LONDON (IT BOLTWISE) – Evercore ISI sieht für 2026 Potenzial in KI-Hardware über die üblichen Chip-Stars hinaus. Der Analyst Amit Daryanani setzt auf Seagate, Western Digital, Amphenol, Arista Networks, Cisco und auch Apple. Seine Argumentation: Die wachsenden Rechenzentren brauchen nicht nur Rechenleistung, sondern vor allem Speicher, Verkabelung, Steckverbinder und Netzwerktechnik. Entscheidend werden nun die Investitionsbudgets der großen Cloud-Anbieter und die nächsten Quartalszahlen der genannten Unternehmen.

Wer 2026 nur auf Speicherchip-Werte und die schnell steigenden Kurse der KI-Bausteine schaut, übersieht leicht den Rest des Rechenzentrums. Genau diese Lücke adressiert eine Analyse von Evercore ISI: Der IT-Hardware-Experte Amit Daryanani nennt sechs Aktien als Favoriten für die zweite Jahreshälfte und begründet die Auswahl nicht primär über die nächste Generation von Halbleitern, sondern über die physische Infrastruktur, die mit dem KI-Ausbau Schritt halten muss. Das ist im Kern eine Wette auf das „Breitenwachstum“ der Rechenzentrumsinvestitionen – und damit auf ein Umfeld, in dem Gewinner nicht nur die Chip-Designer sind, sondern auch die Zulieferer von Datenhaltung, Verbindungstechnik und Netzwerk-Backbone.
Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, was Cloud-Anbieter zusätzlich zu Rechenchips benötigen, um KI-Workloads zuverlässig und skalierbar zu betreiben. Daryanani argumentiert, dass die Rekordinvestitionen der großen Cloud-Konzerne nicht ausschließlich die Nachfrage nach neuen Speicherchips befeuern, sondern auch nach Festplatten, Netzwerken und Steckverbindern. Dieser Blick wirkt bewusst gegen den Markttrend, in dem Anleger zeitweise vor allem die speichergetriebenen Chip-Stars nachlaufen. Die Logik dahinter ist technisch plausibel: KI-Training und vor allem KI-Inferenz verursachen hohe Daten- und Bewegungsraten, und sobald Rechenzentren expandieren, steigen die Anforderungen an Kapazität, Durchsatz und Verkabelungsinfrastruktur. Bewertet wird das Ganze nicht als „Einzelimpuls“, sondern als durchlaufender Investitionszyklus, der mehrere Komponenten synchron betrifft.
Bei den Festplatten setzt Evercore ISI auf Seagate Technology und Western Digital. Für Seagate sieht Daryanani eine wachsende Preismacht, solange das Angebot an Speicherlösungen knapp bleibt, und ordnet zusätzlich einen technologischen Vorteil ein: Seine Beschreibung nennt eine Mozaic-Festplattenplattform, die bei großen Hyperscalern bereits in Produktion geht. Bei Western Digital soll der Datenstrom aus KI-Inferenz und agentischen Systemen zum Vorteil gereichen; zudem wird betont, dass der Konzern seinen gesamten freien Cashflow nach Forschungsausgaben an die Aktionäre zurückführen will. Ergänzt wird das Speicher-Cluster durch Amphenol, das Daryanani als Standardpartner für Verbindungstechnik positioniert. Der Fokus liegt auf Kupfer- und Glasfaser-Steckverbindern, wobei die Argumentation vor allem auf die Breite der Kundenschnittstelle abzielt: Kunden sollen im Zweifel beides aus einer Hand beziehen können, während Amphenol zugleich auch Märkte außerhalb der KI-Risikokonzentration bedient.
Die zweite Säule der Auswahl ist die Vernetzung der Rechenzentren. Für Arista Networks erwartet Daryanani über die nächsten drei bis vier Jahre überdurchschnittliches Wachstum; als Triebkräfte nennt er eine breitere Cloud-Kundenbasis und den Schritt in die Campus-Vernetzung von Unternehmen. In der Analyse werden dabei konkrete Größen genannt: Im zuletzt abgeschlossenen Geschäftsjahr erhöhte Arista den Umsatz um fast 29 Prozent auf rund 9 Milliarden US-Dollar. Bei Cisco Systems verknüpft Daryanani seine Erwartung mit einem möglichen Erneuerungszyklus in den Netzwerken; zugleich soll eine bereits durch Aufträge gedeckte KI-Umsatzprognose von 7,5 Milliarden US-Dollar übertroffen werden können. Dazu kommt der Hinweis auf die eigene Chip-Architektur Silicon One, die in Konkurrenz zu Lösungen von Broadcom steht – ein technischer Punkt, der zeigt, wie stark sich auch Netzwerkhersteller über eigene Architekturpfade differenzieren wollen, um gleichzeitig Latenz, Energie und Durchsatz in den Griff zu bekommen.
Der eigentliche Kontrapunkt in der Sechs-Werte-Liste ist Apple. Während viele Anleger beim iPhone-Konzern die KI-Fähigkeiten eher als Lücke wahrnehmen, hält Daryanani den Produktzyklus für attraktiv: Er verweist auf eine aufgestaute Nachfrage, den Start des iPhone 18 Pro sowie ein faltbares iPhone, die Absatz und Durchschnittspreise stützen könnten. Entscheidend sei dabei laut Analyse, ob Apple Intelligence und eine KI-Siri den Nutzen spürbar erhöhen und den iPhone-Zyklus verlängern. In dieser Sicht wird das iPhone zur zentralen KI-Schnittstelle der Nutzer – eine Art „Mautstation“ für spätere KI-Dienste. Ergänzend nennt die Analyse das Servicegeschäft, das seit zwölf Quartalen zweistellig wächst, sowie die Rückgabe von rund 90 Prozent des freien Cashflows an Aktionäre.
So überzeugend die Story vom Infrastruktur-Fächer klingt, es gibt auch klare Gegenargumente – und genau die machen die Investitionslogik für 2026 greifbar. Der wachsende Kursanstieg vieler Speicher- und Infrastrukturwerte führt dazu, dass bereits ein Teil des KI-Ausbaus in den Bewertungen stecken könnte. Kippt der Investitionszyklus der Hyperscaler, wirken die zyklischen Titel entsprechend schneller und stärker als die breite Tech-Branche. Beim Thema Apple bleibt zudem offen, wie schnell die KI-Funktionen tatsächlich in die gewünschte Produktwirkung übersetzt werden; eine Verzögerung des Basismodells beim iPhone 18 wäre laut Analyse nur dann weniger problematisch, wenn die teureren Modelle die Nachfrage stabil tragen. Bei Steckverbindern und Netzwerk-Anbietern ist der Hebel dagegen direkt an das Tempo der Kundeninvestitionen gekoppelt – das macht die Auswahl weniger „Software-Story“, mehr Infrastruktur-Abdruck.
Für Anleger verdichtet sich damit eine einzige Entscheidungsfrage: Wird die Rechenzentrumsnachfrage nach Speicher, Steckverbindern und Netzwerktechnik weiter zunehmen – oder sehen wir mittelfristig Sättigungserscheinungen wie etwa ein mögliches Überangebot bei Festplatten? Evercore ISI setzt auf die Annahme, dass die Budgets der großen Cloud-Anbieter weiter steigen. Ob die Wette aufgeht, soll sich in den nächsten Quartalsberichten zeigen: sowohl bei den Hyperscalern selbst als auch bei den sechs genannten Favoriten. Der praktische Nutzen der Analyse für die Marktperspektive liegt darin, dass sie KI nicht nur als Chip-Event betrachtet, sondern als Investitionswelle, die sich physisch in Infrastruktur ausprägt – und damit ein breiteres Set an Gewinnern in den Fokus rückt.
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