LONDON (IT BOLTWISE) – Goldman Sachs stuft Johnson & Johnson, Eli Lilly und Merck & Co. als Pharmafavoriten ein, obwohl der Biotech-Sektor durch höhere Zinsen unter Druck stehen kann. Analyst Asad Haider verweist auf konstruktive Aussichten bis 2027 und betont vor allem Produktzyklen sowie Pipeline-Fortschritte. Bei J&J stehen Tremfya, die Tablette Icotyde gegen Schuppenflechte sowie weitere Kandidaten im Fokus. Bei Merck rückt der Patentablauf von Keytruda in den Mittelpunkt, abgefedert durch Fortschritte bei Intismeran autogene und anderen Onkologie-Ansätzen.

Goldman Sachs bleibt im aktuellen Marktumfeld bei großen Pharmatitelnen vergleichsweise optimistisch und hebt drei Namen als Favoriten hervor: Johnson & Johnson, Eli Lilly und Merck & Co. Den Hintergrund bildet eine Situation, in der Biotech-Werte wegen steigender Zinsen besonders empfindlich auf Bewertungslogiken reagieren können. Während kleinere Unternehmen häufig auf abgezinste künftige Cashflows setzen, profitieren Großkonzerne eher von stabileren Produktzyklen und einer breiter gestreuten Umsatzbasis. Analyst Asad Haider, Managing Director bei Goldman Sachs im Global Investment Research, argumentiert dabei nicht gegen Gegenwind, sondern ordnet ihn in die eigene Bewertungs-Logik ein und richtet den Blick auf den Zeitraum bis 2027.
Technisch betrachtet spielt in solchen Bewertungen die Frage eine zentrale Rolle, wie stark Gewinnkennzahlen durch Kapitalmaßnahmen „geglättet“ werden können und wie verlässlich Umsatzerwartungen die operative Entwicklung widerspiegeln. Haider stellt daher Revisionen bei den Umsatzschätzungen in den Vordergrund, weil Pharmakonzerne Ergebnisse in der Außendarstellung oft auch über Aktienrückkäufe und Kostensenkungen verbessern können. Genau darauf zielt seine Titelauswahl: Unternehmen sollen Produktzyklen haben, die laufende Umsätze stützen, statt dass die These zu stark an einzelnen, schwer planbaren Ereignissen hängt. Parallel nennt er makroökonomische Treiber, die für den Biotech-Sektor typischerweise ungünstig sind – nämlich Zinssteigerungen und damit höhere Renditen – sowie politische Unsicherheiten rund um die US-Zwischenwahlen, die sich indirekt auf die Bereitschaft zu Übernahmen auswirken können.
Innerhalb der großen Konzerne fällt die Begründung für Johnson & Johnson deutlich anders aus als für die übrigen beiden Titel. Bei J&J verweist Haider auf das aktuelle Portfolio und betont zugleich die Pipeline als starkes Gesamtpaket. Besonders konkret wird das anhand der Quartalszahlen vom 13. Oktober: Der Konzernumsatz stieg im dritten Quartal 2026 um 5,9 Prozent auf 25,4 Milliarden US-Dollar, nach 24,0 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Zusätzlich hob das Management die Jahresprognose an. Beim Immunologiemittel Tremfya nennt Haider zudem einen spürbaren Wachstumsschub: Tremfya legte im Vorjahresvergleich um 68 Prozent auf 2,4 Milliarden US-Dollar zu.
Auch operative Neuerungen im Portfolio stützen die Argumentation. Goldman Sachs hat die Schätzungen nach ersten Kennzahlen zum Marktstart der Tablette Icotyde gegen Schuppenflechte angehoben; Haider ordnet die Wirksamkeit als ähnlich zu Biologika ein. Als weitere Impulse hebt er das Blasenkrebsmittel Inlexzo sowie das zugelassene Immunologiemittel Imaavy hervor, dem er über mehrere Anwendungsgebiete hinweg ein Potenzial von fünf Milliarden US-Dollar zutraut. Damit wird J&J in dieser Betrachtung weniger über kurzfristige Marktstimmung gesteuert, sondern über die Breite an Indikationen und die Fähigkeit, neue Produkte in bestehende Behandlungspfade einzubetten.
Bei Eli Lilly verlagert sich das Narrativ stärker auf den Wettbewerb jenseits des GLP-1-Dominiertums. Im Duopol mit Novo Nordisk sieht Haider Lilly weiterhin vorn – sowohl mit Zepbound und Mounjaro als auch mit der nächsten Generation. Gleichzeitig begrenzt er das, was GLP-1-Mittel leisten können, und leitet daraus ab, dass sich der Wettbewerb zunehmend auf neue Wirkmechanismen und Verträglichkeit verschiebt. Als Beispiele nennt er den Amylinkandidaten L-oralinatide, den er als potenziell führend innerhalb seiner Klasse beschreibt. Ebenso betrachtet er den Dreifachagonisten EloraTZP: Die Studiendaten der Phase 2 vom September 2026 sollen in dieser Kombination bis dahin die höchste Wirksamkeit gezeigt haben.
Spannend ist dabei der zweite Schritt der Argumentation: Goldman Sachs richtet sein Augenmerk laut Haider zunehmend auch auf das Geschäft abseits der Inkretine. Innerhalb eines Jahres sollen hierfür wichtige Studiendaten folgen, zudem mit einem Fokus, der auch in Richtung Onkologie weist. Ergänzend beschreibt Haider einen marktpsychologischen Faktor ohne direkten Fundament-Impuls: Die Kursentwicklung von Technologiewerten mit KI-Bezug und von Gesundheitsaktien laufe eher gegenläufig. Das kann Kapitalflüsse verstärken: Wenn Anleger verstärkt in Technologie wechseln, könnten Pharmaaktien kurzfristig sogar dann gebremst werden, wenn die operativen Fundamentaldaten stabil bleiben. Entscheidend bleibt deshalb, ob die nächsten Studiendaten die Marktfrage „Wie robust ist die Pipeline?“ konkret beantworten.
Am deutlichsten wird diese Pipeline-getriebene Logik bei Merck & Co., wo der Patentablauf von Keytruda als zentrales Risiko genannt wird. Für 2028 droht dadurch ein großer Umsatzverlust. Haider argumentiert jedoch, dass der Konzern diesen Einschnitt mit klugen Zukäufen abgefedert und in der Pipeline Fortschritte erzielt habe; das wachsende Vertrauen in die Strategie spiegele sich bei ihm weniger in höheren Umsatzschätzungen, sondern vor allem in geringeren Risiken. Im Zentrum steht der mit Moderna entwickelte individualisierte Krebsimpfstoff Intismeran autogene: Laut am 22. Oktober vorgelegten Daten der Phase 3 senkte die Kombination mit Keytruda bei Patienten mit operiertem Melanom das Risiko eines Rückfalls oder Todes um 42 Prozent gegenüber Keytruda allein. Daten zum Gesamtüberleben seien allerdings noch nicht ausgereift.
Daneben erwähnt Haider das Antikörper-Konjugat sac-TMT, das Merck in 18 Studien untersucht. Für Anleger übersetzt sich die gesamte These letztlich in eine konkrete Abfolge möglicher Datenpunkte: Nach dem Melanom erwartet er als Nächstes Daten zu Intismeran autogene bei Nierenkrebs, während J&J im Zuge der Quartalszahlen am 13. Oktober angekündigt hat, noch 2026 Daten zu Icotyde bei Psoriasisarthritis vorzulegen. Für alle drei Unternehmen wird außerdem beobachtet, ob die Umsatzschätzungen für 2027 nach oben angepasst werden. In diesem Setting wirkt der Zins- und Stimmungsfaktor zwar als Belastung für Bewertungen, doch die Investment-Logik von Goldman Sachs setzt auf etwas anderes: auf die Frage, ob Produktzyklen und Studiendaten die Risiken so klein halten, dass sich die Kurse wieder an Fundamentaldaten orientieren können.
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