LONDON (IT BOLTWISE) – Value-Investor Jeremy Grantham sieht die SpaceX-Bewertung nach dem IPO als deutlich überzogen an und erwartet langfristig mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Rückschlag. Kurzfristig könnten aber Index-Effekte und ein knappes Free-Float-Angebot den Kurs noch stützen. Entscheidend sei aus seiner Sicht, ob die im Prospekt skizzierten KI-Fähigkeiten und Raumfahrtpläne die wirtschaftliche Realität tatsächlich erreichen. Damit trifft Grantham den Nerv einer breiteren Debatte: Fantasie gegen Fundamentals, besonders wenn KI-Komponenten die Bewertung tragen sollen.

Grantham warnt: SpaceX-Bewertung könnte sich als KI-Illusion entpuppen
Grantham warnt: SpaceX-Bewertung könnte sich als KI-Illusion entpuppen (Foto: IT BOLTWISE)
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Nach dem IPO von SpaceX am 12. Juni schiebt sich wieder eine alte, aber diesmal besonders große Frage in den Vordergrund: Wie viel Bewertung verträgt ein Unternehmen, dessen Zahlen stark von Verlusten geprägt sind, während die Story auf enorme Fortschritte in Künstlicher Intelligenz und ambitionierten Raumfahrtprojekten setzt? Jeremy Grantham, Mitgründer von GMO und lange als kompromissloser Value-Investor bekannt, bezeichnete die Platzierung in einem Interview als eine der auffälligsten Bewertungs-Entgleisungen der Kapitalmarktgeschichte. Laut dem Text liegt die Bewertung aktuell bei 1,85 Billionen US-Dollar (Stand: Schlusskurs vom 14. Juli 2026). Genau diese Diskrepanz ist der Kern seiner Warnung.

Technisch betrachtet verschiebt sich der Bewertungshebel bei solchen Modellen oft von klassischen Industriekennzahlen hin zu KI-gestützten Plattformversprechen. Grantham argumentiert, dass ein relevanter Teil der Annahmen im Bόrsenprospekt auf künftigen KI-Entwicklungen beruht, während das aktuelle KI-Angebot noch nicht auf Augenhöhe mit Wettbewerbern sei. Konkret nennt er konkurrierende Akteure wie Anthropic und OpenAI als Maßstab. Gleichzeitig stellt er die Machbarkeit großer Vorhaben infrage, etwa wenn sie in der Breite der Fachwelt als „denkbar“ bis „undenkbar“ eingeordnet werden. Das ist für Anleger deshalb mehr als Rhetorik: Solche Annahmen bestimmen Cashflow-Timing, Investitionsprofile und damit den gesamten Bewertungs-Discount-Rate-Block.

Am Markt zeigt sich neben der Fundamentaldiskussion ein zweites, häufig unterschätztes Element: kurzfristige Angebots- und Nachfrageeffekte. Grantham räumt trotz seiner Skepsis ein, dass der Kurs zunächst weiter steigen kann. Dafür nennt er strukturelle Gründe: Sobald das Papier in den NASDAQ 100 aufgenommen wird, geraten institutionelle Anleger und Indexfonds in Kaufzwang. Gleichzeitig ist das Angebot an frei handelbaren Aktien begrenzt. Dieses Ungleichgewicht kann den Marktmechanismus „Momentum durch Index“ auslösen, selbst wenn die langfristige Bewertung noch keine Grundlage in belastbaren Umsatz- oder Margenpfaden findet. Damit beschreibt er weniger eine klassische „Boom“-Story, sondern einen eher mikrostrukturellen Preistreiber.

Dass der Konflikt zwischen Erwartung und Bilanz tatsächlich real ist, lässt sich auch an den Zahlen festmachen, die im Text genannt werden. SpaceX wies im vergangenen Geschäftsjahr bei rund 18,67 Milliarden US-Dollar Umsatz einen Nettoverlust von etwa 4,94 Milliarden US-Dollar aus. Im ersten Quartal 2026 fiel bereits ein Verlust von rund 4,25 Milliarden US-Dollar bei rund 4,7 Milliarden US-Dollar Umsatz an. In so einer Lage wirkt jede Bewertung, die stark auf Fernzielen aufbaut, besonders anfällig für Enttäuschungskurven. Gleichzeitig zeigt der Text, dass andere Häuser trotz der roten Zahlen bullisch bleiben und Kursziele hoch ansetzen. So nennt er TipRanks-Daten mit einem durchschnittlichen Kursziel von 245,32 US-Dollar und einem Aufwärtspotenzial von rund 80,3 Prozent bezogen auf den letzten Schlusskurs von 136,08 US-Dollar. Das erklärt, warum Granthams Crash-Wahrscheinlichkeit von „mindestens 90 Prozent“ in einer Landschaft aus „Buy“-Ratings auffällt.

Ein weiterer Marktbaustein ist der Wettbewerb um narrative Kontrolle: Wer definiert den Fortschritt, wer liefert die Referenzbenchmarks, wer kann die Risiken der KI-Fähigkeiten in eine nachvollziehbare Roadmap übersetzen? Grantham differenziert dabei zwischen Unternehmensqualität und dem, was andere daraus ableiten. Er würdigt Elon Musk als Ausnahmeerscheinung, die es wiederholt geschafft habe, Erwartungen an den Aktienkurs stark zu erhöhen, um anschließend Kapital aufzubauen und Produktionskapazitäten zu finanzieren. Der Gedanke dahinter ist aus Investorensicht nicht neu: „Story“ wird zu Kapitalzufluss, Kapitalzufluss zu Output. Dennoch warnt er vor dem Kopieren dieses Mechanismus durch andere Firmen. Seine Formulierung zielt darauf, dass nur ein kleiner Teil der Projekte die Hülle aus Versprechen tatsächlich in echtes Geld verwandelt.

Auf der technischen Ebene lässt sich das als Unterschied zwischen zwei Zeitachsen lesen: Die eine Achse ist die Entwicklung messbarer KI-Leistung (Training, Inferenz, Datenqualität, Systemintegration), die andere Achse ist der Aufbau von industrieller Hardware- und Betriebsfähigkeit (Produktion, Start-/Betriebsraten, Service-Iteration). Wenn die Bewertung überwiegend auf der KI-Achse „in der Zukunft“ basiert, aber die industrielle Achse weiterhin hohe Verluste produziert, entsteht eine Bewertungsasymmetrie. Genau dort greifen Granthams Argumente: Er sieht die erforderlichen Fortschritte in der KI so groß, dass entweder die Bewertung kollabiert, oder die Gesellschaft mit weitreichenden Konsequenzen konfrontiert wird. Das ist zwar als Szenario formuliert, aber ökonomisch bedeutet es: Entweder treffen die Prognosen nicht ein, oder sie wären so einschneidend, dass das Bewertungsmodell dann ohnehin zur Nebensache wird.

Regulatorisch und sicherheitstechnisch gewinnt das ebenfalls an Brisanz, auch wenn der Text den Schwerpunkt auf die Marktreaktion legt. KI-gestützte Steuerungs- und Automationssysteme in sicherheitskritischen Umgebungen erfordern robuste Kontrollen, Auditierbarkeit und nachvollziehbare Zugriffskonzepte. Grantham spricht im Kontext von „fehlenden Kontrollen“ eine Sorge an, die sich in der Praxis häufig in Sicherheitskonzepten niederschlägt: Rollenmodelle, Logging, Modell- und Pipeline-Governance sowie Schutz vor ungewolltem Verhalten. Für Unternehmen ist das relevant, weil regulatorische Pflichten und Haftungsrisiken bei hohem Automationsgrad zunehmen. Je stärker KI als strategischer Kern in einem Bewertungsmodell verankert ist, desto stärker müssen Compliance- und Security-Anforderungen in die Unternehmensplanung einfließen.

Für die Zukunft ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild. Erstens kann der Markt kurzfristig angetrieben bleiben, weil Index-Effekte und begrenztes Free-Float-Angebot Preise von Fundamentaldaten entkoppeln. Zweitens entscheidet mittelfristig, ob SpaceX die im Prospekt angedeuteten KI- und Raumfahrtfortschritte mit überprüfbaren Ergebnissen untermauert und ob sich die Verlustkurve in eine planbare Skalierung überführen lässt. Genau diese Frage bietet Entwicklern und Enterprise-Käufern zugleich eine Chance: Teams sollten KI-Infrastruktur nicht nur als „Capability“ betrachten, sondern als auditierbare Plattform mit klaren Leistungs- und Sicherheitszielen. Wenn der Markt sich dreht, wird sich zeigen, ob Granthams Crash-Szenario eher eine Frage des Timings ist oder eine grundsätzliche Neubewertung erzwingt. Bis dahin bleibt die Debatte um SpaceX auch ein Lehrstück darüber, wie stark Künstliche Intelligenz als Bewertungsanker wirkt, sobald sie zum Versprechen einer neuen Systemgeneration wird.


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