BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das europäische Luftkampfsystem FCAS steht vor dem Aus, was für die Friedensgesellschaft keine rein schlechte Nachricht ist. Die Entwicklung des Kampfflugzeugs, das als Kernstück des Projekts gilt, ist ins Stocken geraten. Unterschiedliche Anforderungen der beteiligten Länder und Konflikte über Patente und Arbeitsteilung haben das Projekt belastet.

Das Future Combat Air System (FCAS), ein ambitioniertes europäisches Rüstungsprojekt, steht vor einer ungewissen Zukunft. Die Entwicklung des Kampfflugzeugs, das als Herzstück des Systems gilt, ist aufgrund unterschiedlicher Anforderungen der beteiligten Länder ins Stocken geraten. Frankreich benötigt einen Kampfjet, der Atomwaffen tragen und von Flugzeugträgern starten kann, während Deutschland seine nukleare Teilhabe durch den Kauf von F-35 Kampfflugzeugen aus den USA sichert. Diese Diskrepanzen haben zu einem Stillstand geführt, der das gesamte Projekt gefährdet.
Von Beginn an war das FCAS-Projekt von Konflikten geprägt. Frankreich befürchtete, dass die strikte deutsche Rüstungsexportpolitik den Export des Systems erschweren könnte. Diese Bedenken wurden durch die jüngsten Lockerungen in der deutschen Exportpolitik zwar etwas gemildert, doch Streitigkeiten über Patente und die Arbeitsteilung zwischen den Ländern blieben bestehen. Frankreich sieht in FCAS vor allem eine Möglichkeit, die heimische Industrie zu stärken, was zu weiteren Spannungen geführt hat.
Ein zentraler Bestandteil des FCAS ist die KI-gestützte Flug- und Kampfsteuerung, die für Großmachtkonflikte und Überraschungsangriffe konzipiert ist. Während Länder wie Russland, die USA und China in diese Richtung forschen, stellt sich die Frage, ob Europa den Anschluss verliert. Experten wie Marius Pletsch von der Deutschen Friedensgesellschaft argumentieren, dass Europa sich eher auf nicht-militärische Wege zur Konfliktbearbeitung konzentrieren sollte, da die militärische Nützlichkeit solcher Systeme in Frage steht.
Das Projekt befindet sich derzeit kurz vor der zweiten Phase, in der ein flugfähiger Technologiedemonstrator entwickelt werden soll. Ursprünglich war geplant, das System bis 2040 in den Dienst zu stellen, doch Verzögerungen von mindestens zehn Jahren werden bereits erwartet. Andere Komponenten des Systems, wie die Air Combat Cloud und unbemannte Elemente, sind teilweise weiter fortgeschritten und könnten in den 2030er Jahren mit dem Eurofighter eingesetzt werden.
Die finanziellen Investitionen in das FCAS sind enorm. Allein im deutschen Haushaltsplan für 2021 wurden fünf Milliarden Euro für das Projekt eingeplant, wobei die Gesamtkosten auf bis zu 100 Milliarden Euro für die Entwicklung und bis zu zwei Billionen Euro für den gesamten Lebenszyklus geschätzt werden. Angesichts der aktuellen Entwicklungen im Krieg zwischen Russland und der Ukraine, wo vor allem Billigdrohnen zum Einsatz kommen, stellt sich die Frage, ob solche Investitionen in ein Hightech-Luftkampfsystem gerechtfertigt sind.
Eine mögliche Alternative zu FCAS könnte eine Kooperation mit dem schwedischen Kampfflugzeugbauer Saab sein, während bei den restlichen Systemkomponenten weiterhin mit Frankreich zusammengearbeitet werden könnte. Eine andere Option wäre die Eingliederung in das britische Global Combat Air Programme, wobei die deutsche Industrie hier mit weniger Arbeitsanteilen rechnen müsste. Marius Pletsch sieht jedoch keine der Optionen als wünschenswert an und plädiert für eine globale Abkehr von der Abschreckungslogik sowie für einen völkerrechtlichen Vertrag zur Begrenzung autonomer Waffensysteme.
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