HANNOVER / LONDON (IT BOLTWISE) – In Hannover startet über mehrere Monate ein öffentliches Kunstprojekt, das Besucherinnen und Besucher dazu einlädt, die Stadt entlang des touristischen „Roten Fadens“ neu zu lesen. Die iranische Künstlerin Farzane Vaziritabar verknüpft Ausstellungen im Sprengel Museum und weitere Stationen mit 36 Performances und Interventionen im Stadtraum. Im Zentrum stehen Fragen, wie Geschichten entstehen, welche Orte sichtbar werden – und welche Stimmen im öffentlichen Raum ausgeblendet bleiben. Getragen wird das Programm vom Kunstpreis „Hannes Malte Mahler – it is art“ mit einem Preisgeld von 15.000 Euro.

In Hannover bekommt der touristische „Rote Faden“ erstmals eine künstlerische zweite Schicht: Mit „Colorful Threads“ macht die iranische Künstlerin Farzane Vaziritabar über mehrere Monate den Stadtraum selbst zum Medium. Das Projekt ist nicht als Einzelausstellung gedacht, sondern als Kette aus Ausstellungen, Performances und Interventionen, die die Wahrnehmung der Stadt entlang bekannter Wege neu codieren. Damit verschiebt sich der Fokus von „Sehen“ zu „Lesen“: Welche Geschichten tragen Orte, wer erzählt sie, und warum bleiben andere Perspektiven leiser? Genau hier setzt das Programm an.
Technisch betrachtet lohnt der Blick auf die Infrastruktur solcher ortsgebundenen Formate: Auch wenn es sich nicht um Software im klassischen Sinn handelt, ähnelt die Umsetzung einer verteilten Systemarchitektur. Mehrere Spielorte – das Sprengel Museum, das Museum Wilhelm Busch, die Portikushalle des Niedersächsischen Landtags sowie Räume des Vereins Feinkunst – erfordern zeitliche Synchronisation, klare Schnittstellen zwischen Kuratorik, Künstlerteam und lokalen Partnern sowie robuste Logistik für Material, Personal und Publikumssteuerung. Vaziritabars Ansatz nutzt dabei den Stadtraum als „Verarbeitungsinstanz“, in der einzelne Aktionen zu einem Gesamt-Narrativ aggregieren.
Ökonomisch und programmpolitisch ist das Vorhaben ebenfalls bemerkenswert, weil es mit dem Kunstpreis „Hannes Malte Mahler – it is art“ gleich eine starke Finanz- und Sichtbarkeitsbasis erhält. Der Preis ist mit 15.000 Euro dotiert und umfasst zusätzlich ein Projekt- und Produktionsbudget von bis zu 105.000 Euro. Branchenweit gilt: Je höher die Budgets für Produktion und Koordination, desto eher können Künstlerteams mit komplexeren Formaten arbeiten, statt nur auf minimale Requisiten auszuweichen. In Deutschland gibt es zwar zahlreiche Programme für Kunst im öffentlichen Raum, doch die Kombination aus mehreren institutionellen Stationen und 36 Einzelaktionen über rund fünf Monate macht „Colorful Threads“ zu einem besonders kuratierten Gesamtsystem.
Der Markt- und Wettbewerbsbezug zeigt sich vor allem in der Art, wie Publikum nicht nur „konsumiert“, sondern aktiv eingebunden wird. Als Vergleich lässt sich an ähnliche kuratorische Reihen denken, wie sie große Kulturinstitutionen regelmäßig unter dem Stichwort „partizipative Stadtformate“ aufsetzen: Dort entscheidet Timing, ob Interaktion gelingt, und ob sich Aktionen in die Alltagsdynamik der Stadt einfügen. Experten beobachten in solchen Projekten häufig einen Effekt, den man auch aus UX-Design kennt: Wenn der Zugang niedrigschwellig ist und die Handlung eindeutig bleibt, steigt die Bereitschaft, sich auf den Kontext einzulassen. Bei Vaziritabar spielt diese Logik eine Rolle, etwa bei einer Frisbee-Intervention vor dem Neuen Rathaus.
Genau dort wird das Konzept konkret: Passanten sollen unter der Frage „Verspielen wir unsere Menschenrechte?“ mit Frisbees spielen, auf denen Artikel aus dem Grundgesetz stehen. Damit werden Verfassungsinhalte nicht als abstrakter Text präsentiert, sondern in eine körperlich erfahrbare Situation übersetzt. Eine zweite Aktion im Maschpark verbindet die Namen Hannah Arendt und Clara Zetkin und greift Themen wie Freiheit, Widerstand und Identität auf. Sprengel-Direktor Reinhard Spieler ordnet das Projekt entsprechend ein: Er betont, Vaziritabar mache sichtbar, „wie sehr Wahrnehmung von Stadt eine Frage von Macht, Auswahl und Auslassung ist“. Diese Passage ist zentral, weil sie die ästhetische Entscheidung als gesellschaftspolitische Rahmung liest.
Die programmatische Umsetzung bleibt dabei nicht auf eine einzige Ebene beschränkt. Im Sprengel Museum ist die Ausstellung „Colorful Threads. From Line to Action“ vom 14. Juni bis zum 27. September zu sehen, während weitere Stationen die „Line“ räumlich erweitern: Museum Wilhelm Busch, Portikushalle des Niedersächsischen Landtags und Räume des Vereins Feinkunst. Diese Aufteilung erinnert an den Medienwandel in der Kulturbranche: Historisch waren ortsbezogene Projekte oft punktuell; mit der zunehmenden Professionalisierung des Kulturbetriebs wurden sie über Jahre hinweg stärker vernetzt. „Colorful Threads“ nutzt diese Entwicklung, um die Stadt als kontinuierliche Bühne zu behandeln statt als Hintergrund.
Auch aus Governance- und Datenschutzsicht lässt sich eine indirekte Lehre ableiten, selbst wenn das Projekt keinen digitalen Service wie eine App ankündigt: Sobald öffentliche Räume bespielt werden, entstehen Anforderungen an rechtssichere Rahmenbedingungen. Dazu gehören typischerweise Fragen nach Einwilligung, Bildrechten bei interaktiven Elementen, barrierearmer Gestaltung sowie der sorgfältigen Abstimmung mit Eigentümern und Betreiberverantwortlichen. Gerade bei Aktionen, in denen Publikum physisch aktiviert wird, muss die Kuratierung so gedacht sein, dass keine unbeabsichtigten Daten- oder Sicherheitsrisiken entstehen. In diesem Sinne ist die „öffentliche“ Dimension nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein organisatorischer Anspruch.
Der Ausblick ist deshalb mehr als kulturelle Kalenderplanung: Mit 4 Ausstellungen und 36 Kunstaktionen in einer Laufzeit von rund fünf Monaten setzt das Programm ein starkes Signal an die Stadtgesellschaft. Für die künftige Produktion solcher Projekte bedeutet das, dass Teams künftig häufiger wie „Cross-Functional“-Organisationen arbeiten müssen – zwischen Kunst, Technik der Abläufe, Recht und Öffentlichkeitsarbeit. Für Entwicklerinnen und Entwickler in der Medien- und Kulturtechnikbranche steckt zudem eine Chance darin, neue Werkzeuge für ortsgebundene Erzählungen zu schaffen, etwa für Interaktions-Tracking ohne personenbezogene Daten oder für die dynamische Koordination von Programmen. Wenn „Colorful Threads“ skaliert werden kann, dann vor allem, weil es ein wiederholbares Muster zeigt: eine wiedererkennbare Route plus wechselnde Aktionen, die Deutung aktivieren statt nur zu dekorieren.
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