LONDON (IT BOLTWISE) – Gilead Sciences weist im zweiten Quartal einen Verlust von 8,45 US-Dollar je Aktie aus. Der Grund ist jedoch vor allem ein massiver Bilanzposten aus Acquired-IPR&D-Aufwendungen von 11,2 Milliarden US-Dollar im Zusammenhang mit mehreren Zukäufen. Parallel dazu wächst das HIV-Geschäft deutlich: Der Gesamtumsatz steigt um 10 Prozent auf 7,8 Milliarden US-Dollar, während das HIV-Portfolio um 12 Prozent auf 5,7 Milliarden US-Dollar zulegt. Auch die Jahresprognose wird im Kerngeschäft angehoben, obwohl das COVID-Medikament weiter stark einbricht.

Auf den ersten Blick wirkt der Quartalsverlust bei Gilead Sciences wie ein klassisches Signal für operativen Druck: 8,45 US-Dollar Verlust je Aktie stehen in der Ergebniszeile. Doch die eigentliche Story spielt sich in den Details ab. Denn der ausgewiesene negative Ausweis entsteht nahezu vollständig durch sogenannte Acquired-IPR&D-Aufwendungen in Höhe von 11,2 Milliarden US-Dollar. Diese Kostenblöcke hängen mit jüngsten Übernahmen zusammen und blenden damit das ab, was das Unternehmen in den Produktlinien gerade leistet: Das operative Geschäft wächst spürbar, während die Bilanz durch die Kaufpreisallokation vorübergehend belastet wird.
Im zweiten Quartal kletterte der Gesamtumsatz um 10 Prozent auf 7,8 Milliarden US-Dollar und lag damit über den Erwartungen der Analysten. Der zentrale Wachstumstreiber bleibt das HIV-Portfolio, das um 12 Prozent auf 5,7 Milliarden US-Dollar zulegte. Besonders Biktarvy, weiterhin das umsatzstärkste Mittel im Portfolio, wuchs um 7 Prozent auf 3,8 Milliarden US-Dollar. Auch Descovy beschleunigte deutlich: Hier meldet Gilead ein Plus von 48 Prozent auf 967 Millionen US-Dollar. Mit Blick auf die Präventionsstrategie sticht zusätzlich Yeztugo hervor: Die neue PrEP-Injektion erzielte 232 Millionen US-Dollar im Quartal und übertraf damit die Markterwartungen, was das Ziel von einer Milliarde US-Dollar Jahresumsatz stützt.
Auch außerhalb des HIV-Bereichs zeigt sich eine solide Dynamik, allerdings mit einer anderen Gewichtung. Das Leberkrankheiten-Portfolio stieg um 10 Prozent auf 877 Millionen US-Dollar. Trodelvy legte um 26 Prozent auf 457 Millionen US-Dollar zu, während die Zelltherapien zuletzt etwas Gegenwind bekamen: Yescarta und Tecartus zusammen verloren 14 Prozent auf 417 Millionen US-Dollar. Als Ursache nennt die Meldung zunehmenden Wettbewerb in diesem Segment. Für Unternehmen und Investoren ist diese Mischung wichtig: Sie signalisiert, dass die Wachstumsmaschine nicht nur auf eine einzelne Produktkategorie reduziert ist, aber zugleich zeigt der Wettbewerb in der Onkologie, dass Skaleneffekte und Marktanteile nicht automatisch dauerhaft sind.
Die Bilanzwirkung der Übernahmen lässt sich in der Ergebnisrechnung relativ konkret nachvollziehen. Neben den Acquired-IPR&D-Aufwendungen summiert sich die Belastung inklusive Steuereffekten auf 9,08 US-Dollar je Aktie. Gleichzeitig liefert die Cashflow-Seite ein anderes Bild: Der operative Cashflow lag bei 3,6 Milliarden US-Dollar. Daraus zahlte Gilead rund eine Milliarde US-Dollar an Dividenden aus und kaufte Aktien im Volumen von 355 Millionen US-Dollar zurück. Auch beim Non-GAAP-Wert zeigt sich, dass der Kern weniger dramatisch ist als die GAAP-Zahl vermuten lässt: Der Non-GAAP-Verlust betrug 6,75 US-Dollar je Aktie und fiel damit geringer aus, als von Analysten befürchtet.
Für das laufende Jahr hat Gilead die Guidance im Kernbereich nach oben angepasst. Beim Gesamtproduktumsatz erwartet der Konzern nun 30,1 bis 30,4 Milliarden US-Dollar, also etwas mehr als zuvor in Aussicht gestellt. Deutlich fällt die Anhebung dagegen im Kerngeschäft ohne das COVID-Medikament Veklury aus: Hier rechnet Gilead jetzt mit 29,8 bis 30,1 Milliarden US-Dollar. Veklury selbst verliert hingegen weiter an Bedeutung. Der Umsatz brach im Quartal um 81 Prozent auf 23 Millionen US-Dollar ein; für das Gesamtjahr nennt Gilead nur noch rund 300 Millionen US-Dollar. Der Grund wird mit spürbar weniger COVID-bedingten Krankenhauseinweisungen erklärt. Genau dieses Auseinanderlaufen von Wachstum im Kerngeschäft und Gegenwind im Restgeschäft prägt aktuell die kurzfristige Planbarkeit der Ergebnisentwicklung.
Der Blick in die Pipeline liefert weitere Nuancen. Positiv sind Phase-3-Ergebnisse aus den ISLEND-Studien zur wöchentlichen HIV-Kombination aus Islatravir und Lenacapavir. Darüber hinaus nennt das Unternehmen eine beschleunigte FDA-Zulassung für Hepcludex bei Hepatitis D. Solche regulatorischen Fortschritte können für die Marktpositionierung entscheidend sein, weil sie die Zeit zwischen Studienerfolg und kommerzieller Umsetzung verkürzen. Gleichzeitig bleibt ein Rückschlag bestehen: Die EVOKE-03-Studie wurde eingestellt, in der Trodelvy in Kombination mit Keytruda bei fortgeschrittenem Lungenkrebs getestet wurde. Für die kommenden Quartale bleibt damit zweierlei entscheidend: Erstens, ob die milliardenschweren Übernahmen von Arcellx, Tubulis und Ouro Medicines in neue Umsatzquellen übersetzen. Zweitens, ob das operative Kerngeschäft seine zweistellige Wachstumsrate im aktuellen Tempo halten kann, während die Konkurrenz in den Zelltherapien weiter Druck ausübt.
Unterm Strich zeigt die Meldung ein Muster, das in der Biotech- und Pharma-Branche häufig die Wahrnehmung verzerrt: Ein großer Bilanzposten kann das Ergebnis optisch in Richtung Verlust ziehen, obwohl das Produktgeschäft gleichzeitig zulegen kann. Für Entscheider in Unternehmen bedeutet das vor allem, dass Kennzahlen wie Non-GAAP, Cashflow und Segmentwachstum im Zusammenspiel gelesen werden müssen, statt sich ausschließlich an der GAAP-Zahl festzubeißen. Wer die nächste Entwicklung einschätzen will, schaut daher auf die Umwandlung von Zukäufen in wiederkehrende Einnahmequellen, auf die weitere Integration der Pipeline-Assets sowie auf die Frage, ob sich der Wettbewerb in umkämpften Therapiefeldern durch Differenzierung oder Marktrotation abfedern lässt.
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