LONDON (IT BOLTWISE) – Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg baut mit QDD ein Forschungsprojekt zur automatisierten Absicherung gegen Angriffe durch Quantencomputer. Gefördert wird das Vorhaben vom BMBF mit rund 3,26 Millionen Euro, das Gesamtvolumen liegt bei etwa 3,84 Millionen Euro. Im Zentrum stehen Systeme, die je nach Netzwerkumgebung eigenständig entscheiden, welche quantensicheren Verschlüsselungsstandards nötig sind. Dazu sollen Quantum Key Distribution (QKD) und Post-Quanten-Kryptografie (PQC) über technische und administrative Grenzen hinweg orchestriert werden.

Quantencomputer gelten nicht nur als Zukunftsthema für spezialisierte Labore, sondern als konkrete Bedrohung für heutige Verschlüsselungsmechanismen. Sobald leistungsfähigere Quantenrechner in Reichweite geraten, geraten klassische Kryptosysteme perspektivisch unter Druck. Genau diese Lücke adressiert die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) mit dem Projekt „Intent-based quantum-secure domain orchestration“ (QDD). Das Vorhaben will quantensichere Kommunikation so orchestrieren, dass sie nicht mehr manuell pro Netzwerksegment geplant werden muss, sondern aus einer übergeordneten Absicht („Intent“) heraus automatisch zur passenden Sicherheitsstrategie führt.
Technisch setzt QDD auf automatisierte Sicherheit, die in unterschiedlichen Netzwerkarchitekturen funktionieren soll. Ein zentraler Baustein ist die Kombination aus Quantum Key Distribution (QKD) und Post-Quanten-Kryptografie (PQC): QKD liefert Schlüsselmaterial auf quantenbasiertem Weg, während PQC Algorithmen nutzt, die gegen Angriffe mit Quanten-Computing resistenter sein sollen. Damit diese Bausteine nicht als getrennte Insellösungen enden, entwickelt das Projekt flexible Systeme für den sicheren Datenaustausch über administrative und technische Grenzen hinweg. Die Netzwerk-Forschungsgruppe des Regionalen Rechenzentrums Erlangen (RRZE) leitet das Projekt, wodurch sich auch ein direkter Bezug zur Praxisformulierung „Orchestrierung“ ergibt: Ziel ist ein steuerbares Zusammenspiel mehrerer Sicherheitskomponenten statt eines einmalig konfigurierten Sonderwegs.
Besonders auffällig ist dabei die geplante Rolle von Large Language Models (LLMs) in der Sicherheitssteuerung. Laut Projektansatz sollen die Modelle helfen, Sicherheitsprotokolle so zu steuern, dass jedes Netzwerksegment nicht für sich händisch konfiguriert werden muss. Das Grundprinzip entspricht dem, was in der Fachwelt oft als intent-based orchestration beschrieben wird: Anstatt von der Infrastrukturseite ausgehend jede Option manuell zu setzen, formuliert man die gewünschte Sicherheitswirkung und lässt das System erkennen, welche Verschlüsselungsstandards dafür in der konkreten Umgebung erforderlich sind. So wird auch das Zusammenspiel zwischen Schlüsselmanagement und kryptografischen Standards adressierbar, das in der Realität häufig der Engpass ist: Wenn Standards, Geräte, Policies und Netzlogik nicht konsistent zusammenpassen, scheitert die Umsetzung nicht an der Theorie, sondern an der betrieblichen Komplexität.
Finanziell steht QDD auf einem soliden Fundament. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützt das Vorhaben mit rund 3,26 Millionen Euro, das Gesamtvolumen liegt bei etwa 3,84 Millionen Euro. Die Laufzeit ist bis 2029 geplant, wodurch genug Zeit bleibt, um nicht nur Konzepte zu testen, sondern auch die Automatisierungslogik in wechselnden Rahmenbedingungen zu validieren. Zum Konsortium zählen neben der FAU und dem RRZE weitere akademische Partner wie das Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik (IOF), die Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie die Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Aus der Industrie sind der Telekommunikationsanbieter Telefónica und das Quantentechnologie-Unternehmen Quant-X beteiligt. Als leitende Köpfe werden Dr. Susanne Naegele-Jackson und Vincent Burkard genannt, was den Fokus auf Netzwerk- und Sicherheitsaspekte im Projektkern unterstreicht.
Der Start in die nächsten Projektjahre fällt in eine Phase, in der Europa und die Industrie die Quantenresilienz zugleich vorantreiben. Auf europäischer Ebene arbeitet die Initiative TransEuroOGS an einem 18-Millionen-Euro-Projekt, das ein quantensicheres Kommunikationsnetz quer durch die EU aufbauen soll. Ein Baustein dabei sind mobile optische Bodenstationen für Quantensatelliten; beteiligt sind unter anderem das Walton Institute und Mbryonics. Solche Vorhaben zeigen: Es reicht nicht, einzelne Quantenkomponenten zu entwickeln, entscheidend ist die Verknüpfung im Betrieb. Parallel dazu entstehen in der Industrie bereits hardware- und architekturnahe Ansätze. So hat BTQ Technologies nach eigenen Angaben einen Meilenstein in der Zusammenarbeit mit ITRI gemeldet: Dabei geht es um eine Chip-Architektur, die Post-Quanten-Kryptografie-Standards ausführen kann, wobei erste Testchips noch in diesem Jahr verfügbar sein sollen. Das ergänzt Projekte wie QDD, weil es die Lücke zwischen Protokoll- und Sicherheitslogik auf der einen Seite und beschleunigter, produktionsnaher Kryptografie auf der anderen Seite verkleinert.
Für Unternehmen ergibt sich aus dieser Gemengelage eine klare Konsequenz: Bereits heute müssen IT-Organisationen Migrationen vorbereiten, statt erst dann zu reagieren, wenn Quantenangriffe konkret wirken könnten. QDD liefert dafür einen wichtigen Hebel, nämlich die Reduktion von manueller Komplexität bei der Auswahl und Durchsetzung passender Verschlüsselungsstandards. Wenn intent-based Orchestrierung mit QKD und PQC in der Praxis so funktioniert, wie es die Projektbeschreibung skizziert, ließe sich das Rollout-Tempo in heterogenen Umgebungen erhöhen: vom Rechenzentrumsnetz bis zu domänenübergreifenden Verbindungen, bei denen unterschiedliche Policies und technische Grenzen sonst die Implementierung ausbremsen. Genau hier liegt auch ein Nutzen für die Sicherheitsarchitektur: weniger Konfigurationsfehler durch Automatisierung und ein besserer Auditierbarkeitsansatz, wenn sich nachvollziehen lässt, warum eine bestimmte kryptografische Umsetzung in einem Kontext gewählt wurde.
Auch regulatorisch nimmt das Thema Fahrt auf. Die indische Wertpapieraufsicht SEBI kündigte in ihrem Jahresbericht für das Fiskaljahr 2025/26 an, die Märkte auf Cybersecurity-Risiken des Quantenzeitalters vorzubereiten, unter anderem durch neue Überwachungswerkzeuge und Risikobewertungsrahmen. Das ist zwar kein deutsches oder europäisches Regelwerk, zeigt aber, dass die Überwachung von Cyber-Risiken zunehmend auch künftige Angriffsszenarien einpreist. Für IT-Leiter und Sicherheitsverantwortliche bedeutet das: Risikoanalysen, Inventarisierung kryptografischer Abhängigkeiten und Migrationspläne müssen weiter gedacht werden als bis zum nächsten Baseline-Update. QDD setzt dabei nicht direkt an Compliance-Reportings an, kann aber indirekt helfen, die Umsetzung quantensicherer Kommunikation systematischer zu gestalten.
Unterm Strich beschreibt QDD einen Weg, wie quantensichere Kommunikation operativ skalieren könnte: automatisierte Orchestrierung, ein zentraler Mix aus QKD und PQC und eine LLM-gestützte Steuerung, die Netzwerkumgebungen interpretieren soll. Wenn sich die Absichtsidee bis 2029 tatsächlich in wechselnden Domänen bewährt, wäre das ein Schritt von der „Laborfähigkeit“ zur „Betriebsfähigkeit“ quantenresilienter Sicherheitsmechanismen. Unternehmen können daraus zumindest eine praktische Leitlinie ableiten: Statt nur einzelne Kryptokomponenten auszutauschen, lohnt es sich, die Steuerungs- und Deploy-Pipelines für Sicherheit so zu gestalten, dass sie unterschiedliche Standards dynamisch handhaben können. So wird aus einem technischen Strategiepapier eher ein reproduzierbarer Betriebsprozess.
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