DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Warenhauskette Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf erneut die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Das Unternehmen will den Geschäftsbetrieb vorerst in 83 Filialen fortführen und den rechtlichen Rahmen für eine Stabilisierung schaffen. Im Fokus stehen jetzt die Gehaltszahlungen für die kommenden Monate sowie die Frage, ob Beschäftigte Insolvenzgeld erhalten. Benannt wurde ein vorläufiger Insolvenzverwalter, während offen bleibt, welche Standorte geschlossen werden könnten.

Galeria steht erneut unter Insolvenzschutz: Die Warenhauskette hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Gleichzeitig signalisiert das Unternehmen, dass der Geschäftsbetrieb in den 83 Filialen vorerst weiterlaufen soll. Diese Kombination aus Antrag und vorläufigem Weiterbetrieb ist für die Praxis entscheidend, weil sie Zeit verschafft, um Gläubigerinteressen, laufende Miet- und Personalkosten sowie mögliche Verkäufe einzelner Standorte parallel zu ordnen. Für die Beschäftigten ist das allerdings nur der erste Schritt; zentrale Fragen betreffen Gehaltszahlungen, den Umgang mit Planungen vor Ort und die Absicherung über Insolvenzgeld.
Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich nach 2020, 2022 und 2024 um den vierten Insolvenzantrag innerhalb von sechs Jahren. Damit wird nicht nur ein einzelner Liquiditätsengpass sichtbar, sondern ein Muster, das auf strukturelle Schwächen des Warenhausmodells verweist. Unklar ist zunächst, welche Standorte am Ende betroffen sein könnten. Rund 12.000 Beschäftigte wurden am Freitagvormittag informiert und müssen nun damit rechnen, dass die nächsten Wochen über Beschäftigung, Einsatzbereiche und mögliche Schließungen entscheiden. Auch das Thema Insolvenzgeld bleibt offen: Das Amtsgericht Essen hat die Planüberwachung aus dem vorherigen Verfahren bislang nicht aufgehoben, und die Bundesagentur für Arbeit geht in solchen Konstellationen nach eigener Einschätzung mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass erneut nicht automatisch Insolvenzgeld gezahlt wird; maßgeblich sei jedoch die Einzelfallprüfung.
Im Verfahren wurde bereits ein vorläufiger Insolvenzverwalter benannt: Frank Kebekus soll die Phase bis zu einer endgültigen Entscheidung koordinieren. Kebekus war nach Angaben der Mitteilung auch in den vorherigen Insolvenzverfahren von 2020 und 2022 als Sachwalter beteiligt. Gerade in wiederkehrenden Verfahren wird diese Rolle für die operative Steuerung besonders relevant, weil der Verwalter frühzeitig klären muss, welche Verträge fortgeführt werden können und wo die Zahlungsströme realistisch stabilisierbar sind. Laut interner Mitteilung liegt die oberste Priorität auf der Sicherung der Gehaltszahlungen für die kommenden Monate. Der Gesamtbetriebsrat fordert Aufklärung und will den Fortbestand und den Erhalt von Arbeitsplätzen aktiv unterstützen. Auch die Gewerkschaft sieht vor allem eine zunehmende Unsicherheit für die Belegschaft und verlangt schnelle Klarheit über den weiteren Weg.
Hinter der aktuellen Lage steht auch ein verändertes Eigentümer- und Kapitalumfeld. Seit Sommer 2024 gehört Galeria der US-Investmentgesellschaft NRDC sowie einer Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz. Bereits zuvor war die jüngste Insolvenz unter dem damaligen Namen Galeria Karstadt Kaufhof beantragt worden, ausgelöst durch die Schieflage des Mutterkonzerns Signa. Damals mussten neun von 92 Warenhäusern schließen. Zusätzlich wanderten Marken und Struktur: Die Namen Kaufhof und Karstadt verschwanden aus dem Firmennamen, und der Sitz wechselte von Essen nach Düsseldorf. In der Praxis bedeutet das: Eigentümerwechsel allein lösen selten die operativen Probleme, wenn Mieten, Warenbeschaffung, Filialstandorte und Umsätze nicht gleichzeitig stabilisiert werden.
Die wirtschaftliche Drucklage zeigte sich zuletzt in den Finanzierungsschritten und den Signalen aus dem Vermietermarkt. Im April 2026 beklagten mehrere Vermieter ausbleibende Mietzahlungen; Galeria verwies dabei auf Liquiditätsschwankungen und bat um Stundungen. Im Juni erhielt das Unternehmen eine Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro von Gordon Brothers, um unter anderem auslaufende Kredite abzulösen und offene Mietzahlungen zu begleichen. Diese Finanzierung war an einen über drei Jahre angelegten Sanierungsplan geknüpft, der wiederum weitere Schließungen vorsah. Im Juli stellte Galeria 33 Warenhäuser auf den Prüfstand und kündigte Verhandlungen über Mietkonditionen an; ohne tragfähige Lösungen sei die Fortführung einzelner Filialen gefährdet. Das deckt sich mit einem Kernproblem vieler Innenstadthäuser: Hohe Fixkosten für große Verkaufsflächen treffen auf eine schwächere Flächenrentabilität, während sich Kundengewohnheiten stärker in den Onlinehandel verlagern.
Dazu kommt der Bedeutungsverlust des stationären Warenhaussegments. Nach Angaben des EHI sank der Nettoumsatz von Galeria Karstadt Kaufhof von 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2019 auf rund 2 Milliarden Euro zuletzt. Parallel schrumpfte die Zahl der Filialen von 174 auf weniger als die Hälfte. Auch die Marktsituation zeigt die Breite des Problems: Der Marktanteil von Kauf- und Warenhäusern ging seit 2000 laut EHI von 4,2 auf zuletzt 1,2 Prozent zurück. Verschärft wird das durch eine Gesamtlage im Einzelhandel: Schwache Konsumstimmung und wachsender Onlinehandel belasten die Branche. Zwischen Juni 2025 und Mai 2026 wurden nach Angaben von Allianz Trade gut 2.600 Einzelhändler in die Insolvenz gezwungen, ein Zehnjahreshoch. Betroffen sind dabei nicht nur klassische Warenhäuser, sondern auch andere Handelsformate. Branchenprognosen zufolge dürfte die Zahl der Geschäfte in Deutschland in diesem Jahr unter 300.000 sinken, nach einem Stand von rund 372.000 Ende 2015.
Die Insolvenz beantragt erneut und damit innerhalb kurzer Zeit deutet auf einen Sanierungsdruck hin, der die strukturellen Probleme nicht dauerhaft gelöst hat. Galeria hat das Filialnetz seit 2019 bereits von 174 auf 83 Standorte verkleinert; Umsatzverluste blieben aber bestehen. Entscheidend wird nun, ob ein Investor Kapital bereitstellt und zugleich ein belastbares Konzept für einzelne Häuser liefert. Handelsexperten wie Johannes Berentzen rechnen unter veränderten Bedingungen damit, dass 40 bis 50 Standorte fortführungsfähig sein könnten, während eine Rückkehr zum früheren Vollsortiment nicht als realistische Perspektive gilt. Für Städte, Vermieter und Beschäftigte sind die Auswirkungen damit mehrdimensional: Kundenfrequenz und Nachnutzung großer Innenstadtflächen stehen ebenso auf dem Spiel wie die Frage, wie schnell Arbeitsplätze gesichert oder umgebaut werden können. In dieser Phase zeigt sich auch, wie wichtig ein präziser Daten- und Planungsrahmen ist: In der KI-gestützten Steuerung von Warendisposition, Standortbewertung und Prozesskosten kann zwar unterstützt werden, doch ohne tragfähige Miet- und Umsatzannahmen bleibt auch die beste Optimierung bei wiederkehrenden Liquiditätsproblemen begrenzt.
Für die nächsten Entscheidungen im Verfahren wird es deshalb weniger um das „Ob“ als um das „Wie“ gehen: Welche Zahlungsverpflichtungen lassen sich in der vorläufigen Phase priorisieren, welche Verträge werden umgestellt, und wo wird durch Verkäufe oder Teilfortführungen ein nachhaltiger Betrieb möglich? Medienberichte ordnen den Schritt vor allem als erneuten Prüfpunkt für das rechtliche Vorgehen und die Finanzierungslage ein, wobei die Schwerpunkte je nach Perspektive variieren. Klar ist aber: Der Ausgang entscheidet über Standorte, über die Nachnutzung von Flächen und über die konkrete Zukunft der rund 12.000 Beschäftigten. Bis dahin bleibt die Unsicherheit ein zentraler Faktor, insbesondere solange Planüberwachung und Insolvenzgeld-Fragen nicht eindeutig beantwortet sind.
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