LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum drängt die Wirtschaft im Vorfeld der nächsten EU-UK-Prüfung auf spürbare Erleichterungen im Alltag. Laut einer Umfrage wünschen sich 71 Prozent der Unternehmen bessere Handelsbeziehungen und 73 Prozent weniger Bürokratie. Besonders häufig werden einfachere Grenzen, berechenbare Visa sowie schnellere Zoll- und Grenzverfahren genannt. Der Warenhandel liegt derweil weiterhin unter dem Niveau vor dem Brexit, und viele Firmen zögern bei Investitionen.

Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum wird aus dem politischen Großthema im Unternehmensalltag vor allem eine operative Frage: Wie reibungslos laufen Warenströme, Dienstleistungserbringung und Personalbewegung zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich. Der Hintergrund ist die turnusmäßige Überprüfung des Handels- und Kooperationsabkommens (TCA), das seit 2021 gilt und alle fünf Jahre gemeinsam evaluiert wird. Vor dem nächsten Gipfeltreffen in Brüssel am 20. November rücken in einer Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG und der britischen Handelskammer in Deutschland (BCCG) konkrete Anpassungen in den Vordergrund – und zwar nicht als „nice to have“, sondern als Hebel, um Planbarkeit wiederherzustellen.
Im Zentrum steht dabei die Bürokratiekosten-Logik: 73 Prozent der befragten Unternehmen wünschen sich von der Bundesregierung weniger Bürokratie, während 71 Prozent von der britischen Regierung bessere Handelsbeziehungen erwarten. Für den Bedarf an belastbaren Zusagen nennt BCCG-Präsident Michael Schmidt als Stoßrichtung „einfachere Grenzen“, „berechenbare Visa“ und Regeln, die „im Alltag funktionieren“. Entscheidend ist: Diese Punkte betreffen mehrere Ebenen gleichzeitig – Zollabwicklung und Grenzprozesse für den Warenverkehr, administrativen Aufwand für die Mobilität von Beschäftigten sowie die praktische Wirksamkeit von Vereinbarungen, die formell zwar existieren, sich aber in der Umsetzung messen lassen müssen.
Auch die Detailwünsche spiegeln die Bruchstellen des TCA wider. 53 Prozent der Firmen machen sich vor allem für mehr Mobilität für Geschäftsreisende und Beschäftigte stark; 49 Prozent fordern effizientere Zoll- und Grenzverfahren. Daneben werden gegenseitige Anerkennungen von Produktstandards (32 Prozent) sowie ein besserer Marktzugang für Dienstleistungen (31 Prozent) genannt. Technisch betrachtet geht es dabei weniger um einzelne Paragraphen als um Schnittstellen: Wenn Produktanforderungen zwar „ähnlich“ sind, aber in Prüf- und Nachweisschritten abweichen, entstehen Ausnahmen, zusätzliche Dokumentation und im Ergebnis längere Durchlaufzeiten. Bei Dienstleistungen wiederum entscheidet die Kombination aus regulatorischer Anerkennung und administrativer Abwicklung häufig darüber, ob Leistungserbringung skalierbar wird oder bei jedem Projekt neu verhandelt werden muss.
Während viele Unternehmen die politischen Rahmenbedingungen verbessern wollen, liefert die wirtschaftliche Kennziffernseite eine ernüchternde Einordnung. Der Warenhandel liegt trotz guter Geschäfte deutlich unter dem Vor-Brexit-Niveau: Zwischen 2015 und 2025 sank das Handelsvolumen trotz teils kräftig gestiegener Preise um sieben Prozent auf 118,4 Milliarden Euro pro Jahr. Parallel plant eine Mehrheit von 61 Prozent der befragten Unternehmen im laufenden Jahr keine Investitionen im Vereinigten Königreich. Als größtes Investitionshemmnis wird politische Unsicherheit dort genannt (35 Prozent). Diese Kombination aus schwächerem Handelsvolumen und Zurückhaltung bei Investitionen beschreibt weniger einen kurzfristigen Effekt, sondern ein Erwartungsproblem: Unternehmen investieren dann, wenn sie Genehmigungswege, Lieferketten und Personalbewegungen hinreichend zuverlässig kalkulieren können.
Der Blick auf die Kommunikation aus London zeigt dabei, warum sich „Planbarkeit“ so schwer herstellen lässt. Der britische Premierminister Andy Burnham hat zuletzt wiederholt betont, dass es dem Vereinigten Königreich durch den Brexit schlechter gehe als vor dem EU-Austritt. Gleichzeitig steht der nächste politische Termin bereits in wenigen Wochen an: Am 20. November treffen sich die Regierungen in Brüssel zum nächsten Gipfel. Wie belastbar eine Annäherung wird, hängt letztlich daran, ob sie sich in überprüfbaren Verbesserungen niederschlägt – etwa in kürzeren Grenzprozessen, klaren Visa-Regeln oder einem besser abgestimmten Vorgehen bei Standards.
Für die Unternehmen ergibt sich daraus eine sehr konkrete Agenda für die Verhandlungs- und Umsetzungsphase rund um die TCA-Überprüfung. Wenn mehr Mobilität für Reisende und Beschäftigte gefordert wird, bedeutet das in der Praxis meist, dass Formulare, Nachweise und Fristen nicht nur auf dem Papier passen, sondern in der täglichen Bearbeitung funktionieren müssen. Bei effizienteren Zoll- und Grenzverfahren geht es dagegen um die Geschwindigkeit und Vorhersagbarkeit von Entscheidungen entlang der Lieferkette – also darum, wie oft Prozesse neu aufgesetzt werden müssen, wenn einzelne Informationen fehlen oder wenn sich Klassifizierungen in unterschiedlichen Systemen unterscheiden. Gerade weil 53 Prozent beziehungsweise 49 Prozent der Firmen diese Bereiche priorisieren, dürfte sich Erfolg im nächsten Zyklus eher in operativen Kennzahlen zeigen als in allgemein formulierten Absichten.
In der Summe zeichnet die Umfrage ein Bild, das für den weiteren Verlauf der EU-UK-Beziehungen relevant bleibt: Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum gibt es weiterhin einen messbaren Abstand zum Handel vor dem Brexit, und ein großer Teil der Unternehmen investiert aktuell nicht im Vereinigten Königreich. Gleichzeitig zeigen die genannten Prioritäten, dass der Hebel vor allem in weniger Bürokratie, besserer Mobilität und verlässlicheren Prozessen liegt. Sollte die Politik im kommenden Prüfzyklus konkret nachschärfen, würde das nicht nur die laufenden Abläufe erleichtern, sondern auch die Investitionsbereitschaft beeinflussen – denn wo Unsicherheit bei Genehmigungen und Grenzen sinkt, wird aus „Warten“ oft wieder „Planen“.
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