LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Auswertungen zeigen, dass in Deutschland bereits sehr viele Kinder und Jugendliche Energydrinks konsumieren. Besonders der regelmäßige Konsum nahm in den letzten Jahren zu, und Tagesmengen sind für einen Teil der Befragten offenbar Alltag. Die Daten nennen hohe Koffein- und Zuckergehalte pro 500 Milliliter und stellen einen Zusammenhang mit weiterem Risikoverhalten her. Gleichzeitig bleibt unklar, was Ursache und was Folge ist – politisch dreht sich die Debatte daher um Verkauf, Werbung und Altersgrenzen.

In Deutschland rückt der Konsum von Energydrinks bei Minderjährigen stärker in den Fokus, weil eine breite Befragungsgrundlage inzwischen ein deutliches Muster erkennen lässt. Laut einer Auswertung aus dem Deutschen Ärzteblatt International haben 46 Prozent der 9- bis 12-Jährigen und 72 Prozent der 13- bis 15-Jährigen bereits Energydrinks getrunken. Die Studie basiert auf dem Präventionsradar des IFT-Nord und wertet Schuljahre von 2020/21 bis 2025/26 aus. Erhoben wurden Angaben von mehr als 107.000 Schülerinnen und Schülern unter 16 Jahren aus 15 Bundesländern – damit geht es nicht um Einzelfälle, sondern um ein wiederkehrendes Alltagsverhalten.
Technisch betrachtet liefern solche Querschnittsdaten zwar keine biologische Wirkungskette, sie zeigen aber klar, wie häufig Energydrinks als Konsumoption verfügbar und akzeptiert sind. Bei den 9- bis 12-Jährigen stieg der Anteil derjenigen, die mindestens einmal im Monat Energydrinks konsumieren, von knapp 10 Prozent auf 13 Prozent. In der älteren Gruppe erhöhte sich der Monatskonsum von 25 auf 33 Prozent. Auch die Woche hat inzwischen einen festen Platz: Mindestens einmal pro Woche tranken zuletzt sechs Prozent der Kinder, bei den Jugendlichen stieg der Wert von knapp 16 auf 19 Prozent. Bei täglichem Konsum liegt die Spannbreite bei rund zwei Prozent der Kinder und etwa sechs Prozent der Jugendlichen.
Der gesundheitliche Hintergrund ist dabei nicht nur „Koffein ja oder nein“, sondern das konkrete Zusammenspiel mehrerer Inhaltsstoffe in einer typischen Dosierung. Energydrinks enthalten Koffein, Zucker sowie weitere Stoffe wie Taurin und Glucuronolacton. Eine marktübliche 500-Milliliter-Dose kann den Angaben zufolge häufig 160 Milligramm Koffein und etwa 55 Gramm Zucker enthalten. Für die Einordnung wird auch auf eine von der EFSA als wahrscheinlich unbedenklich eingestufte Tagesmenge verwiesen: Für ein Kind mit 50 Kilogramm Körpergewicht läge diese bei 150 Milligramm Koffein. Das macht deutlich, warum bereits eine einzelne große Dose die Orientierungshöhe nahezu ausschöpfen oder überschreiten kann.
Kurzerfristig sind mögliche Effekte vor allem im Bereich Schlaf und Kreislauf spürbar: Hohe Koffeinmengen können Schlafprobleme, Unruhe und eine Belastung des Herz-Kreislauf-Systems begünstigen. Der Zucker wiederum erhöht Risiken für Übergewicht und Zahnschäden. Besonders relevant für die Debatte ist, dass der regelmäßige Energydrink-Konsum in der Befragung eng mit anderem Risikoverhalten verknüpft war, etwa Nikotin- und anderer Substanzkonsum, höherer Risikobereitschaft, mehr Bildschirmzeit sowie Aufmerksamkeits- und emotionalen Problemen. Jugendliche, die im vergangenen Monat geraucht oder E-Zigaretten genutzt hatten, konsumierten dabei laut Auswertung 2,4-mal häufiger täglich Energydrinks als Gleichaltrige ohne Nikotinkonsum.
Wichtig ist die Einordnung dieser Zusammenhänge: Die Forschenden betonen ausdrücklich, dass daraus keine Ursache-Wirkung-Aussage abgeleitet werden kann. Zum einen wurde die tatsächlich getrunkene Menge nicht direkt erfasst, zum anderen können Fragebogendaten durch sozial erwünschte Antworten verzerrt sein. Genau deshalb fällt der Blick in Richtung Prävention eher auf Steuerungshebel als auf medizinische „Schuldzuweisungen“: Felix Oberhoffer vom Klinikum der Universität München warnt vor möglichen Belastungen des Herz-Kreislauf-Systems und nennt langfristig unter anderem Bluthochdruck, Übergewicht und Störungen des Zuckerstoffwechsels. Katharina Rathmann von der Hochschule Fulda hebt zusätzlich den Mischkonsum mit Alkohol als besonders riskant hervor, weil Koffein Müdigkeit überdecken kann, ohne die Beeinträchtigung durch Alkohol zu verringern.
Für Unternehmen, Schulen und Familien entsteht daraus vor allem ein Informations- und Steuerungsproblem entlang der Vermarktung. Die Autoren empfehlen daher neben Präventionsmaßnahmen strengere Regeln für Verkauf und Werbung. In einigen europäischen Ländern dürfen Energydrinks etwa nur an Erwachsene verkauft werden (Litauen, Lettland und Polen), während Norwegen den Verkauf an unter 16-Jährige untersagt. Deutschland hingegen hält derzeit an einer gesetzlichen Höchstgrenze von 320 Milligramm Koffein pro Liter fest. Die neuen Daten verschieben die Debatte von „gelegentliches Trinken“ hin zu einem Jugend- und Gesundheitsschutz-Thema, bei dem Vertrieb und Marketing stärker reguliert werden müssten als durch bloße Kennzeichnung.
Politisch dürfte damit entscheidend werden, ob Altersgrenzen, Werbebeschränkungen und Verkaufsregeln messbar gegen die steigenden Monats- und Wochenraten wirken. Gerade bei Zielgruppen, die noch stark über Trends, Influencer und Plattform-Logiken geprägt werden, kann ein „Alltagsgetränk“-Narrativ entstehen, obwohl die Produkte hohe Koffein- und Zuckermengen bündeln. Gleichzeitig bleibt die wissenschaftliche Basis für genaue Kausalketten begrenzt, und die Studie deckt nicht ab, wie viel tatsächlich konsumiert wurde. Für die Praxis heißt das: Der nächste Schritt ist weniger die Diskussion über Zahlen allein, sondern die Frage, welche Interventionen in realen Lebenswelten – im Handel, in der Schulumgebung und in der Medienkommunikation – die Wahrscheinlichkeit für regelmäßigen Konsum am zuverlässigsten senken.
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