LONDON (IT BOLTWISE) – Künstliche Intelligenz ist im Schulalltag angekommen, und viele Jugendliche nutzen KI-Chatbots bereits für Hausaufgaben. An einer Freien Gesamtschule in Jena zeigt sich: Besonders bei Texten entstehen schnell Grenzen, bei Mathe und Aufsätzen wird es dagegen für Lehrkräfte schwerer. Lehrerin Maren Hädric beschreibt die Situation als Herausforderung, weil sie kaum noch prüfen kann, was wirklich selbst erarbeitet wurde. Gleichzeitig wirbt sie dafür, KI im Unterricht als Lern- und Reflexionswerkzeug einzusetzen.

KI in der Schule: Wie Lehrkräfte Hausaufgaben, Leistung und Lernen neu denken
KI in der Schule: Wie Lehrkräfte Hausaufgaben, Leistung und Lernen neu denken (Foto: IT BOLTWISE)
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Künstliche Intelligenz ist im Schulalltag nicht mehr nur ein Randthema, sondern gehört für viele Schülerinnen und Schüler längst zur täglichen Werkzeugkiste. Wenn Jugendliche regelmäßig KI-Chatbots wie ChatGPT, Gemini oder Claude verwenden, verschiebt das die Erwartungen an Hausaufgaben: Was früher als Übung fürs eigene Verständnis galt, wird nun häufig zum Teil einer Assistenzkette aus Prompt, Antwort und Überarbeitung. Genau hier entsteht der Druck auf Lehrkräfte. Laut dem Bericht wird die Nutzung in Mitteldeutschland bislang unterschiedlich behandelt, und echte, einheitliche Leitplanken fehlen oft. Damit geraten nicht nur Aufgabenformate ins Wanken, sondern auch die Frage, wie Lernfortschritt noch fair sichtbar wird.

An einer Freien Gesamtschule in Jena, der „UniverSaale“, wird KI im Unterricht daher bewusst getestet – statt sie nur zu verbieten. In einer Gruppenarbeit sollen Schülerinnen und Schüler der elften Klasse gemeinsam prüfen, wie hilfreich KI-Chatbots bei der Literatur-Interpretation sind. Die Lehrerin Maren Hädric leitet das Gespräch mit dem konkreten Ansatz, die KI wie einen „Agenten“ zu behandeln: Die Gruppe kommuniziert mit dem System und diskutiert anschließend, wie es auf Fragen zur Deutung literarischer Texte reagiert hat. Das Ergebnis ist ernüchternd und zugleich aufschlussreich: Die KI stößt beim Interpretieren offenbar schnell an Grenzen, der Austausch kann aber trotzdem hilfreich sein. Entscheidender ist die pädagogische Ableitung: Lehrkräfte gewinnen Material für Diskussionsprozesse, weil sie beobachten können, wo das Modell plausibel argumentiert und wo es scheitert.

Gerade diese Differenz zwischen Fächern und Aufgabentypen macht die Praxis so anspruchsvoll. Maren Hädric beschreibt die Lage für Lehrkräfte als „totale Herausforderung“: Was bleibt noch sinnvoll aufzugeben, wenn unklar ist, ob die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeit wirklich selbst erledigt haben? In reinen Sachinhalten sei es kaum erkennbar, ob Antworten durch KI entstanden sind. Bei einem Aufsatz falle es dagegen eher auf, zum Beispiel wenn der Text „nicht zum Stil der Kinder passt“. Dahinter steckt ein methodischer Kern: Pädagogische Bewertung ist immer auch eine Form von Mustererkennung in mehreren Dimensionen – Sprachrhythmus, Wortwahl, Argumentationshaltung, sogar typische Denkwege. Wenn diese Signaturen durch KI stark geglättet werden, wird die Feststellung „aus eigener Arbeit“ schwer, und die Lehrkraft muss stärker darauf achten, welche Kompetenzen gerade trainiert werden sollen.

Um Lernprozesse nicht zu verlieren, setzt die Schule daher auf Reflexion statt blinder Kontrolle. Hädric will ihren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben, KI selbst auszuprobieren und zu erkennen, „wo man KI gut einsetzen kann und wo nicht“. Im Gespräch mit der Klasse zeigt sich dabei ein überraschend differenziertes Bild: Kea Dittmann beschreibt KI als „Hilfe im Alltag“, rät aber zu Vorsicht bei Hausaufgaben, weil man Lernen einerseits trainiert und andererseits auch wieder verlernen kann. Michel Abbe nutzt KI, „wenn ich Sachen nicht verstehe“, betont jedoch die Pflicht zur Überprüfung, ob Informationen stimmen. Auch Hanni Malina beschreibt KI als Lernhelfer – vor allem zum Kontrollieren oder für Tipps, was als Nächstes geübt werden sollte. Das sind keine rein technischen Aussagen, sondern Hinweise darauf, wie KI im Bildungskontext als interaktives Feedback-Element verstanden wird, das aber ohne eigene Prüfung nicht zuverlässig macht.

Die Debatte um KI endet damit nicht an der Klassentür, sondern zieht sich in die Schulpolitik hinein. Eltern wünschen sich laut einer repräsentativen Untersuchung der Vodafone-Stiftung, dass Kinder in der Schule einen kompetenten Umgang mit der Technologie lernen. Weil Bildung in Deutschland Ländersache ist, regelt jedes Bundesland selbst, wie KI erlaubt oder eingeschränkt ist. In Sachsen sieht das Kultusministerium vor, dass Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit KI, ihren Chancen und Risiken arbeiten; KI-Systeme gelten dabei als Hilfsmittel. Je nach Aufgabenstellung kann die Nutzung erlaubt oder untersagt sein, während KI in abschlussrelevanten Prüfungen etwa im Rahmen des Abiturs grundsätzlich verboten sein soll. In Sachsen-Anhalt empfiehlt das Landesinstitut LISA, KI nicht pauschal auszuschließen, sondern transparent einzubinden – mit dem Ziel, KI-Ergebnisse kritisch zu hinterfragen und gegen eine eigene, reflektierte Analyse zu halten. Thüringen setzt laut Bericht stärker auf die Bewertung des methodischen Umgangs: Das bloße Wiedergeben von Fakten verliert an Bedeutung, während wichtiger wird, wie Schülerinnen und Schüler KI als Werkzeug tatsächlich einsetzen.

Bemerkenswert ist dabei auch, was in den Richtlinien offenbar nicht als Standard auftaucht: Der Einsatz sogenannter KI-Detektoren, die erkennen sollen, ob KI zur Erstellung eines Textes genutzt wurde, wird in keinem der drei mitteldeutschen Bundesländer empfohlen. Für die Praxis bedeutet das eine Abkehr von der reinen „Output-Polizei“ hin zu Lern- und Prozessbeobachtung. Genau hier setzen auch die Überlegungen aus Thüringen an: Melanie Hey vom Thüringer Institut für Lehrerfortbildung sieht in der Künstlichen Intelligenz eine Chance, „Vor allem die Frage der Leistungseinschätzung und -bewertung muss neu gestellt werden.“ Aus ihrer Perspektive sollten Schülerinnen und Schüler in Einzigartigkeit, Kreativität und Mündigkeit gestärkt werden, anstatt „uniformen KI-Einheitsbrei“ abzuliefern. Gleichzeitig fordert sie, KI einerseits als unterstützendes Werkzeug zu betrachten und andererseits klar zu machen, welche menschlichen Leistungen trotz KI unverzichtbar bleiben.

Technisch betrachtet verschiebt sich damit die Rolle von KI weg von „Aufgabe lösen“ hin zu „Interaktion gestalten“. Systeme können heute häufig Texte formulieren oder Rechenwege beschleunigen, doch für Bildungseinrichtungen zählt, ob dadurch Denkprozesse, Begründungskompetenzen und die Fähigkeit zur kritischen Prüfung wachsen. Die Beispiele aus „UniverSaale“ zeigen, wie das funktionieren kann: KI wird nicht nur als Ersatz für Leistung behandelt, sondern als Gesprächspartner, dessen Antworten man diskutiert, verifiziert und zum Ausgangspunkt für eigene Schlussfolgerungen macht. Für Schulen entsteht daraus eine neue Planungslogik: Statt Aufgaben ausschließlich nach Lösbarkeit zu konstruieren, müssen Lehrkräfte stärker darauf achten, welche Nachweise für Verständnis während des Lernprozesses sichtbar werden. Bis die offene Frage endgültig geklärt ist, ob KI künftig in Prüfungen und Leistungsnachweisen noch breiter integriert wird, bleibt der gemeinsame Nenner: KI verändert nachhaltig, wie Kinder und Jugendliche lernen – und Lehrkräfte müssen dieses Lernverhalten aktiv mitgestalten.


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