LONDON (IT BOLTWISE) – Goldman Sachs sieht bei Gold vor allem Zentralbankkäufe als stabilisierenden Boden. Kurzfristig könnte jedoch der Einfluss potenzieller Fed-Zinserhöhungen den Preis dämpfen. Die Bank nennt für Mai rund 81 Tonnen Zentralbank-Nachfrage und leitet daraus eine Untergrenze für die Bewertung ab. Bis zur nächsten Fed-Entscheidung am 29. Juli wird sich zeigen, ob der Gegenwind tatsächlich nachlässt.

Gold rückt wieder in den Fokus, weil eine wichtige Käufergruppe nach Einschätzung von Goldman Sachs nicht bereit ist, sich aus dem Markt zu verabschieden. Im Kern lautet die These: Zentralbanken kaufen so, dass sie als Untergrenze für den Goldpreis wirken, selbst wenn kurzfristig restriktivere Zinserwartungen den Kurs drücken. Dass diese Rechnung aufgeht, hängt allerdings am Timing der Geldpolitik. Genau deshalb schauen Marktteilnehmer besonders auf die bevorstehende Fed-Zinsentscheidung am 29. Juli, die den kurzfristigen Rückenwind oder Gegenwind für Gold verstärken könnte.
Technisch betrachtet ist der Goldmarkt dabei ein klassisches Zusammenspiel aus Erwartungen, Opportunitätskosten und Portfolio-Mechanik. Gold konkurriert in der Wahrnehmung vieler Investoren mit zinsbringenden Anlagen, vor allem wenn die Fed eine höhere Rendite-Phase signalisiert. Steigen die erwarteten Realzinsen oder bleibt die nominale Verzinsung attraktiv, sinkt häufig die Dringlichkeit, Gold als Absicherung gegen geldpolitische Risiken zu halten. Goldman argumentiert deshalb gleichzeitig für einen kurzfristigen Bremseffekt und für eine mittel- bis längerfristige Stabilisierung, sobald der Markt die Wahrscheinlichkeit von Zinsschritten neu bewertet.
Die Datenbasis für die Zentralbank-These konkretisiert Goldman mit saisonbereinigten Vergleichswerten. Für Mai schätzt die Bank die Käufe der Zentralbanken auf rund 81 Tonnen; das entspreche auf einer saisonbereinigten Dreimonatsbasis etwa 67 Tonnen pro Monat. Damit liege die Nachfrage deutlich über dem Durchschnitt von 17 Tonnen pro Monat vor 2022. Für 2026 hält Goldman an durchschnittlich 50 Tonnen pro Monat fest, für 2027 an 40 Tonnen pro Monat. Als Signal wertet die Bank dabei auch die von ihr beobachtete Beschleunigung, bei der China laut Darstellung eine große Rolle spielt.
Im Wettbewerb der Einschätzungen bleibt jedoch Platz für Gegenpositionen. JPMorgan senkte laut dem vorliegenden Bankenvergleich sein Kursziel für das vierte Quartal 2026 um rund ein Viertel auf 4.500 US-Dollar je Feinunze. Bank of America warnte außerdem vor weiteren Rückgängen und verwies dabei auf Kursmuster aus den Hochphasen von 1980 und 2011. Damit ist Goldmans Zentralbanken-Argument zwar ein tragender Baustein, aber keine garantierte Kursrichtung. In der Praxis entscheidet die Gewichtung dieser Treiber: Zentralbank-Nachfrage stützt, während die kurzfristige Preisbildung oft durch Zinsnarrative und Liquiditätsbedingungen dominiert wird.
Goldman Sachs sieht genau diesen Mechanismus als zeitlich versetzt: Kurzfristig verringere sich die Nachfrage nach Gold als Absicherung, weil der Markt mögliche Zinserhöhungen der Fed bereits einpreist. Gleichzeitig erwartet die Bank, dass dieser Effekt wieder nachlässt, weil ihre eigenen Ökonomen für dieses Jahr keine Zinserhöhung erwarten. Mittelfristig verschiebt Goldman den Risikoblick jedoch eher nach oben bei der Preisprognose, unter anderem weil der Anteil von Gold in privaten Portfolios weiterhin gering sei. Dazu kommt die Möglichkeit, dass geopolitische Entwicklungen Diversifizierung nicht nur über Zentralbanken, sondern auch stärker in Richtung privater Anleger ausweiten.
Für die Märkte ist entscheidend, wie konsistent diese Annahmen mit dem aktuellen Preisniveau zusammenpassen. Goldman nennt als Anker die Diversifizierung von Notenbanken, besonders nachdem russische Reserven 2022 eingefroren wurden. Das soll dem Kursziel von 4.900 US-Dollar pro Feinunze zum Jahresende 2026 eine Grundlage geben. Zum Vergleich wird Gold am Freitag bei rund 3.395 US-Dollar gehandelt. Der Abstand zwischen aktueller Bewertung und Ziel impliziert, dass die Bank entweder eine anhaltend hohe Nachfrage, einen Abbau der kurzfristigen Zinsskepsis oder eine Kombination daraus erwartet. Für Analysten und Portfoliomanager bleibt das deshalb eng verknüpft mit der Frage, wie stark der Fed-Kommunikationsfaden die nächsten Wochen prägt.
Regulatorik und Compliance wirken in diesem Kontext indirekt, aber spürbar über Risikomanagement und Marktstruktur. Institutionelle Anleger müssen ihre Handels- und Absicherungsstrategien in vielen Fällen an interne Anlageleitlinien sowie an Pflichten zu Transparenz und Risikokontrolle koppeln. Bei Rohstoffen und insbesondere bei Absicherungspositionen wird zudem häufig dokumentiert, wie Kursrisiken (z. B. Wechselwirkungen mit Zinsen und Inflationserwartungen) im Portfolio gemanagt werden. Das betrifft nicht nur Banken, sondern auch Asset Manager. Eine stabile Zentralbank-Nachfrage kann in solchen Modellen als struktureller Faktor erscheinen, während Zinsentscheidungen als kurzfristige Volatilitätstreiber im Risikomodell abgebildet werden müssen.
Ausblick: Wenn die Fed am 29. Juli signalisiert, dass weitere Schritte weniger wahrscheinlich sind als der Markt derzeit einpreist, könnte der von Goldman erwartete kurzfristige Gegenwind für Gold tatsächlich abflauen. Umgekehrt würde eine hawkishe Überraschung das Narrativ „Zentralbanken als Boden“ zwar nicht widerlegen, aber die kurzfristige Preisfindung weiterhin dominieren. Für Unternehmen und Entwickler in der Enterprise-Welt bedeutet das auch: Rohstoffdaten, Zinskurven und Makroindikatoren sollten in KI-gestützten Treasury- oder Risikomodellen mit klaren Zeitfenstern verknüpft werden, statt nur langfristige Annahmen zu füttern. Die nächste Fed-Entscheidung liefert dafür vermutlich die nächste Messlatte, an der sich stützende Nachfrage und geldpolitischer Druck konkret gegeneinander testen lassen.
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