ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Evonik kündigt den Abbau von 3.200 Stellen an, davon 2.150 in Deutschland. Der Spezialchemiekonzern will nach Konzernangaben bis Ende 2026 durch Spar- und Effizienzprogramme rund 2.800 Jobs reduzieren. Zugleich prüft das Unternehmen Wachstumsschwerpunkte außerhalb Europas und bringt den Vorstand wieder ins Spiel, nachdem Christian Kullmann im August wegen einer Erkrankung ausgefallen war.

Evonik streicht 3.200 Jobs und ordnet das Portfolio neu
Evonik streicht 3.200 Jobs und ordnet das Portfolio neu (Foto: IT BOLTWISE)
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Evonik verschärft seinen Umbau inmitten einer anhaltenden Branchenkrise gleich auf mehreren Ebenen: Im Zentrum stehen harte Kostensenkungen, aber auch ein strategisches Neuordnen des Produktportfolios. Der Essener Spezialchemiekonzern hat dafür den Abbau von insgesamt 3.200 Stellen angekündigt, mehr als 2.000 davon sollen in Deutschland wegfallen. Die Maßnahme ist dabei nicht isoliert zu verstehen, sondern als Teil eines breiteren Sparkurses, der bis Ende 2026 bereits rund 2.800 Stellen durch Programme für Sparen und Effizienz abfedern soll.

Technisch und organisatorisch greift Evonik damit ein Muster auf, das viele Chemie- und Prozessindustrie-Konzerne aus früheren Zyklen kennen: Wenn Nachfrageeinbrüche Kapazitätsauslastung und Margen drücken, müssen nicht nur Budgets sinken, sondern auch indirekte Strukturen wie Abstimmungswege, Rollenvielfalt und Standortlogik. Auf operativer Ebene deutet die Beschreibung „keine betriebsbedingten Kündigungen“ auf einen Schwerpunkt bei der Steuerung von Abgängen über andere Instrumente hin. So sollen frei werdende Stellen nicht nachbesetzt werden, Beschäftigte sollen früher in den Ruhestand verabschiedet werden, oder freiwillige Abgänge sollen über Abfindungen vereinbart werden.

Während der Konzern den Umbau auch unter Interimschef Claus Rettig fortsetzt, ist die Personalplanung eng mit Portfolioentscheidungen gekoppelt. Evonik will sich zudem von seinen Tochterfirmen Oxeno und Syneqt mit zusammen rund 4.300 Beschäftigten trennen. Rettig erklärte dazu: „Wir sprechen bei Oxeno mit Investoren, im Falle Syneqts ist das noch nicht der Fall“. Für Syneqt kündigte er an, dass der Verkaufsprozess 2027 starten soll. Auch das passt zu einem typischen Entflechtungsansatz: Tochtergesellschaften werden in der Regel dann abgespalten oder verkauft, wenn die Wertschöpfungsketten nicht mehr wirtschaftlich genug skalieren oder wenn das Management eine schärfere Konzentration auf Kernsegmente braucht.

Hinzu kommt, dass Evonik sein Produktportfolio nach Rollenprofilen ordnen will. Dem Bericht zufolge sollen allen großen Standorten in Deutschland spezifische Aufgaben zugeteilt werden. Solche Rollenkonzepte zielen in der Praxis oft darauf, Doppelentwicklungen zu vermeiden und Ressourcen entlang von Wertschöpfungslogiken zu bündeln, etwa bei Forschungsschwerpunkten, Produktvermarktung oder Prozesskompetenz. Rettig rahmt das in der Mitteilung mit dem Hinweis auf eine strukturelle und ökonomische Krise ein: „Vorstand, Aufsichtsrat und Arbeitnehmervertreter teilen eine Überzeugung: Wir befinden uns in einer strukturellen und ökonomischen Krise unserer Industrie“. Für Technologie- und Digitalisierungsverantwortliche bedeutet das vor allem: Wenn Standorte klarer Rollen bekommen, steigen Anforderungen an Daten- und Schnittstellenstandards, weil Planung, Bestandsführung und Produktionssteuerung häufiger standortübergreifend konsistent sein müssen.

Auch die Marktreaktion unterstreicht, dass der Finanzmarkt nicht nur den Stellenabbau, sondern die daraus erwartete Ergebniswirkung bewertet. Rettig sieht gute Wachstumschancen insbesondere in „Asien und Amerika“; dort sollen aktuell weitere Investitionsprojekte geprüft werden. Die Aktie reagierte laut Meldung am Morgen mit einem Kursplus von fast fünf Prozent. Solche Kapitalmarktbewegungen sind in der Spezialchemie häufig ein Indikator dafür, dass Anleger die Restrukturierung als Weg hin zu stabileren Cashflows interpretieren – und nicht als reinen „Short-term“-Korrekturversuch. Gleichzeitig bleibt die Planungslogik unter Druck: Investitionen in neuen Regionen und Portfolioverkäufe brauchen Zeit, und in der Chemie wirken Verzögerungen über Lieferketten, Kundenqualifizierung und Anlagenverfügbarkeiten nach.

Parallel dazu wird das interne Management neu justiert. Claus Rettig fungiert vorübergehend an der Spitze des Konzerns, nachdem Christian Kullmann im August überraschend wegen einer Erkrankung „bis auf Weiteres“ ausgeschieden war. Rettig sagte: „Christian Kullmann hat seine Operation gut überstanden“. Kullmann befinde sich demnach auf dem Weg der Besserung, Rettig betonte: „Ich bin zuversichtlich, dass er im kommenden Jahr zurückkommen wird“. Für die Organisation ist das mehr als ein Personalupdate: Wenn Vorstandspfade kurzfristig neu definiert werden, müssen Programme wie Portfolio-Rollen, Standortaufgaben und Verkaufsprozesse für Oxeno sowie Syneqt weiterhin mit stabiler Projektsteuerung laufen, damit die Restrukturierung nicht an Entscheidungs- oder Prioritätswechseln hängt.

Strategisch zeigt die Kombination aus Stellenabbau, Veräußerung von Tochtergesellschaften und regionalen Wachstumstests, dass Evonik den Umbau konsequent in Richtung Profitabilität ausrichtet. Entscheidend wird sein, wie schnell die freiwerdenden Ressourcen in jene Projekte umgeleitet werden, die wirklich skalieren – und wie sauber sich Rollenprofile in der Praxis mit Prozess- und IT-Landschaften verzahnen lassen. Genau hier liegen in der Regel die „unsichtbaren“ Kostenblöcke: Übergaben zwischen Standorten, Datenkonsistenz in ERP- und Produktionssystemen sowie die Fähigkeit, Entscheidungen über Produktlinien mit belastbaren Prognosen zu untermauern. Evonik muss in den kommenden Quartalen daher nicht nur Kosten senken, sondern die Steuerungsfähigkeit für Produktion, Entwicklung und Vertrieb so umbauen, dass die neuen Schwerpunkte außerhalb Europas tatsächlich in Ergebniswirkung übergehen.


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