LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große US-Studie findet keinen Zusammenhang zwischen der Beschneidung von Neugeborenen und späteren Diagnosen von Autismus-Spektrum-Störungen. Das Ergebnis wurde anhand von 2.771 Jungen ausgewertet, deren Gesundheitsdaten über mehrere Jahre verfolgt wurden. Auch Hinweise, die auf Schmerzmittel wie Acetaminophen als mögliche Ursache zielten, wirken nach den vorliegenden Aufzeichnungen unwahrscheinlich. Gleichzeitig zeigen die Daten: Frühe Umweltfaktoren lassen sich nur sauber bewerten, wenn Bias und Störvariablen im Studiendesign gezielt kontrolliert werden.

Die Debatte um eine mögliche Verknüpfung zwischen Beschneidung im Neugeborenenalter und Autismus-Spektrum-Störung bekommt neue Datenbasis: Eine große Auswertung in den USA sieht keine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Autismus bei Jungen, die unmittelbar nach der Geburt in der Klinik beschneiden ließen. Veröffentlicht wurde die Arbeit in JAMA Pediatrics. Damit rückt die Diskussion weg von der Frage „Kann das Verfahren Autismus auslösen?“ hin zu einer saubereren Sicherheitsbewertung häufiger medizinischer Prozeduren – und auch zu der Frage, wie gut sich frühkindliche Beobachtungsdaten überhaupt kausal interpretieren lassen.
Autismus-Spektrum-Störung ist eine neuroentwicklungsbedingte Diagnose, die sich über Auffälligkeiten in sozialer Interaktion, Kommunikation und häufig auch über repetitive Bewegungsmuster sowie ungewöhnliche sensorische Reaktionen definiert. Die Diagnose entsteht typischerweise durch klinische Beurteilungen von Verhalten und Entwicklung und wird in der Praxis sowohl über ärztliche Einschätzungen als auch über standardisierte Untersuchungen dokumentiert. Gleichzeitig ist der Anstieg der Diagnosen über Jahrzehnte ein realer Trend: In den USA wurde etwa berichtet, dass 2000 rund ein von 150 Achtjährigen betroffen war, während es 2022 etwa ein von 31 war. Ob dahinter nur mehr Aufmerksamkeit und veränderte Screenings stecken oder auch ein echter Zuwachs, ist weiterhin Gegenstand intensiver Forschung – und genau dort suchen Wissenschaftler nach Umweltfaktoren, die mit genetischer Vorbelastung interagieren könnten.
Spätestens weil Autismus bei Jungen deutlich häufiger diagnostiziert wird als bei Mädchen, richten sich viele Hypothesen auf frühe Expositionen, die nur bei männlichen Neugeborenen auftreten. Dazu zählt die medizinische Beschneidung, bei der die Vorhaut an der Penisspitze kurz nach der Geburt entfernt wird; in US-Krankenhäusern liegt der Anteil laut dem Kontext der Studie historisch bei etwa der Hälfte, auch wenn er in den letzten Jahren tendenziell gesunken ist. In den vergangenen Jahren kursierten zudem Spekulationen, die den möglichen Auslöser in dem körperlichen Stress der Prozedur oder in der Schmerztherapie sahen. Eine Rolle spielte dabei auch Acetaminophen (u. a. unter dem Wirkstoff-Namen bekannt), das in der öffentlichen Diskussion als mögliches Bindeglied zwischen OP und späterer Diagnose genannt wurde.
Die neue Analyse wird von Monica McGrath geleitet, die an der Johns-Hopkins-Umweltforschungsinfrastruktur zu Kindergesundheit arbeitet. Sie untersuchte die Frage, ob Beschneidung im Neugeborenenalter mit einer späteren Autismusdiagnose zusammenhängt. „We knew we had the data to help investigate this question, “ sagte McGrath in einer Mitteilung. Im Kern geht es dabei um die methodische Auseinandersetzung mit früheren Beobachtungsstudien, die teils ein erhöhtes Autismusrisiko nahegelegt hatten. Als Problemquelle nennen die Autorinnen und Autoren unter anderem mögliche systematische Verzerrungen: In Ländern wie Dänemark, wo Beschneidung vergleichsweise selten ist, geschieht sie häufig aus religiösen oder kulturellen Gründen. Das kann bedeuten, dass ungemessene Faktoren – etwa wie, wann oder ob Familien medizinische Hilfe in Anspruch nehmen – die Beobachtung verfälschen. In den USA dagegen ist die Beschneidung im klinischen Setting über viele Familiengruppen hinweg verbreitet, wodurch sich die Forscherbasis anders zusammensetzt.
Um das Risiko solcher Störfaktoren zu begrenzen, nutzten die Forschenden Daten aus dem Environmental Influences on Child Health Outcomes-Projekt. In die Auswertung flossen 2.771 Jungen aus 14 Standorten in den USA ein; alle waren Einzelkinder, damit gemeinsame Familienumwelten durch Zwillings- oder Drillingsstrukturen nicht zusätzlichen Lärm in die Statistik bringen. Die Zuordnung erfolgte über medizinische Akten: Eine Beschneidung galt als „im relevanten Zeitraum erfolgt“, wenn sie innerhalb von 28 Tagen nach der Geburt in einer Gesundheitseinrichtung dokumentiert war. Anschließend verfolgte das Team, ob später Autismus-Spektrum-Störungen diagnostiziert wurden – entweder durch elterliches Reporting, dass eine medizinische Fachkraft die Diagnose gestellt hat, oder durch dokumentierte Ergebnisse standardisierter klinischer Autismusbewertungen. Das durchschnittliche Alter bei der Diagnose lag bei knapp unter vier Jahren.
Die Zahlen liefern dabei einen relativ klaren Vergleich: Von den 2.771 Jungen hatten 1.840 die Beschneidung vor der Entlassung aus dem Krankenhaus (66 %), 931 (34 %) nicht. Insgesamt erhielten 192 Kinder im Datensatz eine Autismusdiagnose, also etwa 7 %. Bezogen auf die Beschneidungsgruppe lag der Anteil diagnostizierter Autismusfälle bei 6 % bei beschnittenen Jungen, gegenüber 9 % bei nicht beschnittenen – in der Rohbetrachtung also eher niedriger bei Beschneideten. Wichtig ist jedoch, dass die Gruppen auch in anderen Merkmalen systematisch unterschiedlich waren: Nicht beschnittene Jungen waren häufiger hispanisch, häufiger im Westen oder in Puerto Rico geboren und häufiger vorzeitig oder in intensivmedizinischer Behandlung. Nach der statistischen Adjustierung für Faktoren wie mütterliche Bildung, Region, familiäre Autismusgeschichte und elterliches Alter schrumpfte die Differenz so weit, dass sie nicht mehr statistisch bedeutsam war.
Auch die elterbasierten Fragebögen zur Risikoeinschätzung erzählen in der Logik der Studie eine ähnliche Geschichte: Nach Anpassungen ergab sich kein Zusammenhang mit höheren Scores auf der Social Responsiveness Scale oder dem Child Behavior Checklist. Die Autorinnen und Autoren prüften zudem Untergruppen, etwa nach Region, Frühgeburtlichkeit oder Aufnahme auf eine neonatale Intensivstation. In den meisten dieser Checks zeigten beschneidete Jungen ähnliche Werte oder niedrigere autismbezogene Auffälligkeiten. Eine Ausnahme tauchte bei Kindern aus dem Westen auf: Dort waren beschnittene Jungen in einem Fragebogen öfter im erhöhten Bereich, allerdings argumentieren die Forschenden, dass dies wegen der Vielzahl an Vergleichen ein statistischer Ausreißer sein könnte, der von einem einzelnen Standort getrieben wurde.
Besonders relevant für die öffentliche Diskussion um Acetaminophen war die Bewertung der Schmerztherapie. Allerdings waren die entsprechenden Daten nur für weniger als die Hälfte der beschnittenen Säuglinge verfügbar. In dieser Teilmenge erhielt nur 4 % Acetaminophen während der Prozedur; innerhalb von 30 Tagen nach der Geburt lag der Anteil bei rund 7 %. Die dokumentierte Schmerzbehandlung bestand vielmehr überwiegend aus einem Nervenblock (72 %) oder aus einer oralen Zuckerlösung (59 %), wobei auch Kombinationen vorkamen. „Parents have been concerned about this potential circumcision-autism connection, but hopefully these findings may help allay their fears, “ betonte McGrath in der gleichen Quelle. Da Acetaminophen in den Aufzeichnungen selten war, konnten die Autorinnen und Autoren den vermuteten Wirkweg nicht direkt testen; sie folgern aber, dass eine Kette vom Eingriff über die Medikation bis zur Autismusdiagnose unwahrscheinlich erscheint.
Wie bei jeder Forschung bleibt dennoch Vorsicht bei der Verallgemeinerung: Die Studie nennt begrenzte Informationen zum Krankenversicherungsstatus der Teilnehmenden. Da Versicherung sowohl beeinflussen kann, ob eine Klinikbeschneidung durchgeführt wird, als auch, wie gut Familien Entwicklungsabklärungen erhalten, könnte ein Teil der Effekte über fehlende Variablen unentdeckt bleiben. Zudem untersuchte das Team gezielt Beschneidungen direkt im Krankenhaus kurz nach der Geburt; spätere Beschneidungen oder Eingriffe außerhalb der Klinik fallen nicht in dieselbe Interpretation. Auch die Fragebogeninstrumente seien Screening-Tools und keine formalen Diagnostikinstrumente, obwohl sie das Risiko früh erkennen helfen. Schließlich repräsentiert die Stichprobe trotz der vielen Standorte nicht perfekt alle männlichen Neugeborenen in den USA. Dennoch bringt die Studie einen deutlichen Schwerpunkt in die Sicherheitsdebatte: „We observed no association between circumcision and autism in boys, but it remains important to evaluate the safety of common medical procedures, “ sagte McGrath. Parallel dazu wollen die Forschenden nun andere Erklärungsansätze für den langfristigen Anstieg der Autismusdiagnosen prüfen.
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