DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Für rund 12.000 Beschäftigte der 83 Galeria-Filialen rückt die Frage nach erneutem Insolvenzgeld in den Fokus. Der Antrag wurde laut Berichten gestellt, damit die Gelder über eine Bank vorfinanziert und schneller ausgezahlt werden können. Kritiker verweisen auf die Umlagefinanzierung, die nicht aus Steuermitteln stammt und damit auch Wettbewerber belastet. Unklar bleibt, wann die Bundesagentur für Arbeit entscheidet und ob formale Hürden diesmal wirklich greifen.

Für die Beschäftigten der 83 Galeria-Filialen bekommt das Insolvenzverfahren eine neue Dimension: Hinter der erneuten Insolvenzmeldung stehen nicht nur Arbeitsplätze und Zahlungsfähigkeit, sondern auch die Frage, ob Insolvenzgeld diesmal tatsächlich fließt. Das Amtsgericht Düsseldorf hatte dem Unternehmen am vergangenen Freitag den Weg in ein weiteres Insolvenzverfahren eröffnet. Nach den Angaben im Bericht betrifft das potenziell 12.000 Beschäftigte. Damit stellt sich in kürzester Zeit die Erwartungslage neu, denn Insolvenzgeld ist für viele Betroffene vor allem deshalb entscheidend, weil es offene Löhne und Gehälter in einem konkreten Schutzfenster abfedern kann.
Im Kern dreht sich der Konflikt um die Rechtsfrage, ob die Voraussetzungen für Insolvenzgeld trotz einer Vorgeschichte erfüllt sind. Als problematisch gilt die übliche Regel, weil die Zahlungsunfähigkeit aus der zurückliegenden Insolvenz aus dem Jahr 2024 nicht endgültig beendet gewesen sei. Mehrere Insolvenzrechtsexperten sehen darin grundsätzlich einen Ausschlussgrund, da das Unternehmen nach bisheriger Rechtsauffassung noch in einer sogenannten Planüberwachung gestanden habe. Genau an dieser Stelle setzt jedoch eine formale Unterscheidung an: Die 2024 insolvent gegangene Galeria Karstadt Kaufhof GmbH existiere zwar weiterhin, die Geschäftstätigkeit sei aber inzwischen auf eine andere Gesellschaft übertragen worden, die Galeria S.à r.l. & Co. KG. Laut den Einträgen in den Insolvenzregistern der Amtsgerichte Düsseldorf und Essen befinde sich diese juristische Person nicht in der Planüberwachung.
Aus dieser juristischen Zuweisung ergibt sich für die Beschäftigten ein realer Hebel: Wenn Insolvenzgeld an die betroffene Gesellschaft und nicht an die zurückliegende Insolvenz anknüpft, könnte die Leistung formaljuristisch doch möglich sein. Der vorläufige Insolvenzverwalter Frank Kebekus soll die Zahlung von Insolvenzgeld beantragt haben, um die Auszahlung zu beschleunigen. Geplant ist offenbar eine Vorfinanzierung über eine Bank, sodass die Gelder nicht erst bis zum Abschluss der internen Prüfschritte vollständig auflaufen müssen. Für die Betroffenen wäre das vor allem im Liquiditätszeitraum ein Unterschied: Während reguläre Kündigungs- und Zahlungszyklen häufig Wochen dauern, zielt Insolvenzgeld auf eine raschere Stabilisierung des Haushalts ab.
Finanziell bewegt sich das Verfahren in einem spürbaren Rahmen. Den Angaben zufolge liegen die Gehälter derzeit bei knapp 25 Millionen Euro pro Monat. Gleichzeitig ist Insolvenzgeld über eine Umlagefinanzierung organisiert: Es wird nicht aus Steuermitteln oder Beitragsmitteln gespeist, sondern von Arbeitgebern getragen. Das bedeutet auch, dass Wettbewerber der Warenhauskette indirekt zur Finanzierung beitragen. Die Bundesagentur für Arbeit kalkuliert für das Jahr 2026 insgesamt 1,5 Milliarden Euro für Insolvenzgeld; im vergangenen Jahr lagen die Ausgaben bei 1,7 Milliarden Euro. Schon in den bisherigen Insolvenzwellen seit 2020 seien an die Galeria-Beschäftigten aus diesem Topf dreistellige Millionenbeträge ausgezahlt worden.
Damit wird zugleich sichtbar, warum die Debatte über ein „erneutes Insolvenzgeld“ nicht nur eine Frage der Betroffenen ist, sondern auch eine der Systematik. Für Gewerkschaften und Beschäftigte ist die Erwartung verständlich: Insolvenzgeld kann den Zeitraum überbrücken, in dem Unternehmen zwar rechtlich insolvent sind, aber Lohnzahlungen aus eigener Kraft nicht mehr leisten können. Aus anderer Perspektive wird jedoch argumentiert, dass die Umlagefinanzierung eine Belastung für den gesamten Arbeitgebersektor darstellt, also auch für Unternehmen, die selbst nicht in die Krise geraten sind. Diese Spannung prägt jedes Verfahren, bei dem ein weiterer Antrag die Diskussion neu anstößt – unabhängig davon, wie stark die formale juristische Argumentation im Einzelfall ist.
Für Unternehmen und HR-Verantwortliche in anderen Branchen ist die Situation zudem ein Signal, wie stark juristische Details über den Ausgang entscheiden können. Die Übertragung von Geschäftstätigkeit auf eine andere Gesellschaft und deren Status in Verfahren wie Planüberwachung kann darüber entscheiden, ob Leistungen aus dem Insolvenzgeldsystem greifen. Gleichzeitig bleibt der Zeitpunkt offen: Wann die Bundesagentur für Arbeit eine Entscheidung trifft, ist laut Bericht noch nicht festgelegt, erwartet wird jedoch eine kurzfristige Klärung. Bis dahin bleibt für die Beschäftigten vor allem die praktische Ungewissheit, während die rechtliche Einordnung bereits die Richtung vorgeben könnte.
In der Praxis lohnt sich für Zulieferer, Logistikpartner und Betriebsverantwortliche ebenfalls der Blick auf solche Verfahren, weil Insolvenzgeld zwar Löhne absichert, aber den Gesamtablauf trotzdem nicht „glättet“. Es kann Liquidität bei Beschäftigten stabilisieren, doch der laufende Betrieb, die Umstellung auf alternative Strukturen und die Frage nach laufenden Vertragsverhältnissen setzen sich davon unabhängig fort. Genau deshalb sollten Arbeitgeber, die selbst Restrukturierungen planen oder finanzielle Risiken früh erkennen, ihre Prozesse zur Insolvenzdokumentation und zur Kommunikation mit Beschäftigten eng an den rechtlichen Zeitplan koppeln. Für den aktuellen Fall bei Galeria entscheidet sich nun, ob die formale Trennung der Gesellschaften tatsächlich den Weg für Insolvenzgeld frei macht.
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