LONDON (IT BOLTWISE) – Die Harvard Business School bringt mit HBS Foundry ein achtwöchiges Bootcamp an den Markt, das Gründer mit KI-Avataren trainieren lässt. Für 699 US-Dollar sollen Teilnehmer Business-Ideen schärfen, Investor-Pitches proben und Gespräche mit Kunden vorbereiten. Laut Programmangaben lief der Start im April bereits erfolgreich an. Nutzer berichten vor allem von dem Reiz, jederzeit auf „Professoren“-Guidance zugreifen zu können, auch wenn es sich um digitale Klone handelt.

Die Idee wirkt auf den ersten Blick wie ein Experiment am Rand der klassischen Business-Ausbildung: Statt ausschließlich auf Vorlesungen, Workshops und Campus-Kontakt zu setzen, lässt die Harvard Business School Gründer über KI-gestützte Avatare „coachen“. Das Bootcamp trägt den Namen HBS Foundry und ist als achtwöchiger Online-Kurs konzipiert, der bereits seit April im Rollout ist. Im Zentrum steht dabei ein ungewöhnlich direkter Lernmodus: Die Teilnehmer sollen nicht nur Inhalte konsumieren, sondern ihre Business-Logik immer wieder durchspielen – vom Rohkonzept bis zur Interaktion, die am Ende über Geldgeber und Marktzugang entscheidet.
Technisch beschreibt das Programm einen Ansatz, bei dem KI-generierte Versionen von Fakultätsmitgliedern als didaktische Stellvertreter agieren. Konkret sollen die Avatare helfen, Business-Ideen zu verfeinern, Investor-Pitches zu üben und für Gespräche mit Kunden vorzubereiten. Das Training ist bewusst als „Rehearsal“-Schleife gedacht: Wer eine Idee vorstellt, braucht mehrere Iterationen, nicht nur einmal Feedback. Entscheidend ist dabei der Takt, denn digitale Coaches lassen sich rund um die Uhr nutzen. Im Programmkontext wird diese Verfügbarkeit als einer der größten Anreize genannt, weil Gründer ihre Antworten, Struktur und Argumentationskette auch außerhalb fester Kurszeiten testen können.
Der Markt- und Praxisbezug zeigt sich daran, wie stark das Bootcamp auf das Zusammenspiel aus KI-Coaching und menschlichen Netzwerken setzt. HBS Foundry kombiniert KI-gestützte Anleitung mit Online-Foren, regulärem Kursmaterial und Live-Sessions, in denen Gründer, Investoren und Fakultätsmitglieder direkt zusammenkommen. Der Ansatz ist damit nicht nur „Lernen per Chat“, sondern ein hybrides Format: Die KI übernimmt das schnelle Üben und die wiederholbare Ansprache, während Foren und Live-Termine soziale Validierung und echte Gesprächsdynamik liefern. Gleichzeitig richtet sich das Programm an unterschiedliche Zielgruppen – von Teilnehmern, die selbst zahlen, bis hin zu Studierenden anderer Universitäten, die eingebunden werden.
Historisch betrachtet knüpft das Vorhaben an eine breitere Entwicklung in der KI-gestützten Bildung an: Weg von statischen Lerninhalten hin zu interaktiven Systemen, die Feedback liefern, Fragen beantworten und Trainingsszenarien simulieren. In diesem Fall wurde das Konzept allerdings nach Nutzerfeedback deutlich verfeinert. Zunächst plante das Team 2024 eher einen einfachen Chat, der für Unternehmer aufgesetzt werden sollte. Nachdem Rückmeldungen klar machten, dass eine stärkere Führung im Lernprozess den Mehrwert erhöhen würde, entwickelte sich das Produkt zu einem strukturierteren Coaching-Erlebnis. Ein weiterer UX-Schritt war die Einbindung eines Fotos der jeweiligen Professorenperson im Chatbot, wodurch das System eine wahrnehmbare Nähe zur realen Lehrfigur herstellen sollte – auch wenn die Interaktion inhaltlich über einen digitalen Avatar läuft.
Dass die Avatare nicht als reines „Gimmick“ verstanden werden, zeigen die Stimmen aus dem Umfeld konkreter Nutzer. Ein Beispiel ist ein Bootcamp-Teilnehmer, der für seinen technischen Pitch eine Lösung rund um einen elektromagnetischen Jet-Antrieb für Anwendungen unter Wasser vorbereitet, inklusive Pumpsystem. In seiner Darstellung wird sichtbar, wie KI-gestütztes Coaching beim Wechsel von „Technikidee“ zu „Investorwürdigem Narrativ“ hilft: Der Nutzen entsteht, indem man die vielen potenziellen Use Cases sortiert und in einen überzeugenden Pitch übersetzt. Ähnliche Rückkopplungen gibt es auch aus dem Unternehmerlager, etwa bei einer Gründerin im Biotech-Kontext, die das Programm nach einer bereits weit fortgeschrittenen Finanzierungsrunde nutzt und vor allem das praktische Üben hervorhebt.
Gleichzeitig betont das Programm, dass trotz KI-Instruktion die menschliche Komponente erhalten bleibt. Für viele Nutzer ist genau diese Balance der Grund, warum die Plattform Akzeptanz findet: Foren ermöglichen Austausch untereinander, und Live-Sessions sorgen dafür, dass Entscheidungssituationen nicht komplett simuliert werden. Auch aus Fakultätskreisen wird das Narrativ bestätigt, dass die Teilnehmer zwar stark mit der KI arbeiten, die Erfahrung aber „zur Menschlichkeit“ zurückführt – also zu dem, was Gründer brauchen, um echtes Vertrauen aufzubauen. Im Ergebnis positioniert sich HBS Foundry damit als Skalierungsversuch für Entrepreneurship Education: Es soll die Betreuungskapazität einer Elite-Ausbildung auf ein breiteres Publikum ausdehnen, ohne die persönliche Interaktion vollständig zu ersetzen.
Für Unternehmen und Investoren ist der Wettbewerb um „Startup Enablement“ damit ein Stück konkreter geworden. Wenn eine Institution für 699 US-Dollar einen systematischen Lernpfad anbietet, in dem sich Pitching und Gesprächsvorbereitung in Wiederholungen trainieren lassen, steigen die Erwartungen an digitale Trainingsprogramme allgemein. Gleichzeitig entsteht ein Spannungsfeld: KI kann Prozesse beschleunigen, aber sie ersetzt nicht die Wirkung echter Rollenklärung, Partnernetzwerke und die Nuancen realer Gespräche. Die nächsten Monate werden zeigen müssen, wie gut solche KI-Avatare langfristig in erfolgreiche Projekte übergehen – etwa daran, ob sich die Qualität der Pitch-Struktur, die Zahl der anschließenden Investorengespräche und die Trefferquote in frühen Kundendialogen messbar verbessern. Bis dahin bleibt HBS Foundry vor allem ein Signal: KI-Coaching wird in der Entrepreneurship-Ausbildung nicht nur getestet, sondern systematisch als Produkt gedacht.
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