitel: Der Bestand lokaler Währungsanleihen soll bis Ende 2024 grob 13 Billionen US-Dollar erreicht haben, während internationale Hartwährungsstaatsschulden nur etwa 1,4 Billionen US-Dollar ausmachen. Diese Verschiebung reduziert das klassische Währungs-„Mismatch“-Problem bei Emittenten und verbessert die Passfähigkeit zwischen Einnahmen und Schuldendienst. Für Anleger bedeutet das zugleich, dass sich Risiken stärker über Zins- und Liquiditätsannahmen steuern lassen als über reines Währungs-Hedging.
Während sich die Kreditmärkte stabilisieren, bleibt die Aktienseite anfälliger für Stimmungswechsel. Laut Institute of International Finance gab es bis Juli Abflüsse in Höhe von 86 Milliarden US-Dollar aus Schwellenländeraktien, fast zehnmal so hoch wie zum gleichen Zeitpunkt im Jahr 2025. Der Grund dafür liegt nicht nur in der Bewertung, sondern auch in der Struktur: Der EM-Aktienindex ist inzwischen stärker von technologiegeprägten Titeln aus Ländern wie Südkorea und Taiwan bestimmt, wodurch „Mini-Boom-and-Bust“-Zyklen rund um KI-Themen die Volatilität erhöhen können. Damit entsteht ein Bild, in dem Anleihen weniger hektisch reagieren als Aktien, aber beides zusammen die Portfolio-Allokation beeinflusst.
Für die weitere Entwicklung ist deshalb weniger die Frage „Ob“ Kapital fließt entscheidend, sondern „wie lange“ und „unter welchen Bedingungen“. Mehrere Fondsmanager gehen davon aus, dass die relativen Vorteile von EM-Local-Debt über das Jahr hinaus anhalten können, sofern die Inflations- und Refinanzierungsrisiken nicht wieder eskalieren. Gleichzeitig argumentieren Marktteilnehmer, dass sich Investoren bewusst von einer übergewichtigen Bindung an US-Vermögenswerte lösen und stattdessen breiter über Jurisdiktionen streuen wollen. Für Unternehmen und Treasury-Teams im Mittelstand und in großen Konzernen heißt das praktisch: Die Finanzierungslage in Schwellenländern kann sich verbessern, aber sie bleibt selektiv – und wer die makroökonomischen Treiber wie El Niño, Düngemittelpreise sowie die Zinsrichtung in den USA laufend auf konkrete Auswirkungen auf Cashflows abbildet, kann Chancen früher als der Wettbewerb nutzen.
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