LONDON (IT BOLTWISE) – Epic Games will die Entwicklung eines noch nicht offiziell vorgestellten Marvel- und Star-Wars-Shooters offenbar nahezu vollständig auf Künstliche Intelligenz umstellen. Wie aus Berichten unter Berufung auf mit dem Projekt vertraute Personen hervorgeht, soll ein „AI first“-Modell große Teile von Code- und Grafikarbeit übernehmen, während Menschen Ergebnisse steuern und prüfen. Gleichzeitig verschiebt das Unternehmen die Veröffentlichung des Spiels auf unbestimmte Zeit. Disney investiert 2024 rund 1,5 Milliarden US-Dollar in Epic und setzt damit die Kooperation für mehrere Titel langfristig fort.

In der Spieleentwicklung wird KI längst als Assistenzwerkzeug eingesetzt – jetzt zeichnet sich ein deutlich radikalerer Ansatz ab. Für einen noch namenlosen Shooter mit Figuren aus dem Marvel- und Star-Wars-Universum soll Epic Games laut Berichten die Produktion nach einem „AI first“-Modell ausrichten. Dabei geht es nicht um einzelne Automatisierungen in einer Pipeline, sondern um die strategische Verschiebung großer Teile der Arbeit hin zu KI-gestützten Werkzeugen. Besonders brisant ist, dass das Unternehmen die Veröffentlichung des bislang nicht öffentlich angekündigten Spiels auf unbestimmte Zeit verlegt.
Die technische Stoßrichtung lässt sich aus der Beschreibung der geplanten Arbeitsweise gut ableiten: KI-Werkzeuge übernehmen große Abschnitte der Programmierung und der Grafikproduktion, während menschliche Entwickler vor allem Ergebnisse anleiten, kontrollieren und bei Bedarf korrigieren. In diesem Modell wird KI damit weniger als „Übersetzer“ verstanden, der aus Vorgaben Code erzeugt, sondern eher als Co-Produzent für Assets und Systemlogik. Dass in den Berichten konkret Claude von Anthropic als Beispiel für den Einsatz genannt wird, zeigt zudem, dass Epic nicht nur auf generative Bildmodelle setzt, sondern auf textbasierte KI, die in eine konkrete Software-Toolchain eingebettet werden muss.
Innerhalb des Entwicklerteams scheint die Umstellung allerdings auf Widerstand zu stoßen. Wie aus Berichten hervorgeht, soll es in internen Informationen die Anweisung gegeben haben, dass es künftig „keinen handgeschriebenen Code“ mehr geben werde – zumindest sinngemäß bezogen auf große Teile der Umsetzung. Bei einer Videokonferenz hätten Mitarbeiter laut den Berichten teils fassungslos reagiert, und es seien sogar scherzhafte Fragen aufgetaucht, ob eine KI künftig auch eigene Programmierfehler behebe. Solche Reaktionen sind in der Praxis nicht nur emotional, sondern technisch nachvollziehbar: Wenn Code und Grafiken stark automatisiert entstehen, verschiebt sich der Schwerpunkt von „Implementierung“ hin zu „Qualitätssicherung“, und diese QA-Arbeit ist ohne passende Test- und Validierungsstrategie schwer skalierbar.
Wichtig ist dabei die Systemfrage, wie aus „AI first“ tatsächlich ein produktionsfähiger Softwareprozess wird. KI-Modelle können Vorschläge für Codeabschnitte oder Shader liefern, doch sie müssen zuverlässig in eine Build-Umgebung integriert werden, inklusive automatisierter Tests, Linting, statischer Analyse und einer reproduzierbaren Asset-Pipeline. Genau hier entscheidet sich, ob ein Team mit KI nur schneller schreibt – oder ob es am Ende mehr Zeit in Debugging und Rework investiert. Zudem braucht ein KI-gestützter Asset-Workflow klare Regeln für Konsistenz: Texturen, Animationen und Level-Integration müssen die gleichen Qualitätsgrenzen einhalten wie bisher, sonst entstehen schwer lokalisierbare Probleme, etwa bei Rendering-Artefakten oder Inkonsistenzen in Animation und Kollision.
Gleichzeitig gibt es Marktsignale, die die Entscheidung in einen größeren Kontext rücken. Epic Games betont laut dem Unternehmen gegenüber dem berichtenden Medium grundsätzlich den verstärkten Einsatz von KI und beschreibt dies als KI-beschleunigte Entwicklung, bei der kreative Entscheidungen und Visionen weiterhin bei Entwicklern lägen. Unter dieser Perspektive kann „AI first“ als Versuch gelesen werden, Entwicklungszyklen zu verkürzen und gleichzeitig Kapazitäten für Design, Gameplay-Entscheidungen und Feinschliff zu konzentrieren. Ob das gelingt, hängt jedoch davon ab, wie gut sich die KI-Ausgaben in die etablierte Toolchain von Unreal Engine & Co. einbetten lassen und wie robust die Validierung im Tagesgeschäft funktioniert.
Für das Produkt selbst gibt es weitere Hinweise: Bei dem Spiel soll es sich vermutlich um einen Extraction-Shooter handeln, ähnlich dem Ansatz, der in der Branche mit Arc Raiders in Verbindung gebracht wird. Unklar bleibt dabei, ob der Shooter als eigenständiges Spiel erscheint oder als Content-Erweiterung innerhalb von Fortnite umgesetzt wird. Diese Entscheidung ist nicht nur für Nutzer relevant, sondern auch für die technische Architektur: In Fortnite gilt ein anderes Ökosystem aus Plattform-Constraints, Creator-Workflows und Live-Operations als bei einem separat veröffentlichten Titel. Parallel trägt die strategische Bindung durch Disney-Zusagen zusätzliche Dynamik in das Vorhaben: Disney investierte 2024 rund 1,5 Milliarden US-Dollar in Epic und vereinbarte gleichzeitig eine langfristige Kooperation für mehrere Spiele.
Für Unternehmen und Entwicklerteams ist die Meldung vor allem ein Hinweis darauf, wie schnell sich die Rolle von KI in der Softwareproduktion vom „Werkzeug“ zum „Prozessbetreiber“ verschiebt. Wer KI künftig ernsthaft in die Entwicklung einbindet, sollte nicht nur generative Fähigkeiten bewerten, sondern die komplette Produktionskette: Von Prompt- und Code-Generation über Review-Workflows bis hin zu Build-Reproduzierbarkeit und Asset-Governance. Genau dort liegt der Unterschied zwischen Experimenten und planbaren Releases. Und wenn die Veröffentlichung nun auf unbestimmte Zeit verschoben wird, deutet das darauf hin, dass Epic den Umfang der Umstellung möglicherweise weiter absichern muss, bevor das Spiel im Markt sichtbar wird.
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