HAMBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Rolf Habben Jansen, Chef von Hapag-Lloyd, beschreibt die Lage der größten deutschen Containerreederei als weiterhin volatil. Für das erste Halbjahr 2026 erwartet Hapag-Lloyd laut seinen Angaben einen Nettoverlust von 148 Millionen Euro, unter anderem belastet durch den Konflikt im Iran. Gleichzeitig rückt die Reederei ihre operative Planbarkeit vor: Routen werden umgestellt, Kapazitäten über das Mittelmeer und den Suezkanal genutzt und die Zusammenarbeit in der Allianz Gemini mit Maersk soll bis 2027 noch effizienter werden. In der Klimadiskussion nennt Jansen Kernenergie als langfristig prüfenswerte Option für sehr große Containerschiffe.

Bei Hapag-Lloyd hat sich das Geschäftsbild nach den pandemiebedingten Ergebnisspitzen wieder spürbar normalisiert, nur eben nicht in Richtung Planbarkeit. Während die Reederei zwischen 2021 und 2023 insgesamt rund 29 Milliarden Euro verdient haben soll, sank das Konzernergebnis seitdem deutlich. Für das erste Halbjahr 2026 beziffert Hapag-Lloyd den Nettoverlust auf 148 Millionen Euro; die Stadt Hamburg hält dabei 13,9 Prozent. Das ist der Kontext, in dem Rolf Habben Jansen die Lage als „volatil“ einordnet: nicht nur wegen schwankender Nachfrage und Transportzeiten, sondern vor allem wegen externer Schocks, die sich in Treibstoffkosten, Umweg-Routen und damit in der Auslastung der Flotte direkt abbilden.
Auf operative Ebene zeigt sich das aktuell besonders an zwei Themen: den Auswirkungen von Kriegen und Krisen sowie an physikalischen Engpässen in Wasserstraßen. Habben Jansen nennt für die erste Jahreshälfte 2026 Belastungen in Höhe von 600 Millionen US-Dollar, ausgelöst durch den Konflikt im Iran, darunter höhere Treibstoffkosten. Die Reaktion erfolgt dabei weniger als Ad-hoc-Korrektur, sondern über Teams, Protokolle und interne Prozesse, die das Unternehmen bereits über Jahre systematisch etabliert hat. Zusätzlich wird Cyber- und hybride Gefahrenlage als wachsendes Risiko beschrieben; gleichzeitig betont der Vorstand, dass vollständiger Schutz praktisch nicht erreichbar ist. Auf der Routenebene zieht Hapag-Lloyd klare Linien: Schiffe bleiben vorerst aus dem Persischen Golf heraus, Teile der Ladung laufen stattdessen über Land, unter anderem via Oman und Saudi-Arabien; zugleich fehlt dadurch Transportkapazität und das Re-Positionieren leerer Container wird erschwert.
Auch der Panamakanal spielt in der Routenplanung eine Rolle, nur diesmal wegen Wetter und Wasserständen: Aufgrund von El Nino im Pazifik kommt es zu geringeren Tiefgängen, wodurch Schiffe mit weniger Tiefgang durchfahren können. Das reduziert nicht nur die Durchsatzfähigkeit, sondern führt auch dazu, dass weniger Slots für Container an Bord verfügbar sind; entsprechend müssen die Planungen umgestellt werden. Habben Jansen beschreibt, dass sich das Problem nicht völlig neu anfühlt: Vor einigen Jahren habe Hapag-Lloyd bereits vergleichbare Schwierigkeiten am Panamakanal erlebt, weshalb das Unternehmen die Anpassung als Routineprozess behandelt. Ob daraus künftig mehr Fahrten entlang Südamerikas entstehen, bleibt offen; derzeit sieht man dafür offenbar keinen ausreichenden Anlass, weil alternative Routen nicht automatisch die Engpässe anderer Knotenpunkte ausgleichen.
Während die kurzfristige Logistik an Wetter, Sicherheit und Geopolitik hängt, arbeitet Hapag-Lloyd parallel an Kapazitäts- und Netzwerkentscheidungen, insbesondere über Terminals. Im Gespräch ordnet Habben Jansen die Rolle der deutschen Häfen als weiterhin groß ein: Hamburg bleibt der Heimathafen, mit Beteiligungen in Altenwerder und künftig auch am Eurogate-Terminal. Entscheidend ist dabei nicht nur „wo“ umgeschlagen wird, sondern „wie viel“ zusätzlich auf den eigenen Pfaden ankommt. Nach Darstellung des Vorstandsvorsitzenden schlägt Hapag-Lloyd in Hamburg, Bremen und Wilhelmshaven mehr Ladung um als noch vor der Beteiligung am JadeWeserPort; ein Teil der zuvor in Rotterdam abgefertigten Transshipment-Ladung werde inzwischen in Wilhelmshaven abgewickelt. Dieses Argument verbindet Marktlogik mit Infrastruktur: Wilhelmshaven wird als Transshipmenthafen beschrieben, an dem viel Ladung auf kleinere Schiffe weiter in die Region verteilt oder anschließend auf Überseeschiffe umgeschlagen wird.
Damit landet das Gespräch bei Rotterdam und der Frage, wie man Kapazität in Europas größtem Hafen planbar absichert. HGT will sich in der Maasvlakte-Region am Terminal eines Partners beteiligen, Habben Jansen nennt als Begründung auch den gesicherten Zugriff auf Kapazität: Hapag-Lloyd sei bislang die einzige große Reederei ohne eigene Beteiligung in Rotterdam. Gleichzeitig ist die operative Zusammenarbeit mit Maersk nicht abstrakt, sondern läuft bereits im Rahmen der Gemini Cooperation; die Anlage von Maersk (APMT) wird als hochleistungsfähig eingeordnet und soll weiter ausgebaut werden. Wer hier Kapazität als „Ringanker“ für die gesamte Linienplanung versteht, erkennt den Zusammenhang zur Allianzstrategie: Im Fokus steht, die 90-Prozent-Fahrplan-Zuverlässigkeit zu liefern, und danach Schritt für Schritt die Kooperation zu verbessern. Habben Jansen sieht zudem kulturelle Nähe, weil beide nordeuropäische Carrier seien; die Unterschiede zu früheren Allianzpartnern in Taiwan, Japan oder Korea seien laut seiner Einschätzung spürbarer gewesen.
Ein weiterer Baustein der Strategie betrifft die Investitionslogik hinter Terminalbeteiligungen. Habben Jansen erklärt, dass vor zehn oder 15 Jahren schlicht Kapital für eigene Terminalinvestitionen gefehlt habe, während Wettbewerber deutlich aggressiver aktiv gewesen seien. Terminalkapazität sei heute knapp, insbesondere in Asien; folglich versucht Hapag-Lloyd aufzuholen. Für künftige Investitionen nennt er Standorte, die für die Reederei wichtig sind und zugleich wirtschaftlich Sinn ergeben, inklusive Maasvlakte/Rotterdam sowie eines Neubauprojekts in Aracruz in Brasilien, das bereits früher angekündigt worden sei. Er betont dabei eine nüchterne Sicht auf Projektfortschritte: Am Ende wisse man nie, was zum Abschluss kommt. Übergeordnet ist aber der methodische Anspruch klar: Terminalbeteiligungen sollen nicht nur Umschlag absichern, sondern den Spielraum schaffen, Routenänderungen bei Krisen schneller zu kompensieren.
Auch die Klimadiskussion greift Hapag-Lloyd in einer Weise auf, die technische Machbarkeit und Zeitachse bewusst trennt. Der Vorstand betont, dass die Schifffahrt sauberer werden und Emissionen reduziert werden müssen. Gleichzeitig kritisiert er, dass es kein echtes internationales „Level Playing Field“ gebe, weil die internationale Entwicklung politisch und auf Verhandlungsbasis gestaltet werde. In der konkreten Diskussion um alternative Kraftstoffe verweist er auf Orderbücher: Viele Antriebe mit tiefgekühltem, verflüssigtem Erdgas sowie einzelne auf Methanol-Basis seien geplant; beides senke CO2- und Partikel-Emissionen im Vergleich zu dem, was heute verwendet werde. Entscheidend sei jedoch, dass die wirklich klimaneutralen Treibstoffe gegenwärtig nicht ausreichend verfügbar seien, was die Umsetzung noch Zeit braucht. Vor diesem Hintergrund nimmt er auch Kernenergie als Antrieb „ernst“: Zehn bis 15 Jahre nach vorn könne Kernenergie eine echte Alternative sein, besonders für sehr große Containerschiffe. Allerdings werde das nicht die Reaktortechnik sein, mit der heute Strom erzeugt werde; er verweist auf eine andere Technik, die in den USA und auch andernorts intensiv erforscht werde. Kernenergie müsse demnach zumindest geprüft werden, obwohl er einen kommerziellen Einsatz vor 2035 für sehr unwahrscheinlich hält.
Motivationsseitig schließt Habben Jansen den Kreis zur strategischen Ausdauer, die gerade in so volatilen Märkten nötig ist. Er sagt, er sei seit zwölf Jahren Chef und es sei „noch nie langweilig“ gewesen: Fusionen, Pandemieeffekte mit Windfall Profits, danach ein schwieriger Schifffahrtsmarkt. Sein Antrieb sei weniger ein starres Zielbild als eine Aufgabe, die herausfordernd bleibe, und die Zusammenarbeit mit den Teams. Konkreter wird er auch personell: Er habe einen Vertrag bis 2029 und plane, diesen zu erfüllen. Danach, so die Botschaft, werde neu bewertet. Für Unternehmen in der maritimen Lieferkette bedeutet das vor allem eines: Wer auf verlässliche Fahrpläne, Kapazitätszugriff und Emissionspfade angewiesen ist, muss parallel in operative Resilienz und in Infrastruktur investieren – und darf den Energiepfad nicht losgelöst von Verfügbarkeit, Umsetzungszyklen und internationaler Regulierung betrachten.
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