LONDON (IT BOLTWISE) – Die Inflation im Euroraum hat im Juli auf 2,9 Prozent angezogen, vor allem wegen deutlich teurerer Energie. Der Druck zeigt sich nicht nur in den volatilen Posten, auch die Kernrate sowie Dienstleistungspreise entwickeln sich fester. Kurzfristig rücken Märkte eine Zinserhöhung im September in den Fokus. Zusätzlich schürt die Aussicht auf schneller steigende Löhne die Sorge vor einer dauerhaft höheren Inflationsdynamik.

Im Euroraum verdichtet sich der Eindruck, dass die nächste EZB-Entscheidung deutlich stärker unter dem Einfluss von Energie- und geopolitischen Effekten steht als viele Marktteilnehmer noch vor kurzem vermutet hatten. Die Verbraucherpreise stiegen im Juli auf eine Jahresrate von 2,9 Prozent, nach 2,8 Prozent im Juni. Als zentraler Treiber werden dabei die nach dem Ende einer Waffenruhe wieder anziehenden Ölpreise genannt, die sich unmittelbar in den Preisen für transportierte und erzeugte Energie niederschlagen.
Technisch betrachtet ist das Timing entscheidend: Energiepreise wirken oft zunächst über direkte Konsumkomponenten, später aber auch indirekt auf Transport, Produktion und zunehmend auf Preise, die im Dienstleistungsbereich entstehen. Laut den veröffentlichten Angaben stiegen die Energiepreise in der gesamten Eurozone mit ihren 21 Staaten um 10 Prozent. Auch ein Indikator für Dienstleistungspreise sowie die Kernrate, also die um volatile Posten wie Kraftstoffe und Lebensmittel bereinigte Inflationsmessung, beschleunigten sich im Juli. Genau diese Breite macht es für die Geldpolitik schwieriger, den Inflationsimpuls als reine Momentaufnahme abzutun.
Aus Marktsicht kommt hinzu, dass die EZB erst eine Pause bei den Zinserhöhungen eingelegt hatte, um Zeit für eine bessere Einschätzung von Inflation und Wachstum in der Eurozone zu gewinnen. Nach den neuen Daten rechnen viele Beobachter nun wieder mit einer weiteren Anhebung im September, die auf den im Juni bereits beschlossenen Schritt um einen Viertelprozentpunkt aufsetzen würde. Auffällig war zudem die Reaktion am Anleihemarkt: Nachdem anfängliche Gewinne bei deutschen Staatsanleihen wieder abgegeben wurden, stieg die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen um einen Basispunkt auf 3,16 Prozent. Gleichzeitig spiegeln die Geldmarktpreise eine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung wider, einschließlich Wetten auf zusätzliche Straffungsschritte bis zum Jahresende.
Die Kommunikation aus dem EZB-Umfeld verstärkt diesen Eindruck. Vor der Septembersitzung stehen neben einem weiteren Inflationsbericht für August auch aktualisierte Projektionen der EZB-Stabsökonomen auf der Agenda. Während EZB-Präsidentin Christine Lagarde sich zuvor noch nicht auf einen konkreten Zinsschritt festlegen wollte, äußerten sich mehrere Ratskollegen deutlich. Der österreichische Notenbankchef Martin Kocher verwies auf weiterhin hohe Unsicherheit und Volatilität. Aus anderen Notenbanker-Kreisen kam die Einschätzung, dass die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung klar über der einer Zinspause liege und dass die EZB die Zinsen mindestens noch einmal anheben müsse, selbst falls sich die Lage später etwas entspanne.
Besonders relevant ist dabei nicht nur die Höhe der Inflationsrate, sondern ihre Verteilung. Bis auf Estland liegen laut den vorliegenden Zahlen inzwischen alle Eurostaaten über der Zwei-Prozent-Marke, die die EZB als mittelfristiges Preisstabilitätsziel definiert. Damit verschiebt sich das Bild von einzelnen Ausreißern hin zu einem breit verankerten Preisdruck. Zwar bleibt die Lage im Nahen Osten gemischt, etwa weil der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus zuletzt wieder zunahm, trotz erneut ausgetauschter Luftangriffe zwischen den USA und dem Iran. Der entscheidende Punkt für die Teuerung bleibt aber: Die Ölpreise verharren trotz zeitweiliger Rücksetzer weiterhin auf einem erhöhten Niveau, unter anderem weil die Marke von 100 Dollar je Barrel nicht nachhaltig unterschritten wird.
Die zusätzliche Sprengkraft liefert die Lohnentwicklung. Eine aktuelle EZB-Umfrage deutet darauf hin, dass das Lohnwachstum bis Anfang 2027 weiter beschleunigen dürfte. Für eine Notenbank ist das ein Frühwarnsignal, weil sich Energiekosten so in die allgemeine Lohn- und Preisdynamik übertragen können: Wenn höhere Löhne in höhere Preise münden, wird aus einem extern ausgelösten Inflationsimpuls schneller eine selbsttragende Bewegung. Genau vor diesem Übergreifen warnen Notenbanker erfahrungsgemäß in Phasen, in denen Versorgungsschocks und Nachfrageeffekte gleichzeitig wirken.
Gleichzeitig ist die Ausgangslage für die EZB paradox: Die Wirtschaft der Eurozone zeigt sich bislang widerstandsfähig. Im zweiten Quartal wuchs die Wirtschaftsleistung so stark wie seit über einem Jahr nicht mehr, und zwar doppelt so kräftig wie ursprünglich prognostiziert. Alle vier größten Volkswirtschaften der Region verzeichneten Wachstum. Damit entsteht vor der Septembersitzung eine Kombination aus robustem Produktions- und Konsumniveau sowie einer Inflation, die weiter anzieht und sich nicht auf wenige Sektoren beschränkt. Für die Mehrzahl der Ratsmitglieder wirkt diese Mischung so, als ließe sich eine weitere Straffung immer schwerer vermeiden.
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