LONDON (IT BOLTWISE) – Die EZB hat im aktuellen Survey of Professional Forecasters die Inflationspfade für den Euroraum nur gering angepasst. Während die Prognosen für die Verbraucherpreise über 2026 bis 2028 weitgehend stabil bleiben, rückt die Kerninflation für 2026 spürbar näher an die Zielzone. Gleichzeitig senken die befragten Professional Forecasters ihre Wachstumserwartungen für das kommende bis übernächste Jahr. Für Notenbank- und Treasury-Teams bedeutet das: Der Preisauftrieb wirkt differenzierter, während die Wirtschaftsleistung im Basisszenario weniger Schwung bekommt.

Die jüngste Befragung im Survey of Professional Forecasters (SPF) der Europäischen Zentralbank zeichnet ein gemischtes Bild: Für die Gesamtinflation im Euroraum bleiben die Werte über den betrachteten Zeitraum weitgehend unverändert, doch bei der Kerninflation verschiebt sich das Profil deutlich. Konkret erwartet der Kreis der regelmäßig befragten Professional Forecasters für 2026 einen Anstieg der Verbraucherpreise um 2,7 Prozent. Damit bleibt die Jahresrate gegenüber der Mai-Umfrage bei 2,7 Prozent, während die Folgejahre 2027 und 2028 mit 2,2 Prozent (zuvor 2,1) und 2,0 Prozent (unverändert 2,0) nur moderat aus dem Takt geraten.
Technisch betrachtet ist der wichtigste Punkt für die Geldpolitik weniger die Kopfzeile „Inflation steigt“ als die Aufspaltung in Gesamt- und Kernrate. Die Kerninflationsprognosen werden im SPF nun für 2026 auf 2,4 Prozent angehoben, nachdem sie zuvor bei 2,2 Prozent gelegen hatten. Für 2027 bleiben die Erwartungen ebenfalls bei 2,2 Prozent, und für 2028 sinken sie leicht auf 2,1 Prozent statt 2,1 Prozent wie zuvor unverändert. Zusätzlich signalisiert der langfristige Horizont eine gewisse Stabilität: Sowohl die Inflation als auch die Kerninflation werden langfristig jeweils bei 2,0 Prozent gesehen. Diese Kombination – kurzfristig unverändert bei Gesamtpreisen, aber mit Verschiebung bei der Kernrate – legt nahe, dass die erwarteten Impulse weniger aus den volatilen Komponenten kommen, sondern eher in den „hartnäckigeren“ Preissegmenten sichtbar werden.
Gleichzeitig drehen die Professional Forecasters an der Wachstums-Schraube. Für 2026 bis 2028 rechnen sie nun mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,6 Prozent, 1,2 Prozent und 1,3 Prozent. Im Vergleich zur vorangegangenen Befragungsrunde bedeutet das: 2026 geht von 1,0 Prozent auf 0,6 Prozent zurück, 2027 von 1,3 Prozent auf 1,2 Prozent und 2028 bleibt bei 1,3 Prozent gegenüber zuvor 1,3 Prozent. Langfristig wird das Wachstum nun bei 1,2 Prozent veranschlagt (zuvor 1,3). Damit entsteht ein Muster, das in der Praxis häufig als „Preise stützen sich, Wachstum bleibt zäh“ beschrieben wird: Die Preisdynamik wirkt im Kern nicht so schwach wie noch im Mai erwartet, während die Wirtschaftsleistung im Basisszenario weniger Rückenwind erhält.
Für Unternehmen im Euroraum ist diese Konstellation vor allem deshalb relevant, weil sie die Planungsannahmen für Preise, Lohnkosten und Nachfrage treffen kann. Wenn die Gesamtinflation über die Prognosejahre zwar stabil bleibt, aber die Kerninflation für 2026 steigt, verschiebt das die Erwartung, wie schnell sich Zweitrundeneffekte abbauen. In der operativen Umsetzung bedeutet das für Einkaufs-, Pricing- und Treasury-Teams: Man muss Szenarien nicht nur über die Schlagzeilenwerte der Inflation abdecken, sondern stärker über die Kernkomponente modellieren, weil diese näher an die Kostenbasis und an preissetzende Spielräume der Unternehmen gekoppelt ist. Parallel dazu spricht die geringere Wachstumsprojektion für Vorsicht bei Umsatzannahmen, Lagerpolitik und Investitionsbudgets, selbst wenn die Preisentwicklung insgesamt nicht weiter anzieht.
Historisch betrachtet war die Trennung zwischen Kern- und Gesamtinflation ein zentraler Hebel der Geldpolitik, weil der Gesamtindex häufig durch Faktoren beeinflusst wird, die sich nicht unmittelbar in der Preisstrategie vieler Unternehmen wiederfinden – etwa Energie- oder kurzfristige Sondereffekte. Genau hier setzt das SPF-Signal an: Die Professional Forecasters sehen zwar keine großen Abweichungen bei den Verbraucherpreisen insgesamt, aber sie rechnen für den Kernbereich mit mehr Beharrlichkeit als zuvor. Solche Konstellationen gelten typischerweise als anspruchsvoller für die Kommunikation der Notenbank, weil sie den Eindruck vermeiden muss, dass „die Inflation insgesamt im Griff“ automatisch bedeutet, dass auch die Kernrate ihren Weg zur Zielmarke schon sicher abgeschlossen hat. Für Marktteilnehmer ergibt sich daraus ein differenzierter Blick auf das Timing möglicher geldpolitischer Schritte: Nicht die Richtung der Gesamtinflation, sondern die Dynamik in der Kerninflation wird oft zum Maßstab, wie nachhaltig der Rückgang der Teuerung ist.
Daneben beeinflusst die Wachstumsanpassung die Erwartungsbildung zur Finanzierung und zum Zinsniveau. Der Rückgang der BIP-Prognose für 2026 – von 1,0 auf 0,6 Prozent – kann in der Praxis bedeuten, dass sich Gewinnspannen stärker über Kostensteuerung als über Mengenwachstum erklären lassen müssen. In den kommenden Budgetzyklen dürften deshalb Fragen nach der Nachfragesensitivität, nach der Fähigkeit zur Weitergabe von Kostensteigerungen und nach dem Verlauf von Lohnstückkosten an Bedeutung gewinnen. Eine Kerninflation, die nicht so schnell fällt wie erwartet, kann außerdem den Druck erhöhen, innerhalb von Tarif- und Budgetprozessen die Inflationsannahmen enger zu überwachen. Damit bleibt das SPF-Ergebnis nicht nur eine makroökonomische Momentaufnahme, sondern wird zum Input für Unternehmensmodelle, die Cashflows, Diskontsätze und Working-Capital-Annahmen regelmäßig aktualisieren.
Für den weiteren Verlauf kommt es damit auf zwei Variablen an, die im SPF zumindest indirekt vorbereitet werden: erstens, ob die Kerninflation in den Folgejahren tatsächlich den abgelesenen Pfad hält oder ob sie – trotz unveränderter Gesamtinflationswerte – weiter nach oben „nachzieht“. Zweitens, ob das Wachstumsszenario sich stabilisiert oder ob die Belastungen für die Konjunktur stärker ausfallen als im SPF angenommen. Aus Sicht der Notenbank-Ökonomie wäre das zentrale Ziel, die beobachtete Preis- und Wachstums-Kluft so weit wie möglich zu entwirren: Wenn die Kernrate für 2026 steigt, während das BIP-Profil schwächer wird, ist die Frage, ob dies vorübergehende Verzerrungen sind oder ob sich im Kernbereich eine neue Beharrlichkeit etabliert. Für 2027 und 2028 signalisieren die SPF-Werte zumindest eine gewisse Stabilisierungstendenz – aber mit einer Kernrate, die im Vergleich zur Mai-Umfrage bereits neu kalibriert wurde.
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