HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Beim Startup-Wettbewerb Gründergeist 2026 standen bei der 20. Ausgabe vor allem Gründerinnen im Rampenlicht. Die ersten drei Plätze gingen an FiberGuard, exaere und RYLEVÉ, begleitet von Pitches vor einer Fachjury unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Neben nachhaltigen Verpackungs- und Recyclingansätzen spielten auch KI-Themen mit Blick auf Datensicherheit eine Rolle. Die Veranstaltung machte zudem spürbar, wie stark sich der Wettbewerb als Sprungbrett für neue Produkte in Industrie, Gesundheit und Infrastruktur positioniert.

Gründergeist 2026 in Hamburg: Wer gewinnt, wer pitcht – und warum Teams weiblicher werden
Gründergeist 2026 in Hamburg: Wer gewinnt, wer pitcht – und warum Teams weiblicher werden (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer wissen wollte, wie sich der Gründergeist im Jahr 2026 entwickelt, bekam in Hamburg vor allem eine Antwort: nicht als abstrakte Kulturdebatte, sondern in konkreten Teamkonstellationen auf der Bühne. Bei der 20. Ausgabe des Startup-Wettbewerbs, den die Wirtschaftsjunioren der Handelskammer Hamburg durchführen, standen über weite Strecken Gründerinnen im Rampenlicht. Die Dynamik setzte sich bei den Ergebnissen fort: Auf den ersten drei Plätzen landeten die Teams von FiberGuard, exaere und RYLEVÉ. Damit wird sichtbar, dass sich Sichtbarkeit und Umsetzungskompetenz im Startup-Alltag zunehmend in den gleichen Rollenballen verdichten.

Der Weg dorthin begann für viele Teams nicht auf der Bühne, sondern in einem mehrstufigen Auswahlprozess. Aus über 90 Bewerbungen wurden zunächst sieben vielversprechende Kandidaten herausgefiltert, die anschließend vor einer Fachjury pitchen durften. Anders als beim offenen Publikumspitch fand dieser Teil unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt; erst das Finale brachte wieder Sichtbarkeit, obwohl es dort bereits feststand, welche Startups die ersten drei Plätze belegen sollten. Der eigentliche Auftritt beim Finale war damit weniger ein „Gewicht verschieben durch Applaus“, sondern eine Bühne, auf der auch Investorinnen und Investoren überzeugt werden mussten. Dass dabei noch Spannung erzeugt wurde, zeigte sich am Beispiel von RYLEVÉ: Der Platz und die Prämie von 2.000 Euro wurden erst am Ende der Veranstaltung verkündet.

Inhaltlich griffen die Pitches mehrere drängende Themen auf, von Nachhaltigkeit bis zu KI mit Sicherheitsbezug. re_source stellte mit seiner Plattform einen Ansatz vor, der Unternehmen dabei unterstützen soll, die optimale Verpackung für ihre Produkte zu finden. Das Thema ist nicht nur „nice to have“, sondern bekommt durch die EU-Verpackungsverordnung, die seit dem 12. August 2026 gilt, zusätzliche Aktualität. Wer Verpackungen optimiert, reduziert typischerweise Materialeinsatz, Logistikkosten und kann zugleich regulatorische Anforderungen besser abbilden; genau in diesem Spannungsfeld ordnet sich der Plattformansatz ein. Daneben lief ein zweiter Strang durch den Wettbewerb: KI-gestützte Lösungen, die insbesondere dort Vertrauen adressieren wollen, wo Daten sensibel sind.

Vikram Sachdeva brachte mit seinem Startup Wysor eine „KI mit Schweigepflicht“ in die Diskussion und richtete sich damit gezielt an Arztpraxen und Anwaltsbüros. Der technische Kern ist in der Wettbewerbsbeschreibung nicht im Detail aufgefächert, aber die Zielgruppe macht den Fokus klar: In vielen Workflows geht es um vertrauliche Informationen, und KI-Systeme werden dort nur dann akzeptiert, wenn sie organisatorisch und technisch so eingebettet sind, dass Risiken für die Vertraulichkeit minimiert werden. Auch exaere positionierte sich an der Schnittstelle aus Technologie, Rohstoffpolitik und Umweltwirkung. Das Team arbeitet an einer Lösung, die mehrere Probleme gleichzeitig adressieren soll: kritische Rohstoffe mit hoher Importabhängigkeit, die unter menschenrechtlich und ökologisch problematischen Bedingungen gefördert werden, sowie Elektroschrott, der bisher nicht entsprechend recycelt werden kann. Für exaere war zudem die Übergabe an die Jury ein organisatorischer Punkt: Jan Dethloff, CTO von exaere, vertrat CEO Yelda Nur Demirdöǧen, die das Startup normalerweise bei Pitchveranstaltungen präsentiert.

Während die einen an Rohstoffketten und Verpackungskonzepten drehen, ging bei Universal Carbon vor allem die Frage nach skalierbaren Energiesystemen im Alltag unter. Universal Carbon entwickelt bzw. nutzt wiederaufladbare Batterien und Akkus in sehr vielen Geräten; entscheidend sind dabei auch Batteriemanagementsysteme, weil kaum zwei Batteriemodelle identisch aufgebaut sind und jedes Setup andere Anforderungen an Überwachung und Regelung stellt. Das modulare System von Anori Tech, vorgestellt von Anina Tietjens, zielt darauf, die Entwicklung neuer BMS-Prozesse zu beschleunigen und damit Zeit und Geld zu sparen. Universal Carbon war außerdem mit einer weiteren Idee vertreten: Mit einem Ansatz aus klimaschädlichen Gasen wie CO2 und Methan wertvolle Rohstoffe gewinnen zu können. Dass solche Konzepte im Wettbewerb auftauchen, zeigt den Anspruch, nicht nur fertige Software zu pitchen, sondern entlang der gesamten Wertschöpfung neue Wege sichtbar zu machen.

Gesundheitliche Praxisnähe und Infrastruktur-Resilienz standen anschließend besonders deutlich im Vordergrund. RYLEVÉ will gegen Rückenschmerzen vorbeugen, die in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern durch bestimmte Bewegungsanforderungen entstehen können. Ausgangspunkt ist ein Bewegungsprinzip, das an Alltag und Training anknüpft: Relevé bezeichnet eine Tanzbewegung aus der leichten Kniebeuge bis auf die Fußspitzen oder -ballen. Wenn Personal ähnliche Beweglichkeitsanforderungen zwar nicht ständig „abfragt“, die körperliche Beanspruchung aber dennoch entsteht, führt das schnell zu Muskelverspannungen und Rückenschmerzen. Mit Exowear setzt das Startup auf spezielle Berufsbekleidung nach dem Prinzip eines Exoskeletts, das Körperbewegungen unterstützen soll. Genau diese konsequente Übersetzung von Problem zu Produkt brachte RYLEVÉ den dritten Platz und 2.000 Euro.

Den ersten Platz holte schließlich FiberGuard – nicht, weil Brücken „selbst sprechen“, sondern weil Technik sehr spezifisch zuhören kann. Die Gründerin Sophia Lorenz brachte die Idee gleich zu Beginn auf den Punkt: Wie wäre es, wenn eine Kühlbrandbrücke „mit uns sprechen“ könnte und Auskunft darüber gäbe, wo es zu bröckeln beginnt? FiberGuard kann Brücken selbst nicht direkt zum Sprechen bringen; allerdings lassen sich mit optischen Fasern kleinste Veränderungen detektieren. Damit wird eine kontinuierliche Überwachung möglich, während viele Prüfprozesse in der Infrastruktur bislang eher in großen Intervallen erfolgen – im Text ist von einer typischen Prüfung alle sechs Jahre die Rede. Der Vorteil liegt auf der Hand: rechtzeitigere Reparaturen können höhere Baukosten vermeiden und das Risiko von Katastrophen reduzieren, wobei als Beispiel der Einsturz der Carolabrücke in Dresden genannt wird. Für Unternehmen und Entscheider heißt das: Aus Sicht der Infrastrukturbetreiber geht es weniger um „noch ein Sensor“, sondern um eine neue Taktung von Entscheidungen – und damit um Planbarkeit.

In Summe zeigt der Wettbewerb Gründergeist 2026, wie sich Startup-Themen in mehreren Branchen zugleich verdichten. Verpackung und Recycling werden durch EU-Vorgaben und Kostendruck konkreter, Batteriemanagement und Energiearchitekturen werden durch Modularität schneller anpassbar, und KI rückt bei sensiblen Workflows in den Fokus, wenn Vertrauen zur zentralen Produktanforderung wird. Dass dabei gleich mehrere Lösungen an der Schnittstelle zwischen Technik und Anwendung entstehen – von der Gesundheitsbranche über die Industrie bis hin zu Infrastruktur – macht den Wettbewerb auch für Partner und Nachwuchsteam-Mitgründer interessant. Der nächste Schritt für die Teams ist jetzt weniger die Bühne als die Umsetzung: Wer nach dem Pitch-Prozess in der Lage ist, Pilotprojekte in reale Betriebs- und Entscheidungsprozesse zu überführen, entscheidet oft nicht nur über Wachstum, sondern über die Geschwindigkeit, mit der neue Standards in den Alltag gelangen.


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