STRASSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU hat seit Beginn des Iran-Kriegs zusätzlich 90 Milliarden Euro für die Einfuhr fossiler Brennstoffe ausgegeben, wie Ursula von der Leyen im Europaparlament sagte. In ihrer Argumentation bleibt dieser Betrag ohne zusätzliche Energiegewinnung, während die Sperrung der Straße von Hormus die Abhängigkeit von Importen spürbar mache. Die Kommission fordert deshalb mehr Tempo bei eigenen, bezahlbaren und sauberen Energien. Für die strategische Unabhängigkeit sieht sie vor allem eine stärkere Elektrifizierung als zentralen Hebel.

Die Rede zur Lage der Union in Straßburg setzte diesmal einen klaren Fokus: Nicht die Frage, ob Energiepolitik teuer ist, sondern wie stark geopolitische Schocks die Kosten für Versorgungssicherheit nach oben treiben. Ursula von der Leyen bezifferte die Mehrausgaben der EU seit Beginn des Iran-Kriegs auf 90 Milliarden Euro für die Einfuhr fossiler Brennstoffe. Der Punkt dahinter ist technisch und wirtschaftlich zugleich: Wenn Handelswege unter Druck geraten, schlagen sich Preis- und Mengenrisiken sofort in den Importrechnungen nieder, selbst dann, wenn sich der Energiebedarf im Kern nicht verändert.
Als anschauliches Beispiel verwies die Kommissionschefin auf die Schließung der Straße von Hormus. Dort zeigt sich, wie fragil der Zusammenhang zwischen globaler Logistik und europäischer Energieplanung ist: Verändert sich die Verfügbarkeit entlang einer zentralen Seeroute, steigen Transportkosten und damit häufig auch die Beschaffungspreise. In der Praxis betrifft das nicht nur Öl, sondern das gesamte Gefüge aus Vorlieferketten, Terminkontrakten und Raffinerie-/Kraftwerks-Auslastungen. Dass der Betrag laut von der Leyen ohne „auch nur ein einziges Energie-Molekül mehr“ angefallen sei, unterstreicht dabei den Charakter der Belastung: Es geht um Risikoaufschläge und volkswirtschaftliche Transfers, nicht um zusätzlichen physikalischen Input.
Aus dieser Diagnose leitet die EU-Agenda eine zweite, strategische Konsequenz ab: Europas Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern soll reduziert werden. Dafür müsse Europa, so von der Leyen, stärker elektrifiziert werden; das Ziel der Kommission lautet, den Anteil der Elektrizität bis 2040 zu verdoppeln. Elektrifizierung meint dabei mehr als „mehr Strom aus der Steckdose“: Gemeint ist die Verlagerung von Energieanwendungen, etwa in Wärme, Verkehr und Industrie, weg von direkter Verbrennung hin zu elektrisch betriebenen Prozessen. Technisch ist der Kern, dass Elektrizität als Energieträger flexibler eingesetzt werden kann, wenn Erzeugung und Netzinfrastruktur entsprechend ausgebaut werden.
Damit die Umstellung nicht in Engpässen endet, nennt die Kommission mehrere Stellschrauben, die in der Praxis eng miteinander verknüpft sind. Erstens sollen Netzanbindungen beschleunigt werden, was direkt mit dem Ausbau von Übertragungs- und Verteilnetzen zusammenhängt: Neue Einspeiser, etwa aus Wind- und Solarenergie, benötigen Trassen und Netzkapazität bis zu den Verbrauchszentren. Zweitens wird der Ausbau von Speichern betont, denn mit wachsendem Anteil wetterabhängiger Erzeugung steigt die Bedeutung von Ausgleichsleistungen. Drittens sollen Investitionen beschleunigt werden, damit Projekte schneller von der Planung in den Betrieb kommen. Diese Kombination ist ein typischer Engpass-Mix der Energiewende: Selbst wenn zusätzliche Erzeugung verfügbar ist, entscheidet oft das Netz über die echte Nutzbarkeit.
Finanziell untermauert die Kommission die Strategie über potenzielle Einsparungen bei Importkosten: Schätzungen zufolge sollen bis 2040 bis zu 260 Milliarden Euro an fossilen Importkosten eingespart werden. Der Betrag wirkt wie eine grobe volkswirtschaftliche Leitplanke, aber er macht auch deutlich, warum Elektrifizierung in der politischen Logik so dominant ist. Elektrischer Strom kann perspektivisch vermehrt aus europäischen Erzeugungsquellen kommen, während fossile Brennstoffe weiterhin stark von Weltmarktpreisen und Transportwegen abhängen. Allerdings hängt die tatsächliche Wirkung davon ab, wie schnell Kapazitäten in Erzeugung, Netzen und Speichern hochgezogen werden und wie zuverlässig die Lastflüsse gesteuert werden können.
In der Umsetzung treffen dabei mehrere Entwicklungslinien der letzten Jahre zusammen: Der Ausbau erneuerbarer Energien allein reicht nicht, wenn die Systemarchitektur nicht nachzieht. Netzbetreiber stehen zugleich vor der Aufgabe, höhere Einspeiseleistungen zu integrieren und gleichzeitig die Versorgungssicherheit einzuhalten. Speicher wiederum sind nicht nur „Batterien“, sondern auch andere Flexibilitätsbausteine wie Lastverschiebung oder die intelligente Kopplung von Sektoren. Gerade für Unternehmen ist die Botschaft deshalb zweigeteilt: Wer Elektrifizierung produktiv nutzen will, braucht Planungssicherheit für Energiepreise und Netzzugang, während Politik und Infrastrukturinvestitionen die technischen Voraussetzungen liefern müssen.
Wichtig ist zudem, dass die Aussage zur Kostenentwicklung ein konkretes Timing-Argument liefert. Der Iran-Krieg fungiert in der Darstellung als Auslöser, der die Abhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern besonders sichtbar gemacht hat. Für die kommenden Jahre bedeutet das: Energieplanung wird stärker als bisher zum Bestandteil von Risikomanagement in Lieferketten. Wenn die EU den Stromanteil bis 2040 verdoppeln will, entscheidet der Zeitraum zwischen heute und dann darüber, ob die Systemumstellung schrittweise gelingt oder in Konflikte zwischen Ausbaugeschwindigkeit, Netzengpässen und Finanzierung gerät.
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