LONDON (IT BOLTWISE) – Nach einem Tag im Sitzen entscheidet der Heimweg häufig zwischen Fahrrad und E-Scooter. Wer radelt, ersetzt einen Teil passiver Zeit durch Ausdauer- und Muskeltätigkeit. Eine Studie mit 502 Fahrten aus Barcelona zeigt dabei höhere Intensitäten auf Fahrrädern ohne Motor. Entscheidend ist aber insgesamt, wie viel Bewegung im Alltag zusammenkommt.

Der Wechsel vom Schreibtisch auf den Heimweg wirkt banal, kann aber für die körperliche Bilanz pro Woche eine echte Stellschraube sein. Wer 15 Minuten mit dem Rad zur Arbeit fährt und 15 Minuten zurücklegt, kommt an fünf Tagen auf 150 Minuten Bewegung. Damit landet man grob in dem Bereich, den die Weltgesundheitsorganisation WHO für Erwachsene als Ziel nennt: 150 bis 300 Minuten Ausdauertraining moderater Intensität pro Woche oder 75 bis 150 Minuten bei hoher Intensität, wobei auch Kombinationen möglich sind. Wichtig ist dabei der Zusatz „Ausdauerorientierung“: Alltagswege zählen mit, aber sie sollten den Körper tatsächlich spürbar fordern.
Genau hier beginnt die häufige Fehlannahme: „Radfahren“ ist nicht automatisch gleich „Training“. Entscheidend bleibt, wie stark die Fahrt den Kreislauf belastet – und das hängt nicht nur vom Fahrzeug ab, sondern von Tempo, Steigung, Windverhältnissen und dem individuellen Trainingszustand. Die WHO empfiehlt zudem muskelkräfternde Aktivitäten an mindestens zwei Tagen pro Woche. Dass diese zweite Säule im Alltag manchmal zu kurz kommt, ist für viele Pendler der eigentliche Knackpunkt: Man kann zwar regelmäßig radeln, aber trotzdem an Muskelkraft-Impulsen mangeln, wenn die Routine zu monoton ausfällt.
Der praktische Unterschied zwischen Fahrrad ohne Motor und E-Scooter liegt weniger in der Position „sitzen oder stehen“ als in der verteilten Arbeit. Auf dem Fahrrad liefern die Muskelgruppen den Vortrieb, wodurch die Energie kontinuierlich über die Tretarbeit in Vorwärtsbewegung umgesetzt wird. Beim E-Scooter muss die fahrenden Person vor allem das Gleichgewicht halten und auf Unebenheiten reagieren; die fortlaufende Tretarbeit entfällt. Damit verlagert sich die Anstrengung: Der Körper ist zwar beschäftigt, aber er übernimmt im Kern weniger aktive Antriebsleistung als beim Treten.
Wie stark diese Unterschiede im Alltag ausfallen, legt eine Untersuchung im Journal of Transport & Health (Jahrgang 2024) nahe. Forschende werteten in Barcelona 502 Fahrten von 39 Personen aus und verglichen konventionelle und elektrisch unterstützte Leihfahrräder mit privaten E-Scootern. Die Analyse stützte sich auf Beschleunigungsdaten, aus denen sie die körperliche Aktivität ableiteten. Bei den betrachteten Fahrten lag die durchschnittliche Intensität auf Fahrrädern ohne Motor höher als auf den E-Scootern; außerdem blieb der Abstand bestehen, als Stopps im Verkehr statistisch berücksichtigt wurden. Die Studie beweist dabei nicht, dass E-Scooter-Fahren langfristig krank macht – sie zeigt vor allem, wie sich Intensität im realen Setting unterscheidet.
Für die eigene Entscheidung lohnt deshalb weniger die Frage „Fahrrad oder E-Scooter?“ als die genaue Substitution im Tagesablauf. Ersetzt ein Scooter einen typischen Fußweg, verschwindet ein Stück Gehzeit. Ersetzt er dagegen eine Radfahrt, fällt die Tretarbeit weg – und wer diese fehlende Bewegung nicht an anderer Stelle ausgleicht, ist auf seinen Alltagswegen insgesamt weniger aktiv. Genau umgekehrt kann ein Scooter auch neue Aktivitätsfenster eröffnen: Wenn er eine Autofahrt ersetzt, entsteht zwar nicht automatisch Training auf dem Scooter selbst, aber oft kommen zusätzliche Wege hinzu – etwa vom Abstellort zum Ziel oder vom Ende der Scooter-Nutzung bis in den Eingangsbereich. Wie viel dabei am Ende zusammenkommt, hängt dann stark vom konkreten Wegmuster ab.
Das erklärt auch, warum gelegentliche Scooter-Fahrten nicht automatisch zu einem bewegungsarmen Alltag führen. Wenn am restlichen Tag genug Alltagsbewegung bleibt – zum Beispiel durch Treppen, kürzere Wege zu Fuß oder eben regelmäßige Radstrecken –, kann der Gesamtmix weiterhin im empfohlenen Rahmen landen. Der entscheidende Maßstab bleibt die Summe: Wie viel körperliche Aktivität entsteht über die Woche insgesamt, und welche Intensitäten dominieren dabei. In der Praxis bedeutet das: Scooter können sinnvoll sein, wenn sie eine „sonst passive“ Option ersetzen; sie sind aber weniger geeignet, wenn sie regelmäßig eine klar aktivere Alternative wie das Treten auf dem Fahrrad verdrängen.
Gleichzeitig muss man den Arbeitsweg nicht in eine Sporteinheit umdeuten. Nicht jede Fahrt zum Büro, Bahnhof oder zur Einkaufstour muss die gleiche Intensität wie ein Training mit definierter Trainingszone erreichen. Wer kurze Strecken regelmäßig radelt, muss diese Bewegungszeit nicht zusätzlich in den Kalender pressen; sie passiert ohnehin zwischen Start und Ziel. Gerade nach einem Tag im Sitzen ist genau dieses „nebenbei“ ein Vorteil: Statt den Motor arbeiten zu lassen und den Körper passiv zu halten, übernimmt das eigene Treten einen Teil der Rückkehr in Bewegung. Für viele ist das langfristig nachhaltiger als die Idee, jede Strecke als Fitnessprogramm zu behandeln.
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