LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – Gold hat die Marke von 4.100 US-Dollar deutlich unterschritten und damit nach mehreren Gewinntagen eine scharfe Gegenbewegung erlebt. Steigende Ölpreise und anziehende Anleiherenditen erhöhen die Wahrscheinlichkeit weiterer Zinsschritte. Für viele Investoren fehlt damit die typische Unterstützung durch den sicheren Hafen. Gleichzeitig kaufen Zentralbanken weiter – während der Markt nun auf die nächste Fed-Entscheidung blickt.

Gold hat am Donnerstag spürbar nachgegeben und ist klar unter 4.100 US-Dollar gefallen. Nach vier Handelstagen mit Kursgewinnen setzte eine Verkaufswelle ein, die sich nicht allein mit geopolitischen Schlagzeilen erklären lässt: Steigende Ölpreise, festere Anleiherenditen und die Erwartung, dass die US-Notenbank die Zinsen möglicherweise weiter anheben könnte, drücken auf den Preis. Aktuell notiert das Edelmetall bei 4.062,30 US-Dollar und verliert damit 1,76 Prozent innerhalb eines Tages; der Schlusskurs vom Vortag lag noch bei 4.135,00 US-Dollar.
Auf den längeren Zeithorizont betrachtet bleibt der Druck ebenfalls sichtbar. In der Jahresbetrachtung steht Gold mit minus 6,25 Prozent weiterhin im roten Bereich. Besonders auffällig ist der Abstand zum Rekordhoch von 5.626,80 US-Dollar Ende Januar: Dieser Rückstand liegt inzwischen bei 27,80 Prozent. Auch die kurzfristige Schwäche lässt sich anhand des 50-Tage-Durchschnitts ablesen. Mit 4.253,12 US-Dollar liegt der aktuelle Kurs 4,49 Prozent darunter, ein Signal, das Trader häufig als Hinweis auf eine noch nicht überwundene Konsolidierung interpretieren.
Technisch und makroökonomisch rückt in dieser Phase vor allem das Zusammenspiel aus Energie- und Zinsseite in den Vordergrund. Als unmittelbarer Belastungsfaktor wird die eskalierende Lage im Nahen Osten genannt: Laut Berichten führte das US-Militär mehrere Nächte in Folge Angriffe auf iranische Ziele durch, während der Iran mit Vergeltung drohte. Zudem wird beschrieben, dass iranisch unterstützte Huthi-Rebellen zwei saudische Öltanker im Roten Meer angegriffen hätten – eine zusätzliche Eskalationsfront neben der Straße von Hormus. Der Effekt zeigt sich in den Energiepreisen: Brent steigt laut Angaben um 3,94 Prozent auf 97,77 US-Dollar je Barrel, was die Markterwartungen in Richtung höherer Inflationserwartungen verschieben kann.
Normalerweise gilt Gold als Absicherung in unruhigen Zeiten – doch diesmal überwiegt laut Marktlogik die Sorge vor steigenden Zinsen. Höhere Ölpreise können die Teuerungserwartungen anheizen; dadurch steigt aus Sicht vieler Marktteilnehmer die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die Zinsbremse nicht lockern wird. In den Renditen spiegelt sich das bereits: Für den Vorfeldkontext der EZB-Entscheidung wird eine Rendite zehnjähriger Bundesanleihen um 3,21 Prozent genannt, der höchste Stand seit 2011. Parallel werden zweijährige US-Renditen auf einem 17-Monats-Hoch verortet. Der Mechanismus dahinter ist für Edelmetalle besonders unangenehm: Gold wirft keine laufenden Zinsen ab, während höhere Renditen die Opportunitätskosten des Haltens erhöhen und so den Preis unter Druck setzen.
Auch bei den Einschätzungen rund um eine potenzielle Erholung bleibt die Stimmung vorsichtig. In der Berichterstattung wird erwähnt, dass mehrere Institute vor einer nachhaltigen Gegenbewegung bei Gold und Silber gewarnt haben. BofA verweist demnach auf ein sogenanntes Todeskreuz als technisches Warnsignal, während UBS die Einstiegsmarke für Silber von zuvor 55 auf 48 bis 50 US-Dollar gesenkt habe. Citi habe zudem das Drei-Monats-Ziel für Gold reduziert und vor einem möglichen Rückgang bis auf 3.500 US-Dollar gewarnt; BMO wiederum nennt eine gesenkte Prognose für den Durchschnittspreis im dritten Quartal von 4.625 US-Dollar. Dazu kommt ein Faktor, der in der Marktbeobachtung als ungewöhnlich dynamisch beschrieben wird: Seit Beginn des Iran-Konflikts Ende Februar habe Gold zeitweise rund 22 Prozent verloren – mit einer Geschwindigkeit, die mancher Beobachter als schnellsten Rückgang seit 2008 einordnet. Bemerkenswert ist dabei auch die Aussage, die Bewegung des Goldpreises sei mit dem technologielastigen Nasdaq mit 0,91 korreliert, was eher auf Liquiditäts- und Zinssorgen hindeute als auf eine klassische “Flucht in sichere Häfen”.
Trotz der Schwäche bleibt die Nachfrage aus dem offiziellen Sektor ein stabilisierendes Element. Zentralbanken halten demnach an ihren Käufen fest: Die chinesische Zentralbank habe im zweiten Quartal weitere 480.000 Feinunzen erworben und damit ihre Zukaufsserie auf 20 Monate in Folge ausgebaut. Die Reserven werden mit 75,44 Millionen Unzen beziffert. Eine Umfrage des World Gold Council wird mit dem Hinweis zitiert, dass 45 Prozent der Zentralbanken weitere Käufe planen, während es zugleich Gegenbewegungen gibt: Die türkische Zentralbank habe im ersten Halbjahr 81 Tonnen Gold verkauft, und Polen gilt im gleichen Zeitraum als größter Nettokäufer unter den Notenbanken. Für den nächsten Kurstreiber sorgt daher vor allem das Timing: Im Fokus steht nun die Fed-Sitzung der kommenden Woche. Zwar wird verbreitet mit einer Zinspause gerechnet, Terminmärkte preisen aber zumindest weitere Erhöhungen bis Jahresende ein. Entsprechend erwarten Marktbeobachter, dass sich Gold bis zur Entscheidung in einer engen Spanne zwischen etwa 4.070 und 4.200 US-Dollar bewegen könnte, wobei die Entwicklung des US-Dollars als entscheidender Faktor gilt.
Wichtig ist dabei die Einordnung für den Umgang mit solchen Bewegungen: Die beschriebenen Informationen dienen ausschließlich der Einordnung von Marktereignissen und stellen keine Anlage- oder Finanzberatung dar. Wer Kapitalentscheidungen trifft, sollte die eigene Situation mit qualifizierten Fachleuten besprechen und dabei insbesondere das Risiko-Ziel sowie den Anlagehorizont berücksichtigen.
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