BERLIN – Julia Becker warnt Medienhäuser davor, Journalismus vor allem als Kostenfaktor zu behandeln. Die Funke-Verlegerin betont, dass hochwertiger Journalismus nur mit Angeboten funktioniert, die Menschen als echten Mehrwert nutzen und bezahlen wollen. Zugleich sieht sie Künstliche Intelligenz als Unterstützung für Recherche, Auswertung und Textkorrektur, aber nicht als Ersatz für menschliche Neugier und Urteilsvermögen. Besonders im Umfeld von Falschinformationen und Propaganda brauche es deshalb verlässliche, klare Unterscheidung zwischen Behauptung und Nachricht.

Funke-Verlegerin Julia Becker: Journalismus darf nie zur Kostenposition werden
Funke-Verlegerin Julia Becker: Journalismus darf nie zur Kostenposition werden (Foto: IT BOLTWISE)
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Julia Becker stellt in Berlin eine klare Priorität in den Mittelpunkt: Journalismus darf aus ihrer Sicht nicht zur reinen Kostenstelle degradiert werden. Als Verlegerin und Vorsitzende des Aufsichtsrats bei Funke formulierte sie auf einer Veranstaltung der Deutschen Presse-Agentur, dass Medienunternehmen, die „so denken und so rechnen“, dauerhaft nicht überleben würden. Dahinter steckt weniger ein moralischer Appell als eine harte betriebswirtschaftliche Logik: Redaktionen brauchen Ressourcen nicht als Selbstzweck, sondern um Inhalte in einer Qualität zu liefern, die für zahlende Nutzerinnen und Nutzer überhaupt als nutzbar gilt.

Beckers Argumente lassen sich auch als Versuch lesen, ein verbreitetes Kalkül der vergangenen Jahre zu korrigieren: Wenn Verlage journalistische Arbeit nur über Ausgaben steuern, verlagert sich die Erfolgsdefinition auf kurzfristige Sparquoten statt auf die Fähigkeit, Themen zuverlässig aufzubereiten. Genau an diesem Punkt greift ihre Aussage, Menschen seien bereit, für Journalismus zu bezahlen, sobald er „einen echten Mehrwert“ biete. In der Praxis bedeutet das, dass sich Erlösmodelle wie Abonnements, Premium-Artikel oder thematische Angebote immer an der redaktionellen Substanz messen lassen müssen: Recherche, Faktenprüfung und nachvollziehbare Einordnung sind die Grundlage dafür, dass ein Produkt wie ein wiederkehrender Nutzen wirkt und nicht wie ein einmaliger Konsumimpuls.

Technisch betrachtet ordnet Becker den Einfluss von KI in einen länger laufenden Wandel der Medienproduktion ein. KI bedrohe den Journalismus nach ihrer Einschätzung nicht grundsätzlich, weil technologische Entwicklung Redaktionsarbeit schon immer verändert habe. Sie nennt konkrete Funktionen, bei denen Automatisierung real spürbar helfen kann: KI kann Redaktionen bei der Recherche unterstützen, große Datenmengen auswerten, Sachverhalte visualisieren oder Texte korrigieren. Entscheidend ist dabei ihre Abgrenzung: Was maschinell erzeugt oder aggregiert werden kann, bleibt bei ihr stets „Assistenz“ – und menschliche Neugier, Gespür sowie journalistisches Urteilsvermögen sollen weiterhin die Qualitätsgrenze definieren.

Gerade vor dem Hintergrund von Falschinformationen und Propaganda gewinnt diese Trennung aus ihrer Sicht an Gewicht. Wenn heute „jeder selbst zum Sender werden“ kann, steigen Menge und Geschwindigkeit dessen, was sich als Nachricht tarnen lässt. Dann reicht reine Produktionstätigkeit nicht mehr aus; gefordert ist das kontinuierliche Handwerk, Behauptungen von Tatsachen zu unterscheiden und Inszenierung von Wirklichkeit zu trennen. Für Unternehmen heißt das: KI-gestützte Workflows dürfen die Faktenprüfung nicht verkürzen, sondern müssen sie inhaltlich stützen – zum Beispiel indem sie Quellenanalyse, Konsistenzchecks oder Explainer-Visualisierungen beschleunigen, während am Ende redaktionelle Verantwortungslogik entscheidet.

Ein weiterer Schwerpunkt ihres Auftritts war Selbstkritik im Blick auf die Berichterstattung über Ostdeutschland. Becker hatte bereits Anfang September beim Stiftungstag der Brost-Stiftung angemahnt, dass zu lange „vom Osten“ wie von einer gesellschaftlichen Sonderkategorie gesprochen worden sei. Ein westdeutsch geprägter Blick könne dazu beitragen, dass sich Menschen dort nicht ausreichend verstanden fühlten. Wichtig ist: Sie fordert dabei keinen Entzug von Kritik, sondern eine präzisere Haltung. Parteiprogramme müssten genau geprüft und Politiker kritisch befragt werden – gerade weil verkürzte Erzählmuster Vertrauen beschädigen und zugleich Fehlannahmen in Debatten festschreiben können.

Für Medienhäuser ergibt sich daraus ein doppelter Steuerungsansatz. Einerseits sollen Kostenentscheidungen stärker an Qualitätsmetriken gekoppelt werden: Wie schnell und gründlich werden Fakten überprüft, wie belastbar sind Einordnungen, und wie transparent wird redaktionelle Verantwortung sichtbar? Andererseits müssen KI-Prozesse organisatorisch so eingebettet sein, dass sie die Arbeit nicht in eine „Automations-Standardform“ drängt, sondern den redaktionellen Kern stärkt. In der Wettbewerbsrealität wirkt das besonders, weil sich viele Angebote inzwischen technisch ähnlicher werden – die Differenz entsteht dann über Vertrauen, Recherchetiefe und Urteilsfähigkeit, nicht über das bloße Output-Volumen. Becker liefert damit weniger eine kurzfristige Spar- oder Investitionsformel als einen Rahmen, wie Medienunternehmen ihre Zukunftsfähigkeit über journalistische Substanz sichern können.

Auch wenn ihre Aussagen klar formuliert sind, bleibt die Umsetzung anspruchsvoll. KI kann für den Alltag in Redaktionen sehr konkret werden, etwa bei der schnellen Sichtung großer Dokumentmengen oder beim Vorschlagen von Formulierungen und Korrekturen. Gleichzeitig verlangt der Umgang mit KI klare Rollen: Wer entscheidet im Zweifel, welche Quelle zählt, welche Kontextinformation fehlt, und wann ein Faktenergebnis nicht ausreicht? Wenn diese Verantwortung unklar wird, droht das Produkt Journalismus an Glaubwürdigkeit zu verlieren – und genau dagegen argumentiert Becker. Für Entscheiderinnen und Entscheider ist damit die zentrale Frage: Werden KI-Investitionen als Mittel zur Qualitätssteigerung verstanden, oder als Ersatz für die redaktionelle Arbeit, die am Ende über Bestand oder Untergang entscheidet?


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