LONDON (IT BOLTWISE) – Bis 2048 rollt ein Vermögensübergang von 124 Billionen US-Dollar an, in dem Frauen zu den größten Gewinnerinnen zählen sollen. Gleichzeitig zeigen Umfragen, dass viele Frauen sich bei der Verwaltung einer Erbschaft oder anderer Vermögenssprünge nicht sicher fühlen. Besonders Witwen stehen vor einem doppelten Risiko aus Zeitdruck und mangelnder Einbindung in Entscheidungen. Beratungsmodelle müssen deshalb früher ansetzen und beide Partner als Kunden betrachten.

Der angekündigte Vermögensübergang in den USA bis 2048 klingt nach reiner Biografie‑Statistik, wirkt in der Praxis aber wie ein struktureller Stresstest für Finanzberatung, Nachlassplanung und digitale Serviceprozesse. Berichten von Beratungs- und Research‑Umfeldern zufolge umfasst der sogenannte „great wealth transfer“ insgesamt etwa 124 Billionen US-Dollar. Im Kern geht es dabei nicht nur um späteres Vererben, sondern um einen mehrstufigen Geldfluss: Zunächst passieren große Teile den Umweg über Übertragungen zwischen Ehepartnern, bevor Vermögen generationenübergreifend weitergereicht wird. Dass dabei besonders viel Vermögen zuerst über Witwen in andere Haushalte wandert, macht die Frage nach Vorbereitung und Kompetenzzentrierung so drängend.
In konkreten Größenordnungen wird das Momentum sichtbar: Rund 54 Billionen US-Dollar dieses Transfers sollen als „inter-spousal transfers“ zunächst den Weg über Witwen nehmen. Cerulli Associates ordnet ein, dass mehr als 95% dieses Witwenvermögens Frauen zugutekommen. Das wird in der Folge als Wachstumshebel für weiblich kontrollierte Vermögenswerte beschrieben: McKinsey rechnet damit, dass sich weiblich kontrollierte Assets bis 2030 nahezu verdoppeln – von einer im Jahr 2023 genannten Basis von etwa 18 Billionen US-Dollar auf rund 34 Billionen US-Dollar. Prozentual entspräche das etwa 38% der gesamten US‑Vermögenswerte. Genau an dieser Stelle prallen zwei Wahrheiten aufeinander: Das ökonomische Potenzial verschiebt sich stark, aber die subjektive Handlungsfähigkeit folgt offenbar nicht automatisch.
Die Lücke zeigt sich in Umfragedaten zur persönlichen Entscheidungs- und Umsetzungskompetenz. Eine Citizens‑Umfrage unter 1.500 Erwachsenen (2025) kommt auf 84% bei Frauen, die angeben, ihnen fehle das Vertrauen, eine Erbschaft oder andere finanzielle „windfall“-Situationen steuern zu können; bei Männern liegt der Wert dem Bericht zufolge bei 73%. Zusätzlich geben fast die Hälfte der Frauen (45%) an, sie fühlten sich verwirrt oder überfordert – im Vergleich zu 27% bei Männern. Interessant ist dabei nicht nur die Selbsteinschätzung, sondern auch der Kontext: Wer plötzlich in Rolle und Verantwortung wechselt, muss Zahlungen organisieren, steuerliche Schritte einordnen, Konten und Dokumente überblicken und dabei gleichzeitig Entscheidungen treffen, die juristisch und finanziell später nur schwer zu korrigieren sind.
Aus der Beratungsperspektive wird das Problem als „Readiness Gap“ beschrieben – also als Vorbereitungslücke, die durch veränderte Haushaltsrollen entsteht. Ami Doshi, Director of Business Development bei Hightower Signature Wealth, formuliert das in einem Interviewausschnitt sehr konkret: „Women outlive men, in general, and the wealth moves to the spouse first and then generationally to daughters. But there’s a readiness gap. Many don’t feel confident about decisions around wealth.“ Dass die Ursachen nicht nur psychologisch, sondern auch prozessual sind, stützt Doshi mit einer zweiten Beobachtung: „Women are very capable, but ‘boomer’ women were not very involved, either by choice or not given a seat at the table.“ In dieser Argumentation liegt der technische wie organisatorische Kern: Wenn Berater in der Regel nur den männlichen Entscheidungsträger aktiv adressieren, entsteht bei der späteren Erbschaft eine unsichtbare Schnittstelle – die Person, die formal „client“ sein müsste, wurde faktisch nie in den Daten- und Planungszustand integriert.
Doshi beschreibt außerdem, wie Beratung in der Praxis beim Übergang Brüche erzeugt: „The industry is not historically built around women, “ sagt sie, und ergänzt die typische Fallstruktur: Ein Berater spreche zwar mit dem Haushalt, aber „the adviser’s engaged with the Mr., not Mrs.“ Wenn der Mann dann früher verstirbt, „she doesn’t know she is your client.“ Besonders deutlich wird der unmittelbare Handlungsdruck durch die Aussage: „Seven of 10 widows end up leaving to go to a new adviser and ‘go to whomever can meet her where she is.’“ Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht, nur Inhalte oder Vermögensprodukte anzubieten. Entscheidend ist das Customer‑Relationship‑Design über Lebensphasen hinweg, inklusive Rollenwechsel, Dokumentationspfade und einer Übergabe, die nicht auf Vertrauen „nachträglich“ aufgebaut werden kann.
Was sollte dann konkret anders werden? Doshi nennt als Zielbild eine frühzeitige, gemeinsame Einbindung in Geldmanagement und Estate Planning: „They need to engage both husband and wife, “ lautet der zentrale Punkt. Und sie fordert eine operative Umsetzung, die sich gut in Beratungsprozesse übersetzen lässt: „Don’t have planning meetings unless both are there so, she has full clarity and input into building out their financial life. Address both husband and wife, not just who is responding. Speak to both, not just the loudest. Also, understand her relationship with money, what are her triggers?“ Parallel dazu wird der Weg hin zu besseren Abläufen auch durch Automatisierung und spezialisierte Plattformen adressiert. Im Umfeld von Nachlassabwicklung wird zum Beispiel beschrieben, dass digitale Anbieter unterschiedliche Grade an Unterstützung liefern: Alix setzt laut Darstellung auf Teams menschlicher Spezialisten, während Elayne stärker auf Automatisierung setzt und ClearEstate vor allem Anleitung und Orientierung bereitstellt.
Dass das Thema nicht nur amerikanisch ist, zeigen Vergleiche aus Kanada und dem Vereinigten Königreich: In Kanada sollen 53% der Testamentsvollstreckerinnen benannt werden, gegenüber 47% bei Männern, so eine Studie einer kanadischen Online‑Estate‑Planning‑Plattform (Willful). In der UK‑Perspektive berichtet eine YouGov‑Umfrage, dass 56% der befragten Frauen diese Aufgabe selbst erledigt hätten, gegenüber 43% der Männer; zugleich wird in dem Zusammenhang auf die zusätzliche emotionale Belastung verwiesen, wenn Estate Administration während der Trauer geschieht. Auch wenn hier Zahlen aus verschiedenen Ländern stammen, ergibt sich aus der Logik ein konsistentes Bild: Das „größte Liquiditätsereignis“ im Leben (so beschrieben von Alexandra Mysoor, Co‑Founder und Chief Executive der AI‑powered, full-service estate settlement platform Alix) ist nicht nur eine finanzielle, sondern eine operative Herausforderung. Mysoor bringt es pointiert auf den Punkt: „we need to enable inheritance. Just because you deserve the inheritance, doesn’t mean it’s easy to get it.“ Für Finanzdienstleister und PropTech‑Anbieter heißt das: KI‑gestützte Workflows sind dann am wertvollsten, wenn sie Rollenwechsel abfedern, Informationen kuratieren und den Übergang von „informiert“ zu „handelnd“ in kurzen, nachvollziehbaren Schritten ermöglichen.
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